Handke reiste mit Luhmann im Gepäck

Literaturskandal Die Kritiker von Peter Handke verstehen nicht, dass der Schriftsteller primär als Medienkritiker nach Jugoslawien fuhr
Handke reiste mit Luhmann im Gepäck

Karikatur: David Smith/Ullstein Bild

Von einem „Shitstorm 2.0“ sprach der Schriftsteller Eugen Ruge in der FAZ mit Blick auf die aktuelle Debatte um den Literaturnobelpreisträger 2019 und seine Ansichten zum Zerfall Jugoslawiens. Er verband das mit der Aufforderung, Peter Handke „einfach mal“ zu lesen. Begrüßenswert, stehen doch beispielsweise Interviewaussagen, deren Authetizität zum jetzigen Zeitpunkt zweifelhaft ist, Interviewer, von deren zweifelhaften politischen Ansichten man auf den Interviewten schließt, die Widmung eines Theaterstücks an einen Kriegsverbrecher, der noch dazu ein Idol von sogenannt neu-rechten Massenmördern wurde und eine Rede Handkes am Grab Slobodan Miloševićs im Jahr 2006 stärker im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit als Handkes Veröffentlichungen zu Jugoslawien selbst.

Vielleicht ist es aber auch ein Shitstorm 4.0 oder 5.0, wer will da zählen, den wir erleben. Man muss nicht zwingend nur an die erhitzte Debatte denken, die auf die Veröffentlichung von Handkes winterlicher Reise Anfang 1996 folgte, man kann an andere Daten und Orte erinnern, die für die Einsicht sprechen, dass der Shitstorm für Handke zur Regel geworden ist.

2014 etwa wurde ihm einer der international bedeutendsten Theater-Preise verliehen, der norwegische Ibsen-Preis. Der dortige PEN-Vorsitzende William Nygaard hielt den Preis für den "Täter Handke" für einen Skandal und fand, der Österreicher bewege sich mit seinen Aussagen zu Jugoslawien „weit jenseits aller Grenzen der Meinungsfreiheit“. Thomas Steinfeld, für die SZ zur Preisverleihung nach Oslo gereist, beschrieb Protestplakate: „Auf einem ist eine Karikatur zu sehen, die den Schriftsteller mit einer Rakete unter dem Arm zeigt, auf der ein Hakenkreuz prangt. Auf einem anderen steht ‚Holocaust-Leugner‘.“ Handkes Lektor Raimund Fellinger erwähnt aber auch „Viva-Handke-Plakate“.

Ablehnung eines Preises

Besonders interessant jetzt, da das Nobelpreiskomitee ankündigt, die neu ans Licht gebrachten Interviewaussagen Handkes zu den Massakern 1992 im bosnischen Srebrenica zu prüfen, ist auch der Streit um den Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preis 2006. Nachdem sich Widerstand gegen den Preisträger formierte – Günter Kunert dachte laut darüber nach, seinen Preis von 1985 zurückzugeben, die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Stadtrat kündigten an, die Preisvergabe zu verhindern –, lehnte der den Preis ab: „Ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person“, schrieb er an damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU).

Man sollte nun nicht unken, dass Handke beim Nobelpreis auch so reagieren könnte. Fruchtbarer ist es, das Kapitel „Handke und die Öffentlichkeit“ zum Ausgangspunkt zu nehmen für die Frage, was das für ein Autor ist, Peter Handke, und welche Texte es sind, die man nun lesen sollte. Vor allem aber auch, was es in Peter Handkes Texten zum Zerfall Jugoslawiens zu lesen gibt. Auf dem Wege einer längeren Antwort auf diese Fragen, so die Hoffnung, lässt sich auch ein Teil der heftigen Reaktionen besser verstehen, mit denen sich der Nobelpreisträger jetzt wieder konfrontiert sieht.

Andreas Platthaus hat ebenfalls vor kurzem, und ebenfalls in der FAZ, darauf hingewiesen, dass Handke „im Zusammenhang mit seinen Besuchen in und seinen Schriften über Serbien darauf beharrt, dass er nicht als Journalist agiere, sondern als Schriftsteller“. Die Berichte seien „Bestandteil des literarischen Werks“. Ein ganzer Band der „Peter Handke Bibliothek“ sei „dem jugoslawischen Thema gewidmet“, drucke „alle Texte Handkes dazu unverändert“ nach. Platthaus' quasi editionsphilologischer Befund zielt darauf, Versuche, Handkes Jugoslawien-Texte von seinem restlichen literarischen Schaffen abzutrennen und nur dieses als nobelpreiswürdig zu verstehen, gegenstandslos zu machen. Bei den Texten, deren Lektüre uns Ruge ans Herz legt, würde es sich, so das Kalkül, dann lediglich um Texte handeln, deren Inhalt keinen oder nur geringen Einfluss auf Handkes Preiswürdigkeit hätten.

