Tinderpoesie wider Willen

Rezension Nur ein Buch über Dating? Zum Tindern lädt „Match Deleted“ von Sarah Berger nicht ein, wirft aber eine notwendig triste Perspektive auf die Generation Bindungsunfähig
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Tinderpoesie wider Willen
Tinder bildet den Kontext, in dem sich Zwischen(un)menschlichkeiten darstellen

Foto: Leon Neal/Getty Images

Hier ist alles fiktional, außer das, was Realität ist, das ist grundsätzlich nicht wahr.“ – So das Motto von Match Deleted . Das lässt sich mehrfach auslegen, nämlich einerseits als Warnung davor, das Buch einfach autobiographisch zu verstehen. Spekulationen über die Identität der Figuren („Sie“, „Er“, „Ich“) mit realen Personen werden auch durch weitere Stellen als aussichtsloses Unterfangen ausgeschlossen. Einer der letzten Einträge lautet etwa: „Wenn alle Stricke reißen, werde ich Tinderpoetin. Plot twist: Ich besitze gar kein Tinderprofil.“ In der Mitte des Buches findet sich ein Eintrag, in dem bloß steht: „Ich existiere nur in den Geschichten, die ich über mich erzähle.“ Auch darin lässt sich der Anspruch erkennen, das lyrische Ich nicht jenseits des Geschriebenen zu suchen. Das ist auch gut so, denn die Spekulationen über Intention, Stimmung oder psychologisches Profil von Autoren vernachlässigen meistens den Text selbst.

Andererseits sind in den zitierten Zeilen bereits handfeste philosophische Thesen verpackt, über den Zustand der Wirklichkeit (unwahr – vielleicht im Sinne von unecht oder uneigentlich) und die Konstitution des Selbst (narrativ – also aktiv, autopoietisch, aber nicht substantiell). Der philosophische Impuls der Kritik wird jedoch wiederum durch die erste Lesart derselben Zeilen gebremst: Denn hier stellt eben nicht die Autorin Thesen auf, die es zu kritisieren gälte; Sarah Berger erhebt nicht unbedingt Geltungsansprüche durch ihr lyrisches Ich. Was zeigt sich uns nun aber jenseits von vermuteter Autorinnenintention und kritikfähigen Wahrheitsansprüchen?

Betrachten wir zunächst die Form. Match Deleted enthält keine Seitenzahlen, sondern nur nummerierte Abschnitte, nicht mehr als einen pro Seite. Das passt zum im Titel angedeuteten Medium, denn auch ein Chat hat keine Seitenzahlen. Die Abschnitte sind entweder dialogisch gestaltet zwischen „Sie“ und „Er“ oder als Reflexionen, teilweise aus der Ich-Perspektive. In der Mitte des Bändchens finden sich Scans (oder geschickte Simulationen) von auf einer Schreibmaschine geschriebenen Bemerkungen.

Die Dialoge und Nachdenklichkeiten sind kurz; manche Erwiderungen mögen für Tinder ungewöhnlich lang sein, aber es sind nie ganz durchgearbeitete Reflexionen: Tinder-Shorts sind keine Essays. Die Gedanken kommen nie ganz zur Ordnung, nie zur argumentativen Substanz, nie zu einem wirklich sinnvollen Schluss, mehr zu einem bloßen Ende, das sich im nächsten Abschnitt dann doch wieder nur als Zwischenschritt herausstellt. Der Text ist dabei reflexiv. Wenn Berger das Beziehungsverhalten ihrer Mitmenschen so beschreibt: „Alles irgendwie ein bisschen, aber nichts richtig. Auf nichts verzichten, sich dabei aber nach Möglichkeit nicht veräußern.“ - dann ist damit auch der Text selbst beschrieben. Ein bisschen Philosophie, ein bisschen Komik, ein bisschen Tragik, ein bisschen Lyrik und bereits das Motto verhindert, wie gesehen, die Festlegung.

