Rosa ruft die freie sozialistische Republik

Essay Wohin wandern wir aus, wenn der Faschismus wieder an der Macht ist? Eine literarische Betrachtung der Gegenwart von Sarah Berger
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Rosa ruft die freie sozialistische Republik
Brandenburg

Foto: imago/Meike Engels

Irgendwann wirst du nicht mehr in einem Garten sitzen können & deine Weinschorle trinken; in der warmen Spätsommersonne sitzen, der Geruch von frisch gegossenem Hibiskus kitzelt in der Nase, das sanfte Klirren, wenn Hannah ihr Glas an das deine lehnt. Sie wirft den Kopf in den Nacken, ihr lacht über einen gemeinsamen Witz, über einen Insider, ihr versteht euch im Alltag. Ihr spielt Karten in der Sonne, so macht man das an einem Sonntag im August. Ihr tankt eure Energie auf. Ihr lasst die Seele baumeln. So richtig regenerieren. Du hast schon einen Montagstweet auf den Lippen, aber dann entscheidest du dich, Hannah damit noch nicht zu begeistern, du willst ihr lieber noch ein wenig Ruhe lassen. Ruhe vor der Verantwortung, den wichtigen Jobs in Werbeagenturen & im Socialmedia-Management, als Bento-Journalist*in & Head of Storyteller, beim Consulting für die Deutsche Bahn und beim investigativen Homeoffice für Edition-F, beim Schreiben von Blogtexten über das Freelancing ohne festen Wohnsitz, jeden Tag auf Achse, am besten könne man ja doch im Zug schreiben & 10 weitere unglaubliche Dinge, die du nie über das Arbeiten von Zuhause aus gedacht hättest & während du so über dein Leben on the road nachdenkst, all die Windräder betrachtest, wie sie, so bald du sie mit den Augen fixierst, ganz statisch sind, du könntest sie mit deinen Augen vom Boden und in den Himmel heben. Plötzlich wirst du melancholisch. Wann hast du das letzte Mal deine Freunde gesehen. Also so richtig gesehen. Wann saßt du das letzte Mal zusammen mit deinen Freunden in der Kneipe, hast einfach nur Bier getrunken & nicht über deinen Job gesprochen oder bist herumgelungert auf dem Sofa, Pizzareste von gestern & der Tatort. Stattdessen stehst du an einem runden Tisch auf der Bread & Butter Aftershow Party, trinkst Champagner & dann schnell zum Bahnhof, du muss heute Nacht noch nach Hamburg fahren. Morgen hast du einen Talk auf dem Heise Festival Digitaler Lebensart & Feminismus, du wirst über die Vorteile von Homeoffice zur besseren Vereinbarkeit von Beruf & Familie sprechen, über die Vorteile von Flexibilität im Hinblick auf die totale Selbstauflösung. Du lachst.


An einem Sonntag.
Im August.
In der Sonne.


Du hebst dein Glas, um es sanft gegen Jochens klirren zu lassen. Dir gefällt das Geräusch. Dir gefällt, dass es ihn aufschreckt. Gedankenverloren lächelt er dir zu. Dir gefällt der Garten seiner Eltern. Deine Witze über Brandenburg, du hattest es Fledermausland genannt & warst enttäuscht, weil Jochen die Referenz nicht verstand. Es kam dir komisch vor, dass er dich in das Haus seiner Eltern einlud. Ihr kanntet euch erst seit einigen Wochen. Ihr hattet euch auf Tinder kennen gelernt. Ihr hattet ein paar Mal beieinander übernachtet. Ihr hattet gerade erst Zahnbürsten ausgetauscht. Seit dem überkommt dich immer wieder die Angst, du könntest beim Griff in den Kosmetikbeutel aus Versehen nach seiner Zahnbürste greifen. Jochen war irritiert. Ihr würdet euch doch auch küssen, er sehe da keinen Unterschied & plötzlich sitzt du im Zug nach Brandenburg. Plötzlich verbringst du ein Wochenende im Haus seiner Eltern, die gerade im Urlaub sind.

