Vorruheständler mit Mission

Verfassungsschutz Nach seiner mit Verschwörungstheorien gespickten Abschiedsrede fragt sich unser Chefredakteur, wie Hans-Georg Maaßen wiederkommen wird
Vorruheständler mit Mission
Abgang: Hans-Georg Maaßen

Foto: Michele Tantussi/Getty Images

Am Anfang des Endes seiner Beamtenlaufbahn stand eine Verschwörungstheorie. Am 6. September hatte Hans-Georg Maaßen via Bild erklärt, dass es sich bei dem von „Antifa Zeckenbiss“ verbreiteten Video um „eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken“. Gezielte Falschinformation, Ablenkungsmanöver: der oberste Verfassungsschützer brachte das klassische Vokabular einer Verschwörungstheorie in Anschlag.

Die Theorie war falsch, aber sie hätte theoretisch zutreffen können. Versetzen wir uns kurz in Maaßens Lage: Wer für den Verfassungsschutz arbeitet, muss sich schon am Riemen reißen, um nicht ständig überall Verschwörungen zu wittern. Er arbeitet in einer Behörde, die von konspirativer Mentalität tief durchdrungen ist. Täuschung und Ablenkung gehören zu den Kernaufgaben bei der Informationsgewinnung. Der V-Mann, der seine Mitwelt täuscht, täuscht Menschen, die selbst wiederum chronisch Menschen täuschen, weil sie sich tatsächlich gegen den Staat verschworen haben.

Es gibt nun einmal Verschwörungen und man hätte vermutlich gut daran getan, Maaßens Sorge vor islamistischen Anschlägen nicht einfach per se als „rechts“ abzutun. Weil Maaßen aber diese Gefahr unmittelbar an Angela Merkels Politik der offenen Grenzen im Spätsommer 2015 gekoppelt hatte, geriet er mit seiner Diagnose in einen tiefen Widerspruch zur Großen Koalition. Diesen Widerspruch konnte er nicht offen formulieren, ohne mit der Regierung, unter der er arbeitete, in einen schweren Dissens zu treten. Was folgt in solchen Lagen? Sofern man nicht selbst um seine Entlassung bittet, wird man zum Oppositionellen, ohne diesen Titel tragen zu können. Hält man die Bedrohung für groß und die Einsicht für klein, nimmt das Handeln die Form eines geheimen Widerstands an. Die Identifizierung mit dem Offizier und Hitler-Attentäter Stauffenberg in rechten Kreisen ist bekannt.

Keine Ahnung, wie weit Maaßens Widerstandspathos trug. Dass er sich mit Gleichgesinnten über die naive Merkel oder den vernagelten Maas ausgetauscht hat, kann indes als gesichert gelten. Meistens bleibt solcher Unmut auf den Fluren stecken. Nun ist er öffentlich geworden. In einem höchst konspirativem Umfeld hielt Maaßen vor den Chefs der europäischen Inlandsgeheimdienste eine Rede, mit der er sich nicht nur als Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz verabschiedet hat, sondern überhaupt als Beamter in der Regierung Merkel. „Ich hätte nie gedacht, dass die Angst vor mir und vor der Wahrheit Teile der Politik und Medien in solche Panik und Hysterie versetzt, dass vier Sätze von mir ausreichend sind, um eine Regierungskrise in Deutschland auszulösen.“

Wer so spricht, hat eine Mission. Die Warschauer Rede war geheim, dass sie nun öffentlich wurde, kann nur in Maaßens Sinn sein. In seinen Augen ist die Gefahr, die dem Staat droht, ja mindestens so groß wie die Angst, ihr wirksam zu begegnen. Wer so fühlt, radikalisiert sich selbst als oberster Beamte. Wohin wird die Mission ihn treiben? Manche denken: in die AfD. Tatsächlich spricht Maaßen von einem „Leben außerhalb des Staatsdienstes, zum Beispiel in der Politik oder in der Wirtschaft“. Ich sehe eher das Sarrazinsche Modell. Er wird Bücher schreiben, Vorträge halten, vielleicht bei der Jungen Freiheit Gastkommentare veröffentlichen. Denn die Radikalität, die ihn aus der Beamtenrolle trieb, ist hier das Geschäftsmodell.

11:09 06.11.2018

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