So jemand fehlt

Erinnerung Es sind Persönlichkeiten wie der kürzlich verstorbene Erhard Eppler, die uns daran erinnern, wie groß die SPD einst war
Michael Jäger | Ausgabe 43/2019 12

Erhard Eppler, der am vorigen Samstag im Alter von 92 Jahren starb, erinnert uns an die verflossene Größe seiner Partei, der SPD. Er war einer von denen, die uns sagen lassen, dass auch einzelne Menschen „Geschichte machen“. Natürlich gab es einen Willy Brandt, der noch viel bedeutender war als er, aber wie turmhoch überragt er die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten von heute! Dabei bekleidete er nie eine Spitzenposition. Er war zeitweilig Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. In der bescheidenen Funktion eines Mitglieds des Präsidiums der SPD hatte er 1981 seine historische Stunde.

Damals tobte in der Bundesrepublik der Kampf um den „NATO-Doppelbeschluss“, der die Stationierung von Cruise Missiles und Pershing-II-Raketen vorsah. Diese Entscheidung, die Westdeutschland der Atomkriegsgefahr auslieferte, war vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt angeregt worden, jedenfalls bildete Schmidt sich das ein; in Wahrheit hätten die seit 1980 von Ronald Reagan geführten USA es wohl auch ohne die Wortmeldung des Vasallen getan. Ja, man kann auf die Idee kommen, Schmidt habe unbewusst die Öffentlichkeit auf die laufende Rüstungsvorbereitung aufmerksam machen wollen. Weil Schmidt Angst hatte! Dafür spricht, dass er der großen Friedensbewegung, die er mit seinem Hinweis auslöste, dann vorwarf, das seien Menschen, die ihre Angst zur Schau stellten, und das würden anständige Leute nicht tun. Als Oberleutnant, der am Russlandfeldzug teilgenommen hatte, wusste er, wovon er sprach.

Die Friedensbewegung sprach aber gar nicht von ihrer Angst, sondern von der Irrationalität des militärischen „Gleichgewichts“-Denkens. Die Pershing-Raketen wurden ja von der NATO als „Antwort“ auf sowjetische SS-20-Raketen dargestellt, die das Gleichgewicht verletzt hätten, und so sah man, wie dieses Denken eine Rüstungsspirale rechtfertigte. Auch in der SPD wuchs die Kritik an Schmidts Haltung, Eppler war der prominenteste Kritiker und die Friedensbewegung, die eine Kundgebung am 10. Oktober 1981 plante, lud ihn als einen der Redner ein. Dass Eppler zusagte, führte die SPD an den Rand der Spaltung und gehört zu den Gründen, weshalb Schmidt bald darauf sein Amt verlor. Brandt als Parteivorsitzender verteidigte den Auftritt, Schmidt griff ihn an und die FDP kam zu dem Schluss, es sei besser, einen so unzuverlässigen Koalitionspartner zu verlassen.

Eppler nutzte dann seine Kundgebungsrede, um die Friedensbewegung zu vereinnahmen. Er sprach sie als Wählerschaft der SPD an, die in dieser Eigenschaft ein Recht habe, an ihren eigenen Kanzler zu appellieren. Da er gleichzeitig die NATO-Rüstung scharf kritisierte, schlug die Grüne Petra Kelly, die nach ihm sprach, ihn als Bundeskanzler anstelle Schmidts vor. Zwei Jahre später, als die SPD schon in der Opposition war, schwenkte sie auf Epplers Kurs ein und beeindruckte damit die Grünen, die sich Epplers Partei von da an lange unterordneten. Kurz, er hatte der SPD die Machtoption offengehalten und dafür Schmidt geopfert.

Eppler war 1956 von der Gesamtdeutschen Volkspartei zur SPD übergetreten. Man kann ihn mit Gustav Heinemann vergleichen, dem ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten, der zunächst die CDU, dann jene Partei mitgegründet hatte und sich der SPD 1957 anschloss. Die CDU hatte er wegen Adenauers Wiederbewaffnungspolitik verlassen. Nach Männern und Frauen von solcher Statur sucht man heute vergebens.

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15:15 23.10.2019
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Ausgabe 31/2020

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