Was soll ich können?

Arbeitsmarktentgeisterung Der Geisteswissenschaftler im Zeitalter seiner berufstechnischen Verzichtbarkeit. Ein Erfahrungs- und Lagebericht
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Soweit mich nicht die faszinierende Gedankenwelt Lichtenbergs fesselt, befängt mich das Problem, das mir die nächsten Monate stellen, von denen ich weder weiß, wie ich sie in noch außerhalb Deutschlands überstehen kann. Es gibt Orte, an denen ich ein Minimum verdienen und solche, an denen ich von einem Minimum leben kann, aber nicht einen einzigen, auf den diese beiden Bedingungen zusammen zutreffen.1

Vor ein paar Jahren wurde ich Zeuge des folgenden Dialoges. Sein Hintergrund: Ein junger Mann aus den USA wollte sich im Bürgerbüro mit Erstwohnsitz in Deutschland melden.

»Beaaaate, kannze ma komm? Ich dreh hier grad duach!«

»Was hasse denn?«

»Ich find ›USA‹ nich im System. Das kann doch nich sein, daß die nich drinn sind, woll? Ich hab schon unta U gekuckt, unta A für Amerika – is einfach nich drinn!«

»Hasse schon unta V gekuckt?«

»Hä? Wieso V?«

»Wegn ›Vereinichte Staatn‹!«

»Jau, da isses! Boah, da wär ich niiiie draufgekomm!«

»Is genauso mit Großbritannien: da musse auch unta V kuckn wegn ›Vereinichtes Könichreich‹.«

»Danke dir!«

»Tja, das weiß man eben, wenn man 30 Jahre dabei is.«

Daß Berufserfahrung mehr ist als nur praktische Fähigkeiten gesammelt zu haben, daß mit Berufserfahrung auch Expertenwissen angehäuft wird – und das über Jahrzehnte! –, wurde mir nie klarer als in dieser loriothaften Szene an einem spätsommerlichen Vormittag im Bürgerbüro. Als Literatur- und Sprachwissenschaftler war es mir eine wahre Wonne, Theorie und Praxis so konkret, sinnvoll und problemlösend in freier Wildbahn und mit sauerländischem Akzent angewandt zu sehen. All die Jahre des Lesens, Denkens und Schreibens während meines Studiums schienen überflüssig. Aber was würde ich mit diesem Zuviel im geistig-theoretischen Bereich anfangen können? Was kann ich eigentlich? Und was soll ich können?

»Drei Phänomene fallen an den Studienanfängern von Semester zu Semester mehr auf: ihre elementare Leseschwäche, ihre verzweifelte Verstehenswut sowie ihre strategische Verantwortungsvermeidung. Eine äußerst unglückliche Kombination.«2 Diese Diagnose, die Bernd Beuscher, Religionspädagoge an der EFH Bochum, jüngst mit großer Verzweiflung in seinem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte, gesellt sich zum jahrelangen Abgesang auf einst selbstverständliche Qualifikationen junger Menschen, die mit einem oftmals hervorragenden Abitur einen ebenso hervorragenden Hochschulabschluß anstreben. Erschreckenderweise gelingt ihnen dieses Vorhaben trotz all ihrer Defizite, auf die Lehrende und Arbeitgeber in gebetsmühlenartiger Aufschrei-Manier aufmerksam machen, mit Bravour.3 Wie kann das sein? Zum oftmals überraschend guten, will sagen: sehr guten Notenspektrum der Hochschulabsolventen sagte Beuscher nichts, vermutlich weil hierzu schon vieles gesagt wurde, doch noch mehr schweigend hingenommen wird. Der Philosoph und Essayist Konrad Paul Liessmann konstatierte 2014 in seiner zweiten (Un-)Bildungsstreitschrift: »Die Arbeitsplätze für Maturanten (Abiturienten) und Akademiker werden knapp, die Ausbildung wird schlechter, die Flut an akademischen Abschlüssen aller Art entwertet diese, die Klagen der Unternehmer über die Schwächen ihrer jungen Mitarbeiter häufen sich, die Praktika und prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, und die Jagd nach zusätzlichen Qualifikationen, die kaum noch etwas bringen, hat schon lange begonnen.«4

