Was ist Politik?

Hannah Arendt Über Politik und deren Macht wird im Zuge der Corona-Krise viel diskutiert. Doch was ist Politik? Eine Frage, der sich auch Hannah Arendt in ihrem Lebenswerk widmet.
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Was ist Politik?
Hannah Arendt im Jahr 1933

Foto: Unknown author/Wikimedia (gemeinfrei)

Was Politik ist, fragt Hannah Arendt, die in ihrem umfassenden Gesamtwerk den Begriffen wie Arbeit, Öffentlichkeit, Politik und Freiheit auf den Grund geht. Politik, also vor allem repräsentative Demokratie mit BerufspolitikerInnen wie wir sie heute verstehen, hat es in dieser Form nicht schon immer gegeben. Hannah Arendt geht insbesondere in ihren Werken „Was ist Politik?“ und „Macht und Gewalt“ der Frage nach, was Politik eigentlich ist und wie sie sich historisch entwickelt hat. Und sie beginnt dabei in der griechischen Antike.

Hannah Arendt – eine politische Theoretikerin

Hannah Arendt, die sich selbst als politische Theoretikerin bezeichnet, wird 1906 in Linden (einem heutigen Stadtteil von Hannover) geboren. Sie studiert u.a. bei Karl Jaspers und Martin Heidegger Philosophie, wird Heideggers Geliebte und beginnt 1929 als 23-Jährige ihre Habilitation. Doch dann nimmt ihr persönliches und das gesellschaftliche Leben einen anderen Lauf. Als Jüdin flüchtet sie 1933 nach Paris. Als Frankreich von Deutschland besetzt wird, kann Arendt 1941 gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter über Lissabon in die USA fliehen, wo sie jedoch erst 1951 die Staatsbürgerschaft erhält. Die Zeit der Staatenlosigkeit hat sie sehr geprägt. Berühmt wird Hannah Arendt durch ihre Aufzeichnungen des Eichmann-Prozesses, in welchen sie von der „Banalität des Bösen“ spricht. Ihr bekanntestes Buch ist „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. In diesem beschäftigt sie sich mit dem Totalitarismus als neuer Herrschaftsform.

Was ist Politik?

Die Frage, was Politik ist, zieht sich durch Hannah Arendts Gesamtwerk. Doch obwohl sie sich als politische Theoretikerin sieht, ist ihr geplantes „Politikbüchlein“ nie fertiggestellt worden. Allerdings beschäftigt sie sich in ihrem 1970 erschienenen Werk „Macht und Gewalt“, in dem sie sich mit der Studierendenbewegung der 1968er auseinandersetzt, neben der klaren Differenzierung zwischen Macht und Gewalt auch mit ihrem Politikverständnis. „Was ist Politik?“ ist auch der Titel eines Werkes, das posthum von Ursula Ludz herausgegeben wurde. Dieses beruht auf bisher unveröffentlichten Fragmenten aus dem Nachlass der Jahre 1950 bis 1959.

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen ist für Hannah Arendt immer eine grundsätzliche Frage, in diesem Fall: Was ist eigentlich Politik? Und dabei beginnt sie mit den Grundelementen: Politik entsteht zwischen Menschen, nicht im Menschen – und zwar zwischen Menschen in ihrer Verschiedenheit. Die Verschiedenheit bezeichnet Arendt als „Pluralität“, ein wichtiger Bestandteil ihrer gesamten Weltanschauung. Denn für sie gibt es nicht den Menschen, sondern nur die Menschen.

Politik ist für Hannah Arendt das, wie Menschen in ihrer Verschiedenheit ihre gemeinsame Welt gestalten. Und in Anlehnung an die griechische Polis und ihr Weltverständnis ist Politik das, was das einzelne menschliche Leben überdauern kann. Denn die (politische) Welt ist das große Kunstwerk der Menschen.

Im Politischen geht es also nicht primär ums Überleben als Individuum oder als Gattung, sondern um das Zusammenleben und -handeln der Menschen (siehe dazu auch meinen Artikel zur Arbeit). Politik ist der gemeinsame Raum der Menschen – und ist klar vom Raum des singulär verstandenen Individuums oder der persönlichen Innenwelt abgegrenzt.

Politik aus historischer Perspektive

Ihren Politikbegriff leitet Hannah Arendt, wie bereits erwähnt, von der griechischen Polis ab – eine historische Zeit, die sie als Sternstunde der Menschheit betrachtet. In der Polis treffen sich vom Arbeitszwang befreite Gleiche, die durch Miteinander-Sprechen und Sich-Überzeugen gemeinsame Angelegenheiten regeln. Politik ist somit gerade nicht Herrschaft – also weder Herrschen noch Beherrschtwerden –, sondern ein öffentlicher Raum unter gleichgestellten Bürgern. Zwang und Gewalt werden dabei ebenso verachtet wie die Versorgung mit lebensnotwendigen Dinge (siehe dazu meinen Artikel zur Arbeit). Gewalt und Herrschaft haben in der Politik der Polis also keinen Platz. Ja, sie ist dessen Gegenteil: ein Ort der Begegnung unter Gleichen. Etwas, das vielleicht durch unsere von Herrschaft geprägte Denkweise schwer vorstellbar ist.