Tatsächlich enthalten die Aufsätze II in der Handke-Bibliothek des Suhrkamp-Verlags acht Texte zum Thema Jugoslawien, die vorher allerdings schon als Einzelbände vorlagen. Bei Suhrkamp erschienen Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerungen an Slowenien (1992), die schon erwähnte winterliche Reise zu den Flüssen Donau , Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien sowie ein Sommerlicher Nachtrag dazu (1996), der zweiteilige Text Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999 und zwei Prozessberichte vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien: Rund um das Große Tribunal (2003) und Die Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht (2005). Auch bei Suhrkamp erschien Die Kuckucke von Velika Hoča. Eine Nachschrift (2009), der Erfahrungsbericht aus einer serbischen Enklave in der Republik Kosovo. Das Kosovo hatte sich im Februar 2008 von Serbien unabhängig erklärt, was von Serbien und einer Anzahl anderer Staaten bis heute nicht anerkannt wird. Handke hatte das Preisgeld des nach dem Düsseldorfer Eklat eingerichteten "Berliner Heinrich Heine-Preises“ der Ortschaft Velika Hoča gespendet. Im österreichischen Jung und Jung Verlag erschien schließlich 2011 Die Geschichte des Dragoljub Milanović . Thema hier ist die Verurteilung des ehemaligen Leiters von Radio-Televizija Srbije durch ein serbisches Gericht 2012. 16 Mitarbeiter der Rundfunkanstalt wurden 1999 bei einem Angriff der Nato, den Amesty International als Kriegsverbrechen einstufte, getötet. Milanović wurde zur Last gelegt, das Gebäude nicht rechtzeitig evakuiert zu haben, nachdem es Warnungen vor dem Luftangriff gegeben habe. Er saß seine Haftstrafe von zehn Jahren ab.

Platthaus hält es in seinem Artikel nicht für eigens erwähnenswert, dass fünf der genannten acht Titel zunächst teilweise oder in gekürzter Form in Zeitungen und Zeitschriften publiziert wurden – vier davon in der SZ (der Abschied, die winterliche Reise, der erste Teil von Unter Tränen fragend sowie Rund um das große Tribunal), einer erschien in der Zeitschrift Literaturen (Die Tablas von Daimiel). Im Falle von Handkes wahrscheinlich am schärfsten kritisierten Text, der winterlichen Reise, handelte es sich um einen Abdruck in zwei aufeinanderfolgenden Wochenendausgaben der SZ. Die Redaktion hatte den Titel gewählt: Gerechtigkeit für Serbien. Eine Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina. Die Reihenfolge von Haupt- und Untertitel ist somit eine andere als in der Buchform.

Es ist keine banale Frage, ob ein Text zunächst als Buch oder als Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift erscheint. Denn die meisten von uns werden Bücher anders als Zeitungen lesen. Massenmediale Informationen veralten, sobald man sie aufgenommen hat. Deshalb werden die wenigsten von uns Zeitungstexte mehr als einmal lesen. Nichts nämlich, das bleibt wahr, ist älter als die Zeitung von gestern. Und Fakten, die man kennt, bleiben zwar Fakten, ihr Neuigkeitswert ist aber gleich Null. Bücher dagegen, zumal sie als Teil einer Werkausgabe auftreten, legen ein anderes Lektüreverhalten nahe. Wiederholtes Lesen und ein Vergleich mit dem restlichen Werk sind die Regel. Man könnte so weit gehen, zu behaupten, dass es das ist, was Literatur eigentlich ausmacht: Etwas, was geschrieben wurde, um wieder und wieder gelesen zu werden, damit Leser immer wieder Neues in diesem Geschriebenen entdecken.

Dass dem Autor das besondere mediale Format, in dem er mit vielen seiner Texte zu Jugoslawien arbeitete, sehr bewußt war, wird deutlich, wenn man nachliest, was Handke in einem Interview mit der Zeit zur Veröffentlichungsgeschichte der winterlichen Reise erzählte: „Wäre die Süddeutsche nicht gewesen, hätte ich den Serbien-Text als Buch publizieren müssen, was mir überhaupt nicht gefallen hätte", sagt er da. "Was hat das für einen Sinn, wenn das als Büchel herauskommt, dachte ich. Da sah ich wirklich die Zeitung als mein Heil. Ich werde diese komische Zeitung dafür immer hochhalten.“ Ganz in diesem Sinne widmet er dann auch das spätere „Büchel“ den Redakteuren und Gestaltern, die für den Abdruck verantwortlich zeichneten.