Einerseits ertönt die Forderung nach lesekompetenten5, mutigen und kritischen Geistern, andererseits wird alles und jeder gleich gut (zu gut!) bewertet. Die virtuelle Welt scheint ihr reales Pendant mitsamt ihrer ubiquitären Bewertungsmanie schon längst beeinflußt zu haben. Der US-amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis kritisierte im Dezember 2015 in der New York Times die »reputation economy« und einhergehend mit dieser die Möglichkeit, heutzutage alles und jeden öffentlich und vermeintlich professionell kritisieren zu können, »even if they have no idea what they’re talking about«.6 Ellis warnte vor dem totalen Verlust des Individuellen und Authentischen durch das omnipräsente Diktum des schönen Scheins und das omnipotente like-Urteil diverser sogenannter social media-Plattformen: »Facebook encouraged users to ›like‹ things, and because it was a platform where many people branded themselves on the social Web for the first time, the impulse was to follow the Facebook dictum and present an idealized portrait of their lives — a nicer, friendlier, duller self. And it was this burgeoning of the likability cult and the dreaded notion of ›relatability‹ that ultimately reduced everyone to a kind of neutered clockwork orange, enslaved to the corporate status quo.« Im Meer aus likes und favs, aus blinkenden Sternchen, erhobenen Däumchen und pulsierenden Herzchen geht das Besondere, das Einzigartige, das Große unter; jeder ist gleich ›sehr gut‹ – ›netter, freundlicher, langweiliger‹ –, obwohl beispielsweise die Lesekompetenz gleich ›sehr schlecht‹ ist, jedenfalls was anspruchsvolle, lange Texte anbelangt, die dem Lesenden Zeit und Kondition abverlangen. Derartig ausschweifende Gedankenkonvolute scheinen mehr und mehr ungeeignet zu sein für eine Generation junger Studentinnen und Studenten, die ihre täglichen Nachrichten, Informationen und Antworten per Snapchat, Twitter, Facebook und Google bekommt und deren Texterfahrungen durch kryptische Abkürzungen, WhatsApp-Meldungen und Zusammenfassungen mit Emoji-Dekoration verwoben wird. »Einige beherrschen zwar die Lesetechnik ganz gut«, schrieb Beuscher weiter, »nutzen sie aber nur als Bluff. Sie klingen wie mein Navigationsgerät. Was soll man damit anfangen?«7