Auch die Gesetzgebung, diesen politischen Raum zu schaffen, und die Außen-„Politik“, in welcher durchaus Gewalt- und Kriegshandlungen stattfinden, sind nicht Teil der Polis. Denn erst seit den Römern enthält das Politikverständnis auch die Außenbeziehungen zwischen Staaten. Politik, römisch verstanden, meint Bündnis- und Vertragspolitik nach einem Krieg. Das heißt, auch erst seit den Römern ist Politisches vorrangig Gesetzgebung.

In der Polis dient der öffentlich-politische Raum den gleichgestellten Bürgern, miteinander in Kontakt zu kommen, mit Gleichgesinnten zu sprechen, deren verschiedenen Standpunkte kennen zu lernen und sich bei gemeinsamen Angelegenheiten zusammenzutun.

Politik als Mittel für ein höheres Ziel?

In allen späteren Zeiten wird Politik zu einem Mittel für ein höheres Ziel; für welches, ist historisch immer anders beantwortet worden. In unserer modernen Welt hat die Politik vorranging die Aufgabe, einen über die ganze Nation erstreckten Haushalt zu verwalten und das Individuum gegen (mögliche) Angriffe von anderen zu schützen. Darüber hinaus ist es seit der Schaffung von Nationalstaaten die Pflicht von Regierungen, die Gesellschaft nach innen und außen – wenn nötig mit Gewalt – zu schützen. Dadurch hat Politik jedoch keine Legitimation mehr aus sich selbst heraus, da sie ausschließlich einem höheren Ziel dienen soll.

Politik meint Handeln

Politik im Sinne der Polis meint hingegen, miteinander zu sprechen und andere zum miteinander Handeln anzuregen. Handeln ist für Hannah Arendt eine der drei menschlichen Grundtätigkeiten. Die anderen beiden sind Arbeiten und Herstellen.

Handeln meint die Fähigkeit des Menschen, etwas Neues in die gemeinsame Welt einzubringen und so einen Anfang zu machen. Werden dadurch andere zum Mithandeln angeregt, kann sich das gemeinsame Leben, der politische Raum, (manchmal auch sehr plötzlich) verändern. Im Handeln liegt also die Möglichkeit auf Veränderung. Denn Handeln ist (im Gegensatz zur Reaktion und zum automatischen Sich-Verhalten) immer neu und unvorhersehbar. Diese Fähigkeit zu handeln, ist das, was den Menschen zu einem politischen Wesen macht.

In unserer heutigen repräsentativen Demokratie wird das Handeln auf BerufspolitikerInnen beschränkt, denen wir die Macht zu handeln übertragen.

Politik jenseits von Herrschaft

Fragen wir uns also mit Hannah Arendt, was Politik ist, geht es zum Einen um die Frage, was es für Strukturen der Mitgestaltung braucht, um wieder zu Handelnden werden zu können (siehe meinen Artikel zur Freiheit).

Zum Anderen stellt sich auch eine ganz grundlegende Frage: Wie kann ein Staat ohne Herrschaftbzw. von Befehl und Gehorsam (auch ohne einen inneren Gehorsam) aussehen?

Denn gerade diese Reduktion des Politischen auf ein Herrschaftssystem ist für Hannah Arendt weder historisch richtig (betrachten wir die Polis aus Ausgangsort der Politik) noch der Sache selbst angemessen. Denn Menschen sind zur Politik begabte Wesen – und brauchen deshalb einen Ort, zu Handelnden werden zu können. Also zu Menschen, die die Öffentlichkeit mitgestalten und Anteil an der Regierung haben. Denn Handeln meint gerade nicht die Wahl zwischen vorgegebenen Alternativen im Parteiensystem der repräsentativen Demokratie und das Abgeben der eigenen Macht an gewählte BerufspolitikerInnen.

Durch Handeln schaffen wir im öffentlich-politischen Raum die gemeinsame Welt, die unser individuelles Leben überdauern soll. Unser gemeinsames Kunstwerk. Und Handeln ist nur unter Gleichen möglich – daher auch jenseits von Herrschaftsverhältnissen.

Die Mittel sind wichtiger als die Zwecke

Da Handeln außerdem immer unvorhersehbar ist, sind es natürlich auch dessen Folgen. Wir können nicht wissen, was schlussendlich aus einzelnen menschlichen Taten, geschweige denn aus einem Zusammenhandeln von mehreren Menschen entsteht. Daher sind die zur Erreichung politischer Ziele eingesetzten Mittel für die Zukunft der Welt zumeist von größerer Bedeutung als die Zwecke, denen sie dienen sollen. Denn ohne Wie ist das Was nichts.

14:15 24.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Melanie Lanner

Soziologin, Master in Gender Studies, selbständige Shiatsu-Praktikerin und leidenschaftliche Bloggerin
Melanie Lanner

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