Unselds Erzürnung

Nicht banal (die Erzürnung Siegfried Unselds, die man in dessen Briefwechsel mit Handke nachlesen kann, ist nur ein Seitenaspekt) ist der Publikationsort vieler der Texte, die es nun (wieder ?) zu lesen gilt auch, weil Handke mit seinen Zeitungstexten ganz unmittelbar in genau derjenigen Öffentlichkeit auftritt, die er zehn Jahre später mit einem Fragezeichen versehen wird. Doch „überall“, war sich Handke auch schon 1992 "klar" und sagte es seinem Gesprächspartner Jože Horvat recht unverblümt, „ist die Öffentlichkeit kaputt, ist doch klar, nicht?“

Ein ambivalentes Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit, das diese zwar kritisiert, sich aber zur gleichen Zeit recht munter in ihr bewegt, kann man auch beobachten, wenn es um Handkes Inszenierung als literarischer Autor geht. Dem „durch die Öffentlichkeit geisternden Phantom“ begegnet Handke zwar stets mit Distanz. Der Autor weiß solche Phantasmagorie aber durchaus zu nutzen. Die etlichen Interviews und Auftritte des Autors Handke, nicht nur im Kontext seiner Beschäftigung mit Ex-Jugoslawien, sprechen hier Bände. Das war schon 1966 so, als Handkes Rede von der „Beschreibungsimpotenz“ der Gegenwartsliteratur die Tagung der Gruppe 47 in Princeton sprengte. Das Image des „Literatur-Beatle“, das die Zeitungen ihm verliehen, bestritt er höchstens ironisierend: „Das Image des Peter Handke ist in der Tat ein fragwürdiges, das ist richtig. Der Autor selber, wenn er es ab und zu noch immer reproduziert sieht, findet es lächerlich“, schreibt er in einer Replik auf den damals scharfen Kritiker und späteren Freund Peter Hamm, der ihm 1969 in konkret genau das vorgeworfen hatte: vor allem Image zu sein.

Handkes Verhältnis zu Öffentlichkeit und Medien ist also von Anfang an eines, das mit einem Satz Niklas Luhmanns treffend beschrieben ist. Alles, was wir von der Welt wissen, sagte der Soziologe bekanntlich, wüssten wir aus den Massenmedien. Aber, diese weitere Beobachtung des Systemtheoretikers ist weniger bekannt, wir wissen so viel über diese Medien, „daß wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt." Eine Zwickmühle: "Man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren sehen – und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen.“

Nirgends wird dieser Sachverhalt deutlicher als in Handkes Publikationen zu Jugoslawien. Von Anbeginn der Winterlichen Reise an beschreibt sein Erzähler das Interesse an Serbien nämlich als eines, das sich erst durch Zeitungsmeldungen gebildet hat: „Es lockte mich ... das Land anzuschauen, das mir von allen Ländern Jugoslawiens das am wenigsten bekannte war, und dabei, vielleicht gerade bewirkt durch die Meldungen darüber, das inzwischen am stärksten anziehende, das, mitsamt dem befremdenden Hörensagen über es, sozusagen interessanteste.“

Rotten von Fernfuchtlern

Die Neugier, von der Handkes Serbienreisender in spe berichtet, ist jedoch gekoppelt an ein gleichzeitiges Misstrauen gegenüber genau jenen Medienberichten, die das Interesse an Serbien erst geweckt hatten: Fast „alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen“ schreibt Handke vier Jahre nach den ersten postjugoslawischen Toten. Und selbst wenn die Nachrichten einmal von der anderen gekommen seien, so Handkes Erzähler weiter, seien sie „bloße Spiegelungen der eingespielten Blickseiten“ gewesen.

Zwar kennen Handkes Erzähler in den Jugoslawientexten „so manchen – mehr als aufdeckerischen – entdeckerischen Journalisten“, und „anderen Feldforscher …vor Ort (oder besser noch: in den Ort und die Menschen des Orts verwickelt)". Das Gros derer aber, die über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien berichten, besteht für sie aus “Rotten“ von „Fernfuchtlern, welche ihren Schreiberberuf mit dem eines Richters ... verwechseln".

Das Urteil solch falschen Richter ist für Handkes Erzähler in der winterlichen Reise ein vorschnelles, denn viel zu schnell, wie er meint, "waren für die sogenannte Weltöffentlichkeit auch in diesem Krieg die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der reinen Opfer und der nackten Bösewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden" Selbst ehedem gern gelesene Blätter wie Le Monde, so der Eindruck des Zeitungslesers, hätten kaum nun mehr anderes im Sinn, als Beweise für die Schuld oder die Unschuld der jeweiligen Kriegsparteien zu sammeln. Dass das Urteil schon festgestanden hätte, so ist der Text im Weiteren zu verstehen, habe zu einer frappanten Ungleichbehandlung und klischeehaften Darstellung nicht nur der Täter sondern auch der Opfer in diesen Kriegen geführt: Opfer, glaubt Handkes Erzähler in einer der in den Kritiken an seiner winterlichen Reise wohl am stärksten skandalisierten Passagen, wenn sie nicht der serbischen Minderheit in Bosnien und Kroatien angehörten, seien auf fast sämtlichen Presseaufnahmen stets als „Kummer- und Trauergenossen“ dargestellt worden, „wohl wirklich leidend, wurden sie gezeigt in einer Leidenspose“.

