Michael Angele
Ausgabe 5016 | 28.12.2016 | 06:00 5

Mein Sohn, hier steht alles drin

Erziehung Michael Angele über einen jungen Clash-Hörer, 40 Jahre Punk und den Buchklassiker von Jon Savage

Mein Sohn, hier steht alles drin

Was tun, wenn der Sohn bereits mit sechs Jahren seine erste Clash-Phase durchlebt?

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Vor ein paar Wochen hörte mein Sohn, er ist sechs, nichts anderes als die Clash. Genauer gesagt, er hörte die zweite CD von Sandinista!. Er hatte sie irgendwo in unserer Wohnung gefunden, wo sie achtlos herumlag, und es war mir völlig unmöglich, ihm klarzumachen, was diese Musik einmal für mich bedeutet hatte.

Ich hatte mir 1980 die Platte gekauft, ein Triple-Album, und nicht die CD, die ich mir besorgt hatte, als ich meine Plattensammlung in den 90er Jahren weitgehend aufgelöst hatte und nur noch eine schwer erklärbare Minisammlung behielt, die unter anderem – warum nur? – die EP Warm Leatherette der Band The Normal enthielt. Die CD-Sammlung existiert dagegen bis heute relativ vollständig, aus dem einzigen Grund, dass sie anders als eine Plattensammlung kaum Platz wegnimmt.

Sandinista! war damals die Öffnung des Punks zur Welt (manche sagen: sein Ausverkauf, sein Verrat). So viele Genres, so stilvoll vorgetragen: Reggae, Dub, Rock ’n’ Roll, Jazz, Swing, sogar Gospel. Nur der Punk selbst fehlt, es sei denn, man begreift die enorme Energie in diesen Stücken als Punk. Aber halt, ein klassisches Punkstück gibt es doch, die Kinderliedversion von Career Opportunites, das 1977 geschrieben wurde: „The offered me the office, offered me the job / They said I’d better take anything they’d got …“

Mein Sohn konnte bald nicht nur Joe Strummers unverwechselbare Yella-Schreie nachmachen, sondern ganze Songs mehr oder weniger lautmalerisch nachsingen. Ein paar Wochen ging das so, jeden Tag Clash, es wurde mir fast zu viel, dann hörte die Clash-Phase im Leben meines Sohns wieder auf, und er kehrte zu Cro, „Flash mich“ und den ersten schrecklichen Versuchen des Flötenspiels zurück.

Es war reiner Zufall gewesen, dass er sich den Clash zuwandte. Ein Zeichen ohne Bedeutung. Und doch wird er sich vielleicht einmal daran erinnern, dass er als kleiner Junge die Clash nachgesungen hatte, besser gesagt, ich werde es ihm sagen. Und vielleicht wird er dann wissen wollen, wer die Clash sind, von denen dann wohl kein einziges Mitglied mehr leben wird, außer vielleicht der Gitarrist Mick Jones, der sie, man kann das auf Youtube verfolgen, möglicherweise alle mit seinem herrlichen, grundbekifften Grinsen überleben wird.

Vielleicht wird mein Sohn also mehr wissen wollen, und ich nehme mir vor, dass ich ihm dann ein Buch überreiche, falls ich dazu noch in der Lage sein werde: Mein Sohn, lies das, da steht es drin. Ich meine England’s Dreaming von Jon Savage. Das Original erschien 1992. 2001 brachte es Klaus Bittermann in seiner Edition Tiamat auf Deutsch heraus. Ich besogte mir das Buch damals natürlich.

Aber so, wie ich meine Plattensammlung auflöste, zerstörte ich auch meine Büchersammlung weitgehend, denn wenn man mich fragte, was Punk heute bedeuten könnte, dann würde ich vielleicht sagen: das Bedürfnis, sich Luft zu verschaffen, und die Einsicht, dass alle Kultur letzten Endes Müll ist. Das eine verweist übrigens auf Adorno, das andere auf den „destruktiven Charakter“ von Walter Benjamin. You take it, or leave it, each time.

Jedenfalls, ich habe mir das Buch von Jon Savage neu bestellt. Es ist in diesem Jubiläumsjahr 2016 in die dritte Auflage gegangen. Darin befindet sich auch ein Vorwort von Savage zur Auflage von 2000, zu einer Zeit also, als der Punk längst historisch war. Der Autor fragt sich in diesem Vorwort, was von Punk bleiben wird, und antwortet: Nicht „als Musik, als Kultur oder als Band“ werde er weiterleben, sondern „als allgemeines Symbol für jugendliche Unzufriedenheit, Rebellion und Störung der öffentlichen Ordnung“. Das ist bestimmt nicht falsch, aber keine wirklich befriedigende Antwort.