Du sitzt auf der sonnenbeschienenen Terrasse mitten im Nichts. Du hörst Vögel & andere Naturdinge. Du spaziertest die Dorfstraßen hoch & runter. Er sei ja in Berlin aufgewachsen, in Zehlendorf, aber seine Eltern wollten irgendwann einfach raus aus der Stadt. Diese Ruhe, sagte Jochen, in der Stadt läge immer ein leichtes Grundrauschen in der Luft, aber hier, hier auf dem Land, hier könne man mit jedem Sinn aufatmen. Er zitierte einen Slogan, den er gerade erst geschrieben hatte, druckfrisch quasi. Er war besonders Stolz darauf. Du schmunzeltest nur noch. Ihr seid über die Felder gelaufen & Jochen sagte, dieser Ort wäre wunderbar für Kinder. Du hast geschwiegen. Es war erst Samstag nachmittag & du hattest nur Edge. Es würde nicht leicht sein, nach der nächsten S-Bahn-Station zu googeln. Du hattest keine Lust auf dieses Gespräch. Du hast dir von Jochen weitere Felder zeigen lassen. Irgendwann würde auch dieser Tag vorbei sein. Bald würdet ihr zurück fahren. Jochen starrte ins Leere.

– Willst du wirklich irgendwann auf dem Land leben, fragt Hannah.
Jochen, vertieft in seine Gedanken, schreckt hoch & beginnt augenblicklich, über die saubere Luft zu schwadronieren. Diese Versatzstücke, die er sich angeeignet hatte durch Spiegel Online & andere Kolumnen. Dank seines Jobs war er immer am Puls der Zeit. Er wusste, was sich gehört & auf welche Art und Weise er zu sprechen hatte, welche Wörter er benutzen musste, damit die anderen verstanden, was er ihnen zu sagen hatte. Er wusste all das, er kannte sich aus, er war ganz & gar in der Gegenwart aufgegangen. Er war seine Marke. Er hatte immer im richtigen Moment ein Lächeln auf den Lippen & konnte seinem Gesicht die notwendig Strenge verleihen. Er besaß dieses wunderbare Talent, genau zu wissen, was das Gegenüber wollte & wie er es dazu bekam, das zu wollen, was er selbst wollte. Das war nichts, was er sich angeeignet hatte. Es war sein Charakter. Sein Naturell. Etwas rein Biologisches. Es war sein Schicksal. Er war diese eine Person, nach der alle suchten. Er war dieser Mensch, der eine ganze Generation bewegen würde. Er würde sich erst in die Köpfe & und dann in die Geschichte schreiben & ja, dann, dann würde er sich auch gerne aufs Land zurück ziehen. Entweder aufs Land oder auf eine einsame Insel. Er könne sich vorstellen, ein Buch zu schreiben. Er hätte gerne einen Schreibtisch mit Blick über ein Feld & dann würde er einen Roman schreiben. Oder eine Autobiographie. In jedem Fall würde er die Geschichte eines jungen Mannes schreiben, der mit einem Kopf voller Ideen durch die Welt läuft, ein immenses Potential, ein immenses Kapital an Potenz. Der junge Mann würde an die Universität gehen & einen Professor finden, der ihn verstehe, der seinen Genius erkenne & fördere, der ihn an die Studienstiftung & andere Stipendien empfehle. Der junge Mann gehe auf viele Seminare, er lerne viele wichtige Menschen kennen & schaffe es nach seinem Abschluss in Politik- & Medienwissenschaft sogleich auf eine recht hohe Position – Junior Head of Content – in einer Werbeagentur & innerhalb von nur zwei Jahren erarbeite er sich die Position des Chief of Lingual Kreative Design & nach einigen Jahren der harten Arbeit wolle er bei 5.000 Brutto endlich aus der WG ausziehen. Es sei zwar nett jeden Abend mit den Mitbewohnern zu quatschen & gemütlich Bier in der Küchenbar zu trinken aber langsam sehne er sich nach Privatheit. Er brauche nichts aufregendes, so eine hübsche zwei bis drei Zimmerwohnung in einer der schöneren Ecken von Friedrichshain, aber Kreuzberg oder Neukölln wären auch okay & je nachdem, wie sich sein Leben weiter entwickle, könne er sich schon vorstellen, in den nächsten fünf bis zehn Jahren an den Stadtrand zu ziehen oder ganz raus aus der Stadt oder wirklich in ein anderes Land, einfach an einen Ort, der nicht so hektisch ist, ob sie sich das auch vorstellen könne.