Warum, fragt Handkes Reisender "habe ich solche gar sorgfältig kadrierten, ausgeklügelten und eben wie gestellten Aufnahmen noch keinmal – jedenfalls nicht hier, im 'Westen' – von einem serbischen Kriegsopfer zu Gesicht bekommen? Weshalb wurden solche Serben kaum in Großaufnahe gezeigt, und kaum je einzeln, sondern fast immer nur als Grüppchen, und fast immer nur im Mittel- oder fern im Hintergrund, eben verschwindend, und auch kaum je, anders als ihre kroatischen oder muselmanischen Mitleidenden, mit Blick voll und leidvoll in die Kamera, vielmehr seit- oder bodenwärts, wie Schuldbewußte?"

Ist es närrisch, auf das "Wie?" zu gucken?

Es ist wichtig, schon an dieser Stelle festzuhalten, dass Handke hier und in vielen anderen Passagen seiner Jugoslawientexte, die diesen Anschein erwecken könnten, keinesfalls leugnet, dass etwa die jeweils so Aufgenommenen oder Beschriebenen wirklich litten. Noch Kritiken an Handkes Reflexionen zu den Massakern von Višegrad, wo ab dem Frühling 1992 serbische Milizen unter dem Kommando des bosnischen Serben Milan Lukić Hunderte, wenn nicht Tausende muslimische Bosnier ermordeten und teilweise von der berühmten Brücke (von Ivo Andrić in seiner Chronik Die Brücke über der Drina 1945 verewigt) stießen, verkennen das.

Anders als Saša Stanišić in seiner Dankesrede zum Deutschen Buchpreis vor gut zwei Wochen, ohne das mit Zitaten zu stützen, nahelegte, ist Handkes Verfahren des permanenten Infragestellens von journalistischer Objektivität selbst dort, wo es an Obszönität grenzt – die ganze Stadt ein grausiger Spielraum für nichts als ein paar Barfüßler im Katz-und-Maus mit ihren Hunderten von Opfern?“ fragt der Erzähler des Sommerlichen Nachtrags –, zuerst auf die medialen Darstellung des tatsächlich Geschehenen gerichtet. Sein Zweifeln, das auch vor dem eigenen Urteil über die "verzerrenden Medien" nicht halt macht ("Wo war der die Realitäten verschiebende, oder sie wie bloße Kulissen schiebende, Parasit: in den Nachrichten selber oder im Bewußtsein des Adressaten?" so die nicht bloß rhetorische Frage in der winterlichen Reise) verweigert die eindeutige Beantwortung der Frage, ob spezifische Verbrechen in den Kriegen in Ex-Jugoslawien tatsächlich begangen wurden oder nicht. Die Art und Weise der journalistischen Berichterstattung über diese Verbrechen steht im Mittelpunkt der Kritik – hier etwa die Darstellung der Geschehnisse in der ostbosnischen Stadt durch den amerikanischen Kriegsreporter Chris Hedges, der den Milizenführer Lukić in der New York Times als barfüßiges Monster zeichnet. Und der, wie Handke schreibt, "eine aus ihrer Stadt geflüchtete Zeugin, nächtens dabeigewesen beim Hinabgestoßenwerden von Mutter und Schwester von der Brücke, Tennesse-Williams-haft sagen läßt: 'The bridge. The bridge. The bridge ...'"

Der Berliner Germanist Jürgen Brokoff hat in dieser Passage in einem Artikel für die FAZ von 2010, der jetzt wieder viel in den sozialen Medien geteilt wird, eine Verhöhnung der Opfer und ihrer Hinterbliebenen entdeckt. Dass hier zunächst eine Schreibweise verhöhnt wird, wäre die richtigere Beschreibung: Einen "miesliterarischen Schlußabsatz" nennt Hankes Erzähler das von Hedges Geschilderte, "ganz und gar nicht zu Herzen gehend, sondern auf dieses eben bloß nackt und schamlos abzielend."