Die kurzen Abschnitte münden oft in Melancholie oder in die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (oder beides). Gerade dieses endlose, oberflächliche Kreisen um sich selbst und andere kann als Kernthema des Bandes gelten. Tinder bildet dabei den Kontext, in dem sich die Zwischen(un)menschlichkeiten darstellen. Es fehlt in fast allen Texten an Gegenseitigkeit, an Tiefe, an Vertrauen, an Wärme. Nähe kommt nicht zustande (weder zu anderen noch zu sich selbst) oder wird als bedrückend empfunden, sogar noch in ihrer Residualform als Erinnerung. Es kommt nie zu einem vertrauten Miteinander, es wiederholt sich der unendlich langweilige Anlauf zu einem neuen Versuch unendlich oft; Tinder ist „ermündender Fleischmarkt“.

Komisch wirkt dabei die Absurdität, auf die Oberflächlichkeiten von flott-sexistischen/verzweifelt-lockeren Tinder-Anmach-Sprüchen mit nachdenklichen Ausführungen zu Freiheit, Zwang, Angst oder Unmöglichkeit der Begegnung zu antworten. Auch diese Versuche, anders zu sein oder auch einfach mit einem gewissen Reflexionsniveau die Tinder-Anfragen zu beantworten, führen ins Nichts: Match deleted. Das ist schade für die (fiktiven) Matches, denn die Antworten enthalten durchaus Analysen zu den Bedingungen der Möglichkeit des dargestellten Unglücks. So ist die Umschreibung von bloßem Sex als „was Zwangloses“ tatsächlich eine eigentümliche Konvention, wo doch gerade die Tinder-Dates ihre ganz eigenen Rituale und Formen haben. Auch das andere Extrem wird bedacht: Bedingungslose Liebe kann nur ein vereinzeltes Ich fordern – aber die Forderung verhindert das Wir. Die Ideen der Selbstbeschränkung, der Selbstverpflichtung füreinander, des gemeinsamen Durcharbeitens von Problemen sind in der Welt des lyrischen Ich offenbar kaum mehr zu realisieren.

Match deleted ist leicht angreifbar. Vor allem der Vorwurf des Millenial-Narzissmus liegt nahe, lautet doch einer der Schreibmaschinen-Zettel „Gefangen im kleinsten Raum: Ich“. Ewig drehen sich die Großstadtpoetinnen und -poeten um sich selbst und ihr identisch-individuelles Unglück, das eigentlich niemanden außer sie selbst interessieren müsste. Aber Berger bleibt nicht empfindsam-naiv. Die Lage des lyrischen Ich wird schon als systemischer oder psychopathologischer Effekt verstanden, wie unter anderem ein Lacan-Zitat anzeigt. Match deleted ist durchaus bewusst Darstellung der ganz persönlichen Depression wie auch der neoliberal-individualistischen Katastrophe. Der Prozess des Schreibens wird dabei reflektiert als Effekt der Machtlosigkeit (gegenüber den Anderen, dem System, sich selbst), der aber wiederum Angriffsflächen erzeugt – etwa im Netz.

Wer möchte, kann Match deleted also als formal und reflexiv äußerst günstig inszenierte Darstellung der Effekte einer fast völlig aufgelösten Intersubjektivität und einer brutalen Unfähigkeit oder Unwilligkeit zur Bindung auf allen Seiten lesen; das kleine Werk präsentiert jedenfalls eine äußerst melancholische, fast hilflose Anthropologie, durchsetzt von kurzen Momenten des komischen Atemholens. Trotzdem laden die Miniaturen nicht ausschließlich zum Mitleid oder zum Widerspruch ein – denn der technologisch vermittelte Egoismus „läuft“ ja doch irgendwie – mehr zum Nachdenken. Zum Tindern jedenfalls eher nicht.

Autor: Thomas Arnold
20:18 26.11.2017
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Geschrieben von

milchhonig

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.
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