Hannah schüttelt den Kopf.
Nein, sagt sie, ich will mich nicht zurückziehen, mich nestbauartig aufs Land verziehen, mich so voll und ganz einem häuslichen Leben vergeben, so tun, als gäbe es die Welt da draußen nicht, dieser totale Egoismus, oder auch Infantilität! Es ist doch kindisch, sich in Landhausphantasien zu verbarrikadieren, wie Kinder eben, die sich die Augen zuhaltend davon überzeugt sind, unsichtbar zu sein. Wir sind so krass privilegiert. Wir wissen, wir können einfach überall hin, verstehst du, wir haben alles im Überfluss selbst Mobilität. Wir sind die Schweine in Orwells Geschichte, während wir glauben, die Schafe zu sein, das ist unsere Massenpsychose, unsere totale Dystopie, Dunkeldeutschland, also Europa, also Welt & wenn jetzt Krieg ausbräche, wer würde uns dann vom Faschismus befreien? Es wird keine Alliierten geben, endlich sind alle faschistisiert. Erst Identitätspolitik, dann Wir sind das Volk, jetzt braune Scheiße, Hooligans & Rassist*innen, die nicht-weiße Personen jagen, anzünden, in Lagern vergasen, einfach so. Weil sie es können. Weil sie von allem viel zu viel haben. Weil sie sich selbst zu viel sind. Weil sie diesen Druck brauchen. Den Druck eines starren, staatlichen Korsetts, klare Regeln, denen man schicksalhaft unterlegen ist. Da gibt es keinen Klassenkampf. Da gibt es klar definierte Funktionen & man genügt sich, verstehst du, man genügt sich einfach. Man stellt sich keine Fragen. Alles ist vollkommen, mutterleibartig hat man es gut, verstehst du. Freiheit macht die Menschen krank. Das ist die Ideologie dahinter & deshalb wollen sie nicht frei sein & deshalb wollen sie unser Verlangen nach Freiheit nicht. Sie verstehen es auch gar nicht. Freiheit bedroht sie. Sie raffen sich in Wolfsrudeln zusammen & nach der Freiheit witternd, zerstören sie alles, was ihnen zu frei erscheint.

& weißt du, was das wirklich perfide an dem Gedanken ist, man könne sich dieser historischen Wendung entziehen, man könne nach irgendwo anders gehen, sich einen ruhigeren Ort suchen, man könne an anderer Stelle frei sein, das ist der perfide Gedanke! Denn wie soll das möglich sein? Wie könne man irgendwo auf diesem Planeten, in dieser Welt, als Teil dieser Menschheit frei sein, wenn Unfreiheit das bestimmende Kriterium ist. Wenn das jetzt so weiter geht, dann hast du vielleicht wegen eines Schreibverbots deinen Job verloren oder du gehst konform, du hast ja schon eine opportunistische Ade. Dann ackerst du dich im neofaschistisch-pseudoliberalen Arbeitsmarkt so lange ab, bis dir endlich ein kleines Ferienhäuschen in 6. Reihe an einer Schneise der Krummen Lanke zuteil wird. Keine Ahnung Jochen, wenn es mit der Demokratie vorbei ist, werden alle drunter leiden, egal wie privilegiert sie gerade sind, egal wie sehr du dich tot stellst, Jochen, irgendwann wirst du nicht mehr in einem Garten sitzen könne.

Sarah Berger, geb. 1985, studierte Philosophie an der Universität Heidelberg und lebt seit 2012 in Berlin. Sie schreibt Essays, Hörstücke und literarische Prosa und gewann 2016 den Wiener Werkstattpreis für Kurzprosa. 2017 erschien ihr Buch "Match Deleted Tinder Shorts" im Frohmann Verlag.

16:57 09.09.2018
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Geschrieben von

milchhonig

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.
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milchhonig

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