Unter Tränen fragend, Handkes Kriegsbericht aus Jugoslawien während des sogenannten Kosovo-Krieges, bietet eine denkbar klare Allegorie solch Handke'scher Medienkritik: „Wenn der Weise mit dem Stock auf einen Gegenstand zeige“, so ein chinesisches Sprichwort, „blicke der Narr, statt auf den Gegenstand, auf den Stock. Dazu der Gedanke des Zeitungsleser-Narren: was aber, wenn das Zeigen auf eine Weise geschieht, dass der Zuschauer oder Leser, ob Narr oder nicht, gar nicht anders kann, als mehr auf den fuchtelnden, sausenden, klopfenden, gestikulierenden Stock zu schauen, als auf das, was er zu zeigen vorgibt?“

Ganz in diesem Sinne als ein gewltsames "Einhämmern der Hauptfakten" beschreibt Handkes Erzähler schon im ersten Serbien-Text die Kriegsberichterstattung derer, die dann für den Erzähler von Unter Tränen fragend mit dem Nato-Krieg gegen Jugoslawien 1998 endgültig zu “europäischen Kriegszeitungen" werden. Den "über die Meere angereisten, eingeflogenen Aussagesammlern" gehe es nur um "ihre Story, ihren Scoop, ihr Beutemachen" mein der Besucher Višegrads 1996. Worum es in der journalistischen Arbeit solch "hinter die bosnischen Berge geheuerter Manhattan-Journalisten" wie Hedges aber fast nie gehe, sei ein "Zusammenhang, eine weiterführende, auf ein Problem sich einlassende Erklärungs- und Aufklärungsarbeit, und schon gar nicht, jedenfalls schon längst nicht mehr, auch nicht den einst ernsthaften 'Weltblättern', um die für Bosnien und Jugoslawien besonders bezeichnende Vor-Geschichte, Vorgeschichte um Vorgeschichte, ein Problem-Darstellen, welches in einem grundanderen Sinn zu Herzen gehe" als Hedges' bereits zitierter Schlussabsatz.

Der Vorwurf, den Handkes Texte zu Jugoslawien also dem überwiegenden Teil der – vor allem "westlichen", deutschen und österreichischen, französischen, immer wieder zentral US-amerikanischen–Kriegsberichterstattung machen, ist einerseits einer der Manipulation der Darstellung von Tätern und Opfern durch eine auch bildliche Rhetorik, die das Leiden der einen überhöht, während sie solche Opfer mit der 'falschen' Gruppenzugehörigkeit kaum sichtbar als die als Opfer, die sie sind, sondern im besten Fall als Kollateralschäden zeichnet. Der betonten Individualisierung, Effekt medialer Techniken wie etwa der Großaufnahme, die doch gleichzeitig nur klischierten Vorstellungen von Kriegsopfern entspricht und alles Individuelle auslöscht, korrespondiert Handkes Ich-Erzähler zufolge eine Entindividualisierung von serbischen Kriegsopfern, die auf Zugehörigkeit zu einer Kriegspartei der "Bösewichte" erkennbar werden soll, reduziert würden. Einmal, so kann man Handkes Medienkritik verstehen, wird hier ein Leiden vermittelt, mit dem sich der Betrachter identifizieren kann, auf der anderen Seite werden Opfer als Mitglieder einer Gruppe von Tätern identifiziert. Indem sie "über die Jahre immer in dieselbe Wort- und Bildkerbe" dreschen würden, würden Journalisten – auch und vor allem die, die nicht vor Ort sind – zu "genauso argen Kriegshunden ... wie jene im Kampfgebiet.”

Doch das Problem der journalistischen Berichte aus dem Krieg liegt für Handke tiefer als die Manipulationen, die seine Ich-Erzähler vermuten. Handkes Reisende durch Serbien, Bosnien und den Kosovo sind charakterisiert durch einen tiefen Zweifel daran, ob eine Feststellung reiner Fakten oder Tatsachen, auch jenseits ihrer Manipuliertheit, einen Weg darstellen kann, die Kriege im zerfallenden Jugoslawien zu verstehen und ihnen "gerecht" zu werden. Es ist ein Zweifel, der bei aller Anerkennung der Notwendigkeit, über bestimmte Kriegsverbrechen zu Gericht zu sitzen und die Täter zu verurteilen, – daran lässt Handke keinen Zweifel, – dazu führt, dass Handkes Ich-Erzähler der Vorstellung, die ehemaligen Staaten Jugoslawiens könnten auf juristischem Wege ihren Frieden mit den Verheerungen in den Zerfallskriegen machen, eine Absage erteilen. In Handkes erstem Den Haager Bericht, Rund um das große Tribunal, beschreibt Handkes Prozessbeobachter die Aussage eines jungen Albaners: „Immer wieder auch schweifte der Bursche in seiner Aussage, die doch als eine durchweg belastende gedacht war, unwillkürlich zu sogenannten Nebensachen ab. Als er zum Beispiel einmal ein Photo von einem Tatort identifizieren sollte, kam er auf eine darauf abgebildete Bewässerungsanlage zu sprechen: 'Die gab es damals noch nicht, die ist neu!' Und aufgeregt wies er wieder und wieder auf den Wasserhahn hin und wollte gar nicht aufhören, zu erklären, wie und wann die Anlage bei dem Dorf installiert worden war – und wurde auch da gleich gehörig unterbrochen und zurück auf den Aussageweg gebracht.“