»Was können Sie denn?« Diese Frage einer überaus engagierten Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit traf mich völlig unvorbereitet. Immerhin hatte ich der Dame bereits zwei Wochen zuvor einen mustergültigen und kompletten Lebenslauf sowie sämtliche Zeugnisse zukommen lassen, damit sie sich ein Bild von mir und meinen Qualifikationen machen könne und nicht gänzlich unvorbereitet in dieses Beratungsgespräch werde gehen müssen. Geht etwa aus meinen Unterlagen nicht hervor, was ich kann? Nach einer kurzen Pause, die meiner Irritation geschuldet war, antwortete ich etwas holprig: »Nun, ich kenne mich recht gut mit Kafka und Thomas Bernhard aus, und ich möchte behaupten, daß ich auch einiges zur Peirceschen Semiotik sagen kann.« Schlagartig leerte sich ihr Gesichtsausdruck. Ich konnte förmlich sehen, wie sich im Innern meiner Gesprächspartnerin einerseits Spannung, andererseits Unverständnis ausbreitete. Ich durchbrach diese für beide Seiten peinliche Stille, indem ich anschloß: »Aber das wollten Sie natürlich nicht wissen. Sie interessieren sich bestimmt für meine praktische Erfahrung, denn niemand interessiert sich für die theoretische.« In der Tat hatte ich im Laufe meiner zwölfjährigen Studienzeit ein schier erschreckendes und für meinen beruflichen Werdegang kontraproduktives Ungleichgewicht zwischen Theorie und Praxis angehäuft, das leider zuungunsten praktischer Auszeichnung ausfiel, und der Gedanke ließ sich nicht vermeiden, daß die Germanistik eine lebensgefährliche Disziplin sei und daß jemand, der sich auf sie einließe, nur lebensmüde genannt werden könne. Die Kantische Frage, was ich wissen kann,8 stellte sich mir nun vor diesem Hintergrund in ihrer neuen, modernen und sehr akuten Form: Was soll ich können? Nachdem ich über drei Jahre hinweg mit einer beeindruckenden Quote von 100 Prozent Absagen auf Bewerbungen aller Couleur erhalten hatte, schien die Frage, was ich aktuell könne, sprich: was ich von Schule und Universität mitbrächte, auf ein erschütterndes nichts hinauszulaufen; jedenfalls scheine ich als Geisteswissenschaftler über keinerlei nennenswerte Fähigkeiten zu verfügen, die der (Arbeits-)Welt irgendwie von Nutzen sein könnten: Ich bin ein ›Mann ohne Eigenschaften‹. Meine Kompetenz ist der Kompetenzverlust, der mit meinem Eintritt in das geisteswissenschaftliche Studium eingetreten ist und der mich gegen Zeitgeist und Arbeitsmarkt immunisiert zu haben scheint. Ich möchte ginsberghaft aufheulen: ›I saw the best minds of my generation destroyed by unemployment!‹9

Der Frage, was ich können solle, geht zunächst die Frage voran, welches Wissen, welche Qualifikationen, welches Können ich schon mitbringe. Die Anglistin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann beschreibt das ›Handwerk‹ des Geisteswissenschaftlers mit den folgenden Worten: »Wenn die Archivare die Schutzengel des Papiers sind [nach einem Ausdruck der kanadischen Autorin Margaret Atwood, 1997], sind die Geisteswissenschaftler die Schutzengel des kulturellen Gedächtnisses. Sie tun das, was über die Kompetenz der Archivare hinausgeht: sie graben in den Beständen des kulturellen Speichergedächtnisses, sie entdecken, rekonstruieren, sie fügen Getrenntes zusammen, sie deuten und interpretieren, d.h. sie animieren und beleben tote Materie, sie verwandeln Daten und kontextlos gewordene Information in Wissen.«10 Mir kommt es so vor, als wäre mein Besitz ein verdorbener Wissensschatz: die Hirnschale gefüllt mit Blutdiamanten! Bei Bewerbungen empfindet sich der Geisteswissenschaftler, der seine jeweilige Fächerkombination wie aus Notwehr gegen den durchökonomisierten Zeitgeist studiert zu haben scheint, allzuoft als Mängelwesen; irgend etwas fehlt ihm immer, seien es Praktika, Computerkenntnisse, Fachwissen oder – und das mag vielleicht am schwersten wiegen – Selbstbewußtsein. Letzteres ist in der Tat ein nicht zu unterschätzendes Talent. Im Selbstbewußtsein macht der Realist ein Nickerchen, während der Idealist ans Werk geht. Der Selbstbewußte erhöht sich und seine Qualitäten, wodurch er zum gesellschaftsrelevanten »Übertreibungskünstler«11 wird. Als solcher existiert er in erhabenen Realitätsregionen, unbezwingbar, unersetzbar, unvergleichlich: »Ich verlasse das Haus wie die Granate das Rohr – ballistisch leben ist das Gebot der Stunde.«12 Schon Nietzsche sah sich mehr als Dynamit denn als Mensch,13 doch wie wollte er die Konsequenzen dieser riskanten Dehumanisierung überleben? Was würde nach der Explosion passieren? Wer könnte er noch sein, nachdem er detoniert wäre? Ich befürchte, daß das Schicksal der zeitgemäßen, höchstnervösen »Quintessenz des Staubes«14 nur die trostlose Existenz im Würgegriff des epidemischen Burnouts sein könne; das Resultat des Anthropodynamits ist die Kraftlosigkeit.