Aber es gibt halt keine befriedigende Antwort, was es war, denn was es auch war, es war immer irgendwie anders und mehr. Es war eine Riesensehnsuchtsmaschine und zugleich der Versuch, diese Maschine gründlich zu zerstören, und noch das ist irgendwie ein Blablaba. Wenn mein Sohn das ansatzweise verstanden hat, kann ich mich glücklich schätzen.

Info

England’s Dreaming: Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock Jon Savage Klaus Bittermann (Hg.), Conny Lösch (Übers.), Edition Tiamat 2016, 544 S., 14,95 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.

Kommentare (5)

Mypointofview 28.12.2016 | 20:18

Wenn du deinem Sohn wirklich zeigen willst was Punk nicht nur war, sondern nach wie vor ist, warte bis er alt genug ist um das, was er hören und sehen wird richtig einschätzen zu können. Etwa 13 - 14 m.E. Dann pack' ein Zelt und die dazugehörige Ausrüstung für ein Wochenende ein und geh' mit ihm aufs Ruhrpott Rodeo. Vorzugsweise in einem Jahr, in dem die Kassierer auftreten, was alle 2 Jahre der Fall ist. Dann kann er nebenbei auch gleich lernen was Dadaismus bedeutet und wird einen schön weitgefassten Begriff von Kunst mit auf seinen Weg nehmen können. Es braucht natürlich etwas Vorarbeit, damit er nicht schockiert und erschreckt wird von den Eindrücken. Und entsprechende Erklärungen vor Ort, wenn nötig. Sieh' es dir am besten selbst mal vorher an. Ist auf jeden Fall interessant, auch z.B. zu sehen wie reibungslos die (Selbst-)Organisation funktioniert wenn die Polizei sich in weitem Umkreis zurückhält. Biervorrat nicht vergessen! Viel Spaß!

goedzak 30.12.2016 | 14:35

Danke!

Mit Sandinista kam ich vom subkulturell gesteuerten Attitüden-haften, sozusagen symbolisch-distinktiven Musikhören zum Musikhören - auch eine Seite des Erwachsenwerdens. Sandinista war kein Verrat, für mich war es eine Befreiung und ein großartiger Aha-Effekt.

PS. Und wie das hier geschrieben ist, alle Achtung - ich lüfte meinen Porkpie! :-)

Richard Zietz 30.12.2016 | 15:27

Eigentlich hat das Sandinista!-Album gut auf den Punkt gebracht, wohin 1980 die Reise beim Punk ging. Es wartete ja auch so viel – Dub, Reggae, Neoswing, und der musikalisch inovativere Teil der 77er-Rebellion war eh bereits bei New Wave und Gothic angelangt.

Absoluter Bringer-Song auf den Album – in meinen Augen The Magnificent Seven. Clash-technisch der Album-Himmel war für allerdings der Vorgänger, London Calling. Die ultimative Version des Titelsongs durfte ich ca. zehn Jahre später erleben – in der Version der Pogues, bei denen Clash-Sänger Joe Strummer – nach dem finalen Rausschmiss von Shane McGowan – kurzzeitig eingesprungen war.

An die Jugend vermitteln: kann man diese herrliche Zeit gar nicht mehr. Die müssen ihr eigenes Ding machen – hoffen wir, dass am Ende mehr herausgekommen sein wird als nur das da.

Gold Star For Robot Boy 30.12.2016 | 21:35

Und wie reagierten die Hamburger Proll Punks als die Clash in die Stadt kamen?

"Das Clash-Konzert vom 19. Mai 1980 in der Hamburger "Markthalle" war von Anfang an von Protesten gegen die Band geprägt. Seit Clash im Januar 1977 einen Plattenvertrag mit dem Musikmulti CBS abgeschlossen hatte, galten sie in der Punkszene als "elende Verräter, die sich an den Kapitalismus verkauft" hatten. Hier die Ausschnitte, als das Konzert kurz vor dem Abbruch stand. Das Konzert mußte schließlich auf Anordnung der Polizei zu Ende gebracht werden, um schlimmere Ausschreitungen zu verhindern. Unmittelbar nach dem Konzert wurde der Sänger Joe Strummer verhaftet, da er einem Punk seine Gitarre über den Schädel gezogen und schwer verletzt hatte." (You Tube)