Der "Aussageweg" bleibt Handke, aus freier Wahl allerdings, versperrt: „Wann geht es endlich mitten hinein in die Tatsachen?“, fragt der Prozessbeobachter an anderer Stelle: „Ach, da wäre eine lange Litanei aufzuzählen, und am Ende käme doch nur eine Aufrechnung heraus; was die Sache anderer ist.“

Was ist denn Handkes "Sache"

Was Handkes Sache ist? "Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten.“ lässt er seinen Serbienreisenden in ein Selbstgespräch verfallen: „Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt 'das Poetische' besser das Verbindende, das Umfassende - den Anstoß zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit. Wie das? Was ich hier aufgeschrieben habe, war neben dem und jenem deutschsprachigen Leser genauso dem und jenem in Slowenien, Kroatien, Serbien zugedacht, aus der Erfahrung, daß gerade auf dem Umweg über das Festhalten bestimmter Nebensachen, jedenfalls weit nachhaltiger als über ein Einhämmern der Hauptfakten, jenes gemeinsame Sich-Erinnern, jene zweite, gemeinsame Kindheit wach wird. 'An einer Stelle der Brücke war jahrelang ein Brett locker.' - 'Ja, ist dir das auch aufgefallen?' 'An einer Stelle unter der Kirchenempore bekamen die Schritte einen Hall.' - 'Ja, ist dir das auch aufgefallen?'"

Solche Nebensachen heißen in Handkes Jugoslawientexten auch „dritte“ oder „neunte“ Dinge. Handkes Erzähler, der kein „eingeflogener Faktensammler“, sondern Fußgänger, Tourist, Entzifferer fremder Sprachen und Schriftzeichen, sein will, einer, der sich „nicht allein in den Metropolen ... vor allem, in den kleinen Städten und Dörfern, und womöglich zeitweise auch fern von jeder Ansiedlung“ bewegt, begegnen sie scheinbar zufällig. Wenn man es sehr flapsig ausdrücken will, machen genau diese Nebensachen den "unique selling point" seiner Reisenberichte aus. Diesen Berichten geht es um eine "Augenzeugenschaft", die jenseits der Feststellung von Schuld und Unschuld auf Kleines, Ab- und Umwegiges achtet. Es geht um eine Aufmerksamkeit für das, was den kritisierten Journalisten, die nur eine Story suchen und beim Erzählen dieser Story der Branchenregel des "wer, was, wann, wo, wie," folgen, während sie das fehlende "warum" schon im Vorhinein beantwortet haben, notwendig entgehen muss.

Bei dem Versuch etwa, diesmal doch in der Metropole, in Belgrad während des Krieges, an einem Straßenkiosk einen Kamm zu kaufen, fehlt dem Erzähler von Unter Trämnen fragend das richtige Wort: „Blättern nach dem Wort im Dictionnaire – wobei eine Passantin mich anspricht: ‚Warum sind Sie jetzt hier? Sie nützen uns mehr, wenn Sie zuhause bleiben!‘“ Handke: „Erst einmal brauche ich einen Kamm und suche das serbische Wort dafür.“ „Češalj!“ Zu dem Mann im Kiosk: „Imate češalj, molim?“ Mann: „Nemam.“ Und erst jetzt kramt die Frau nach ihrem Zweitkamm und verschenkt ihn. Handkes Jugoslawien-Texte und nicht nur sie, sind übervoll von solchen Nebensächlichkeiten, Beschreibungen der "Lebenswelt", wie er sie mit Verweis auf den Phänomenologen Edmund Husserl nennt, das "Nebendraussen", wie der Serbienreisende mit Hermann Lenz sagt. Die in den Kritiken zur winterlichen Reise viel belächelten "andersgelben Nudelnester" auf einem Wochenmarkt sind nur ein weiteres Beispiel dafür.

Oft wird Handkes Erzähler von Begleitern, seiner Lebensgefährtin oder einem serbischen Freund, "von dem ich mir sein Land und seine Leute nahebringen lassen wollte", auf solche Nebensachen hingewiesen. Oft stammten die „dritten“ oder "neunten" Dinge aber auch aus der Literatur: „Ich hatte ... in einem Buch des heutigen serbischen Romanciers Milorad Pavić gelesen, wo eine Frau, ihren Geliebten küssend, ihm mit der Zunge dabei einzeln die Zähne abzählte; und wo es hieß, das Fleisch der Fische aus Flüssen, die, wie die Morawa, von Süden nach Norden strömten, tauge nichts; und daß es barbarisch sei, beim Mischen des Weins das Wasser zuzugießen, statt vielmehr umgekehrt.“

Die beobachteten und angelesenen Nebensachen sollen den "poetischen" Charakter von Handkes Erzählungen aus dem Krieg verbürgen. Und sie sollen das, was jenseits der "Fakten" liegt – die doch in Handkes Jugoslawien -Texten einzig dazu taugen, Zerstrittene auf Dauer zu entzweien – einer gemeinsamen Erinnerung zuführen.