Die Frage der Sachbearbeiterin15 nach dem, was ich könne, erinnerte mich in Intonation und Intention an das sorgenvolle »Was haben Sie?« beziehungsweise »Was fehlt Ihnen denn?« einer medizinischen Anamnese: Der chronisch unter Geisteswissenschaften Leidende ist für den Arbeitsmarkt trotz aller Geistesakrobatik nicht fit genug; ihm fehlt etwas, das die anders Ausgebildeten haben. Während Handwerker, Naturwissenschaftler oder IT-Experten ihre Athletik in jeder nur erdenklichen Ecke der Arbeitswelt gewinnbringend unter Beweis stellen, liegt jene arme Geisteskreatur weltabgewandt und lethargisch darnieder, mit dem Ohr am Puls längst vergessener Zeiten, mit den Augen auf längst vergriffenen Büchern, mit dem Kopf in längst vorbeigezogenen Wolken. Mit jeder weiteren Ablehnung, die der gebrechliche Geisteswissenschaftler erfährt, spricht man ihm die Tauglichkeit ab; er fällt bei jeder Musterung durch und ist somit jeglicher Hoffnung beraubt, sein ›Können‹ bei der Verteidigung des Vaterlandes im Kompetenzkrieg der sogenannten Eliten unter Beweis zu stellen. An der heimischen Bewerbungsfront schlagen derweil unerbittlich Absagen ein, und auch wenn den Geisteswissenschaftler davon nur wenige wirklich treffen, hinterlassen die meisten doch schmerzhafte Schrapnellwunden im Selbstbewußtsein. Der mit dieser exotischen Verletzung vollkommen überforderte Arzt verschreibt dem hoffnungslosen Patienten eine hohe Dosis Praktika, impft ihn gegen allzu exzessives Nachdenken und schickt ihn für mehrere Monate auf fachfremde Kur, damit er von seiner hartnäckigen Krankheit und seinen rhizomhaften Blessuren genesen und schon bald ein wertvolles und gewinnbringendes Mitglied der Gesellschaft sein möge. Doch wer wäre dieser Geisteswissenschaftler nach erfolgreich absolvierter Therapie? Und wer nähme seinen vakanten Platz ein? Gäbe es diesen Platz überhaupt noch?

Nun, noch gab (und gibt) es diesen unseligen, schattigen Platz, noch hatte (und habe) ich ihn inne, auch wenn es nur der des Bittstellers und Arbeitsuchenden war (und ist, vielleicht sogar bleiben wird) – »[h]eaven holds a place for those who pray, hey hey hey«16! Hier, in diesem sterilen, beinahe klischeehaft eingerichteten Arbeitsagenturbüro, wurde mir das, was Hans Blumenberg in bezug auf die berühmte Brunnen-Anekdote17 aus philosophisch-theoretischen Urzeiten pointiert ausgeführt hatte, jäh bewußt und faßbar: »Das Rencontre zwischen dem Protophilosophen und der thrakischen Magd«, so Blumenberg, »war nicht, sondern wurde die nachhaltigste Vorprägung aller Spannungen und Unverständnisse zwischen Lebenswelt und Theorie, die deren unaufhaltsame Geschichte bestimmen sollte.«18 Ja, ich spürte (und spüre noch immer) Spannungen! Ja, ich spürte (und spüre noch immer) Unverständnis! Praxis und Theorie kämpfen einen ungleichen, unfairen Kampf, und die Stärkere, die Praxis, macht sich über das Ungeschick, das Tollpatschige, das Weltfremde der Theorie lustig. Aber bin ich als Geisteswissenschaftler per se Repräsentant einer theoretisch-abgehobenen, ja entrückten Welt? Und was heißt ›Theorie‹ eigentlich? Dazu noch einmal Blumenberg: Ulrich von Bülow und Dorit Krusche berichten in ihrem Nachwort zu Hans Blumenbergs Nachlaß-Textkorpus Quellen, Ströme, Eisberge, der Philosoph habe »seinen Verleger Siegfried Unseld in einem Brief am 27.1.1980 selbstbewußt daran [erinnert], daß ›Theorie‹ [θεωρία] ursprünglich ›Anschauung‹ und nicht ›Abstraktion‹ bedeutete.«19 Aha! Das klingt doch sehr viel versöhnlicher: Ich abstrahiere nicht, ich schaue an. Und zieht man nun noch die Aristotelische Sicht der theoría heran, daß ebendiese »nicht nur die höchste Stufe des Wissens, sondern auch die höchste Form der Praxis«20 darstelle, kann es weder um mich noch um die theoretischen Siegchancen im praktischen Kampf so schlecht gestellt sein.

