Die Heimat leidet

Wohnen Die Städte werden unbezahlbar, die Zersiedelung schreitet voran, viele verlieren ihr Zuhause. Und Heimat-Minister Horst Seehofer? Der redet über den Islam
Die Heimat leidet
Heimat ist da, wo man mit Boden nicht reich wird. Das wusste schon Franz Josef Strauß

Foto: Joachen Tack/Imago

Wer sich mit Details dieser Regierung nicht so beschäftigt und einfach die Berichterstattung verfolgt, könnte meinen, dass das sogenannte Heimatministerium richtig „Horst Seehofers Bundesministerium für Heimat und Islamkritik“ heißen muss. Dem ist aber nicht so, das Ministerium heißt tatsächlich Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Noch mal: für Bau und Heimat. Da gibt es gefühlt schon einen Zusammenhang. Zyniker mögen eher an das Wohnungsunternehmen Neue Heimat denken und an einen der größten Skandale der BRD, außerdem an anonyme Betonklötze, Trabantensiedlungen, also an viel Bau und wenig Heimat.

Man darf bei Bau und Heimat auch an den Philosophen Heidegger denken, also an viel Heimat und wenig Bau, Holzhütten im Wesentlichen. Bauen heißt nach Heidegger, sich im „Geviert“ aus Himmel und Erde, Göttlichem und Sterblichem zu verorten. Ein interessanter Gedanke, allerdings nicht ganz leicht, ihn auf die Heimatdiskussion zu drehen. Denken wir also lieber simpel. Denken wir an Jens Spahn, der zwar Gesundheitsminister ist, aber offenbar noch als Außendienstmitarbeiter des Heimatministeriums beschäftigt wird und sich hier mit Einlassungen zu Zwangsheirat, Burkaverbot und „Islamgesetz“ profiliert. Aber wenn Spahn sich schon berufen fühlt, sich um die Heimat zu sorgen, warum stößt er dann, inschallah, keine Debatte über die Krise des Wohnens an? Städte werden unbezahlbar, Zersiedelung schreitet voran, Heimat leidet.

Die Sache betrifft und beschäftigt nun wirklich viele. Gewiss, die Demo gegen „Mietenwahnsinn“, die an diesem Wochenende in Berlin stattfand, hätte mehr als rund 20.000 Teilnehmer verdient, aber wer Zeitungen liest, und zwar nicht nur Berliner Lokalzeitungen, bekommt einen anderen Eindruck von der Dringlichkeit der Probleme. Der Wohnungsmarkt stünde Spahn auch insofern näher als der Islam, als er sich ja selbst in der glücklichen, vielleicht auch etwas unangenehmen Lage (Neid-Debatte!) eines Vermieters befindet, der seine Dachgeschosswohnung bestimmt zu einem fairen Preis an Christian Lindner (FDP) vermietet. Aber das ist nicht überall so.

Es wäre also die „Megadebatte“ der Politik, aber deren Debattenhengste springen lieber über andere Stöckchen. Dabei ließe sich die Debatte sogar ganz gut auf ein paar unerlässliche Tweets runterbrechen. So zum Beispiel:

@jensspahn: „Studie der HU Berlin: Einkommensschwache Haushalte müssen 40 Prozent des Einkommens für Bruttokaltmiete aufbringen. Die Politik muss handeln.“ Und wie handeln? Da die Zumutungen auf dem Wohnungsmarkt eine Folge der Explosion der Bodenpreise sind, muss hier der Hebel angesetzt werden. Vielleicht so? @jensspahn: „Die Grundstückspreise steigen in einem Maße, dass es nicht zu verantworten ist, diese Gewinne unversteuert in die Taschen weniger fließen zu lassen.“ Zu links für Spahn? I wo, das Zitat stammt von einem Heimatminister avant la lettre – von Franz Josef Strauß, wie Niklas Maak in der FAS neulich genüsslich feststellte.

Zurück zum Bundesministerium für Inneres, für Bau und Heimat. Das Ministerium hat eine aufgeräumte, gut bedienbare Internetseite. In den Presseerklärungen findet sich keinerlei Hinweis, dass es Probleme mit dem Wohnen gibt. Auch wer einfach den Suchbegriff „Mietsteigerung“ eingibt, erhält null Treffer. Ganz zu schweigen von Begriffen wie „Bodenpreise“ oder „sozialer Wohnungsbau“. Anders dagegen zu „Burka“. Da gibt es fünf Treffer.

06:00 19.04.2018
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