Der Fokus auf die Nebensachen, das, was sich „nicht nur auf den zweiten Blick, sondern auch auf den dritten“ zeigt, soll die Gemeinschaft derer stiften, die einen solchen Blick teilen. Das „Warum?“ ist es, was Handke antreibt, seine Erzähler wollen Gründe „sehen“, sich nicht mit der „normativen Kraft des Faktischen“, das in mehreren dieser Texte anzitiert wird, zufrieden geben. Schon der erster Zeitungstext zu Jugoslawien, Handkes Eloge an eine vergangene slowenische „Wirklichkeit“, liest sich in dieser Hinsicht vom ersten Satz an wie ein Programm: „Es sind vielerlei Gründe genannt worden für einen eigenen, regelrechten Staat mit Namen 'Republik Slowenien',“ so hebt der Abschied des Träumers vom neunten Land an: „Damit diese Gründe mir aber im einzelnen denkbar, oder faßbar, oder eingängig würden, müßte ich sie erst einmal sehen; das Hauptwort 'Grund' kann, für mich jedenfalls, nur bestehen zusammen mit dem Zeitwort 'sehen'. Und ich sehe keinen Grund, keinen einzigen nicht einmal den 'großserbischen Panzerkommunismus' – für den Staat Slowenien; nichts als eine vollendete Tatsache.“

Der vollendeten Tatsache Slowenien, stellt Handke in diesem ersten jugoslawischen Zeitungstext eine anderes Slowenien entgegen. Es ist ein jugoslawisches Slowenien, das er, Sohn einer Kärtner Slowenin und eines deutschen Wehrmachtssoldaten, als "eine der wenigen Sachen, welche bei mir zusammengehören mit dem Beiwort 'mein'; Sache nicht meines Besitzes, sondern meines Lebens" bezeichnet. Handke bindet Slowenien, als Teil Jugoslawiens, auf diese Weise an seine literarische Autorschaft und an ein Schreibprojekt, das weit über die Jugoslawientexte hinausgeht. „Was ich schreibe, ist ja nur meine geformte Existenz“, sagt Handke schon im Frühjahr 1986 seinem Gesprächspartner Herbert Gamper.

Er kommt von Goethe. Und aus der Zeitung

Gerade "die offensichtliche slowenische Eigenständigkeit, wie auch die der anderen südslawischen Länder – Eigenständigkeit, die so schien es, nie eine Eigenstaatlichkeit bräuchte", so erinnert sich Handkes „Träumer“ 1992 an die vergangene "Wirklichkeit" seines neunten Landes Slowenien, "trug in meinen Augen zu der selbstverständlichen großen Einheit bei." Eine geografische Einheit, geprägt vom Karstgestein, wie auch eine historische Einheit, die sich sowohl darin manifestiert habe, dass das erste, 1918 nach Zerfall des Habsburgerreiches gegründete (Königreich) Jugoslawien Ausdruck einer Zusammengehörigkeit von aus der Kolonialherrschaft befreiten Völker war, die in einer neuen Einheit nicht zuletzt zu einzelnen, eigenen Sprachen gefunden hätten, die "kein Sklavengemunkel mehr zu sein bräuchten" als im gemeinsamen Widerstand "auch der unterschiedlichen Parteien und der einander widersprechenden Weltanschauungen – ausgenommen fast nur die faschistischen Ustasha-Faschisten" während des zweiten Weltkriegs gegen Großdeutschland.

Ein Kenner der Geschichte Jugoslawiens mag grobe Vereinfachungen und Idealisierungen in dieser Beschreibung erkennen. Dem genauen Leser wird allerdings auch auffallen, wie sich das Programm der "Nebensachen", des "Kleinen" und der "neunten" Dinge in Handkes Schilderung eben jenes "neunten Landes" Slowenien wiederfindet. Und somit ein Erzählen vom Krieg, das Einzelheiten als Einzelheiten anzuerkennen und zu 'erzählen' sucht, während es sie gerade „nicht nur auf den zweiten Blick, sondern auch auf den dritten“ in einen historischen Kontext einzuordnen versucht um somit etwas Gemeinsames, Verbindendes zwischen ihnen herzustellen.