Konsultiert man den im Vergleich zum »Theorie«-Eintrag um gut drei Spalten längeren Artikel zum Lemma »Praxis« im Historischen Wörterbuch der Philosophie, so fallen gleich zu Beginn ein paar recht bemerkenswerte Übersetzungsmöglichkeiten des Wortes πρᾶξις auf, die von ›Handlung‹, ›Tat‹ und ›Geschäft‹ über ›Ausgang‹ und ›Erfolg‹ bis hin zu ›schweres Los‹ und ›Qual‹ reichen.21 Am 24. Februar 1824 machte Goethe seinem ›Praktikanten‹22 Eckermann deutlich, daß »wir […] von unsern Studien am Ende doch nur das, was wir praktisch anwenden«23, behalten. Was, so stellte ich mir selbst die Frage, habe ich behalten? Ich griff zu meinem schon jetzt antiquiert wirkenden, grünen »Studienbuch«, in welchem Belegbögen der einzelnen Semester sowie Seminarscheine (jedoch keine genormten ECTS-Punkte), chronologisch geordnet wie die Kalenderblätter einer bereits in Vergessenheit geratenen Epoche, einen Überblick meiner Studienzeit geben. Von Einführungsveranstaltungen unterschiedlichster Art über Seminare zu »Heinrich von Kleist«, »Generative Syntaxtheorie«, »Eigennamentheorien«, »Geschichte des Films« oder »Das Weltbild im Mittelalter« hin zu Vorlesungen mit Titeln wie »Ästhetik des Raums«, »Globalisierung«, »Kognitive Linguistik«, »Symboltheorien« oder »Mimesis und Fiktion« – ein Kaleidoskop teils hochabstrakter und praxisferner Sujets! Kein Wunder also, daß ich aufgrund ebendieser Praxisferne und ›Unanwendbarkeit‹ so gut wie nichts ›behalten‹ habe außer ein paar benotete, signierte und gesiegelte Scheine sowie ad acta gelegte Hausarbeiten zu nicht minder praxisfernen Fragestellungen, doch möchte ich mit Lichtenberg behaupten: »Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichts desto weniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.«24 Und wie sieht es fernab dieser sehr speziellen akademischen Themen aus? Wie ist es um das bestellt, was ich ›Meta-Fähigkeiten‹ nennen möchte, also Handlungen, Methoden und Wissensstrukturen, die man gemeinhin als ›wissenschaftliches Arbeiten‹ bezeichnet? Kann ich damit punkten? Oder sollte man zukünftig besser alle geisteswissenschaftlichen Institute mit dem infernalischen Warnhinweis versehen: »Lasst alle Hoffnungen fahren, wenn ihr hier hereinkommt«25?

Die ganz spezifische, ja intime Frage, was ich könne, bildet das Fundament dessen, für das ich zu gebrauchen bin. Die Frage nach meinen Fähigkeiten ist also eine Frage nach meinem Gebrauchswert – und dieses Gebrauchtwerden gleicht, nach meinen Erfahrungen, demjenigen des Abfalls. Zu Beginn des Jahres 1977 führte Roland Barthes mit Bernard-Henry Lévy ein Gespräch, das am 10. Januar im Nouvel Observateur veröffentlicht wurde. Darin äußerte sich Barthes unter anderem zum »[n]utzlos[en], aber gefährlich[en]« Intellektuellen mit den Worten: »Ich würde, was mich betrifft, eher sagen, daß sie [die Intellektuellen] der Abfall der Gesellschaft sind. Der Abfall im strengen Sinne, also das, was, außer im Falle seiner Wiederverwertung, zu nichts nütze ist. In manchen Regimes bemüht man sich nun, diesen von uns verkörperten Abfall zu verwerten. Doch im Grunde ist Abfall zu gar nichts nütze. In einem gewissen Sinne sind die Intellektuellen zu nichts zu gebrauchen.«26 Als akademisches Mängelexemplar – preisreduziert zwar, doch bestoßen und vergilbt und nicht so recht in die Reihe der edlen, frischen, in Leinen gebundenen Werkausgaben passend – bezweifle ich, daß ein lesekompetenter, intellektuell offener, verantwortungsbewußter Student respektive Absolvent, den sich Bernd Beuscher in seinem F.A.Z.-Beitrag wünschte, so gern gesehen wäre bei Arbeitgebern, die mehr nach geschmeidigen Jasagern als nach kritischen Mitarbeitern, mehr nach gut funktionierenden Duckmäusern als nach selbstbewußten Angestellten, mehr nach loyalen Gefolgsleuten als nach ›mündigen Bürgern‹ Ausschau halten. Hätte meine Arbeitsvermittlerin etwa anders reagiert, würden meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt gar steigen, hätte ich meine Lesekompetenz durch Verweise auf Tolstoi, Proust oder Joyce hervorgehoben, etwa mit den Worten: »Übrigens habe ich Ulysses gelesen!«? Ich wage dies zu bezweifeln. Die Ratschläge anderer Berufsberater, die ich bereits konsultiert hatte – etwa eine ›vernünftige‹ Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer anzutreten (welche?), sich selbständig zu machen (womit?) oder gar etwas Anderes, Nützlicheres zu studieren (was?)27 –, lehnte die Sachbearbeiterin der Agentur für Arbeit mit der Begründung ab, ich hätte schon so lange studiert, jetzt müsse ich mein Wissen und Können nur gut verkaufen. Aber ist dieses Wissen, ist dieses Können tatsächlich anwendbar, nutzbar, ja praktikabel in der Welt außerhalb universitärer Elfenbeinturmmauern und chlorfrei gebleichter, säurefreier, alterungsbeständiger Buchseiten, oder ist es nichts weiter als Ballast und – Abfall? Mir scheint, daß das mehr und mehr zum Makel, ja zum Stigma gewordene Prädikat der Überqualifizierung28 (welch schöner Euphemismus: du bist viel zu gut, wir sind deiner nicht würdig!), mit dem gerade Absolventen der »deutschkulturell sogenannten Geisteswissenschaften«29 gebrandmarkt werden, eigentlich eine Falsch- oder Fehlqualifizierung zum Ausdruck bringen soll. Zudem entpuppt sich der oftmals hochgelobte Quereinsteiger – der in der Regel ein Geisteswissenschaftler ist – leider allzu schnell als störender Querkopf und Querulant.30 Aber welche Fähigkeiten muß ich erwerben, um nicht erwerbslos zu bleiben?