Als seine Ahnen erachte er, wie Handke jetzt ein Interview im österreichischen Fernsehen abbrach, Homer, Cervantes und Tolstoi. Kenner seiner Texte werden den Namen Goethe hinzufügen wollen und sich vielleicht auch an ein Interview erinnern, das Handke 2006 dem Standard gab. Dort verglich er seine Schriften zu Jugoslawien mit Goethes Kriegsbericht Die Kampagne in Frankreich 1792": „Ich erzähle auf meine Weise, so wie Goethe damals die Kanonade von Valmy in der französischen Revolutionszeit beschrieben hat. Und auch wenn seine Erzählung letztlich voll von Nebensächlichkeiten war, noch schlimmer als bei mir, ist sie doch – vielleicht dank Goethe – geblieben.“

Das Bleiben, die „Dauer“ ist Handkes großes Thema, nicht erst seit seinen Jugoslawien-Schriften, es ist eine Dauer, die der Dauer der Literatur entspricht, wie Handke sie sich imaginiert. Die Dauer einer Buchwelt. Und das Verbindende, das diese Literatur zu stiften gedenkt, realisiert sich für den Autor Handke in einer Gemeinschaft der Leser.

Doch der Autor Peter Handke kommt nicht nur von Homer, Goethe und Tolstoi, der Autor Handke kommt auch aus der Zeitung. Die Nebensachen, die dritten oder neunten Dinge, an bestimmten Stellen der Jugoslawien-Texte wird das überdeutlich, sind allzu oft abhängig davon, was die Zeitungen und Medien als „Fakten“, und somit Beweismittel sammeln. Die „Gründe“ gegen eine allzu schnelle Festlegung von Opfern und Bösewichten in den Zerfallskriegen Jugoslawiens , die Handkes Erzähler auf ihren serbischen, bosnischen und kosovarischen Reisen, die in den allermeisten Fällen um die eigentlichen‚ heißen’ Schlachtfelder der Jugoslawienkriege einen weiten Bogen machen, zu sehen bekommen, sind somit oftmals auch nur bloße Spiegelungen eingespielter Blickseiten. In einer Monographie zum Thema hat der Frankfurter Literaturwissenschaftler Roland Bogards darauf aufmerksam gemacht, dass etwa die von Handkes Serbienreisenden beobachteten Belgrader Bürger, die anders als es das Klischee will, statt des bekannten serbischen Pflaumenschnapses Wasser aus einem Brunnen, mit der Hand in den Mund schöpfen, einer solchen Spiegelung näher kommen, als zu den dritten oder neunten Dingen zu gehören. Und auch Beispiele, die Jürgen Brokoff anführt, das Verschwinden eines später zerstörten orthodoxen Klosters im Kosovo auf einer Karte schon lang vor der eigentlichen Zerstörung etwa, das Handkes Erzähler auf seiner Reise in die Enklave im neuerdings unabhängigen Staat zu bemerken meint, gehören hierher. Von einem Miss- oder vielleicht Fehlgebrauch eines poetischen Verfahrens auf seine grundsätzliche Poblematik zu schließen wie Brokoff, ist aber ein Kategorienfehler, der mehr über denjenigen aussagt, der diesen Missgebrauch herausstellt, als über den, der ihn begeht.

Man liest, neuerdings wieder, wenn man sie denn liest, auch Handkes Jugoslawientexte wie Texte, die in der Zeitung stehen. Man klopft sie auf Tatsachen ab, auf Beweise für die Schuld oder Unschuld ihres Verfassers, sucht den einen Beweis, der ihn zum "Täter Handke" macht. Zu einem, der auszog, Jugoslawien zu betrauern, vielleicht auch zu verteidigen, und nun in der rechten, nationalistischen Ecke stehen soll. Es ist ein Dilemma, das sich nur lösen lässt, wenn man Handkes Doppelspiel mitspielt. Seine Texte als das ganz Andere der Zeitung, auch in der Zeitung lesen, ist die Aufgabe. Dafür braucht es Geduld. Und wahrscheinlich Gerechtigkeit. Es gibt sie, die Stellen, an denen Handke und seine Erzähler keine Gerechtigkeit walten lassen, nicht für Serbien und vor allem auch nicht für die Opfer eines mörderischen Krieges.

Um diese Stellen zu finden, sie zu verstehen im Kontext ihres Erscheinens und um zu ergründen, warum sie geschrieben wurden, braucht es ein sehr genaues, aber auch ein gerechtes Lesen. Echte Leser, wie Handke sie sich wünscht sind gefragt. Und wenn einer oder zwei auf diesem Wege zum echten Lesern würde, das nur als Gedanke, wäre das nicht schon ein Grund für einen Preis?

Bei diesem Text handelt es sich um die stark erweiterte und überarbeitete Version eines Artikels, der im Freitag 44 erschienen ist.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der Buchpreisträger Saša Stanišić habe Peter Handke in seiner Dankesrede ein Falschzitat "untergemogelt". Herr Stanišić teilte dem Freitag mit, es habe in seiner Rede keine Zitate gegeben. Die betreffende Passage wurde dementsprechend geändert.

06:00 01.11.2019
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