Vor gut zehn Jahren schrieb der Philosoph Klaus-Michael Kodalle: »Problemlösungs- und Transferfähigkeiten, Kreativität, Selbst- und Sozialkompetenzen werden zwar beschworen, aber die Prinzipien des neuen Wissensregimes lauten in Wahrheit: Anwendbarkeit, kommunikative Kontrolle und Marketing. Die Leitformeln sind vornehmlich ökonomisch: Europa soll zur ›most competitive and dynamic knowledge-based economy in the world‹ gemacht werden. Doch auf dem Spiel steht auch, ob Orientierung zukünftig durch Abbau von Spielräumen der Reflexion gewährleistet wird.«31 An dieser Fach- und Zeitdiagnostik scheint sich nicht viel geändert zu haben. Nach einer repräsentativen Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft, die Anfang 2016 veröffentlicht wurde, sollte man im Zeitalter der Digitalisierung, in dem wir uns unzweifelhaft befinden und in das wir immer tiefer hineingezogen werden, unbedingt über IT-Fachwissen, hohe Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und Selbständigkeit verfügen.32 Kann ich das? Besitze ich diese Fähigkeiten? Was bedeuten sie? Und brauche ich sie wirklich, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Die beiden Autoren der Studie gingen der Frage nach, »welche Fähigkeiten, Fertigkeiten und welches Wissen Beschäftigte zukünftig haben müssen, um neuen Anforderungen begegnen zu können.«33 Das Neue und die Zukunftsfähigkeit – wie auch immer man diese beiden unbekannten, schier größenwahnsinnigen Größen gegenwärtig definieren mag – stehen also im Fokus des hinter jeder Mode herhechelnden Interesses; die befragten Unternehmen sind in ihrer Vor-Sicht rücksichtslos. Die mantragleich beschworene und dadurch beinahe abstrakt anmutende Kommunikationsfähigkeit erscheint zusammen mit der die Teamplayer-Qualitäten sabotierenden Selbständigkeit als gefundenes Fressen für den gemeinen Geisteswissenschaftler. Wer, wenn nicht dieser gewissenhafte Sprachverwender, könne von sich behaupten, die breite Palette kommunikativer Techniken in Wort und Schrift muttermilchesk aufgesogen zu haben, und dies in beinahe klösterlicher Entbehrung, Abgeschiedenheit und Selbständigkeit? Vorbei die Zeiten, in denen man entweder durch Nichtschreiben34 oder durch Nichtsprechen35 zu einer gewissen bewundernswerten Popularität avancieren konnte! Heutzutage, »im Zeitalter der großspurigen Selbstdarsteller«36, sind das Sprechen, Reden, Moderieren, Chatten, Twittern, Kommentieren das A und O des In-die-öffentliche-Kommunikationssphäre-Tretens – und somit auch des Zur-Sprache-Kommens. Damit wäre bereits die Hälfte des Anforderungskataloges der Unternehmen an ihre künftigen Mitarbeiter abgedeckt. Das omnipräsente Diktat der Flexibilität, das den ein oder anderen biegt, bis er bricht, sowie das ständig wachsende und kryptomere IT-Fachwissen (der Pro-Grammierer als Vor-Schreiber und Konstrukteur einer besseren, einfacheren, berechenbareren Welt) könnten auf der steilen Karriereleiter nurmehr Makulatur sein, denn: »Glück und Zufall sind die großen Unbekannten der Leistungsgesellschaft. Wir sollten besser auf sie achtgeben. Das relativiert die eigenen Macht- und Größenphantasien, dämpft den Narzissmus und macht uns sozialverträglicher.«37

Im Frühjahr 2015 trendete der Hashtag #regrettingmotherhood auf Twitter. Anlaß war die Veröffentlichung einer (nicht gerade als repräsentativ zu bezeichnenden) Studie der israelischen Soziologin Orna Donath.38 Diese hatte in den Jahren 2008 bis 2011 mit insgesamt 28 israelischen Müttern im Alter zwischen 25 und 75 Jahren gesprochen, von denen 23 Mütter angaben, ihre Kinder zwar zu lieben, die Mutterschaft an sich allerdings bereuten, gar haßten. Ich erinnerte mich an diesen merkwürdigen Medien-Hype als ich über die Frage, was ich können solle, nachdachte. Ich stellte mir vor, ob eine ähnlich gelagerte Befragung unter Geisteswissenschaftlern zu einer ebenso lebhaften #regrettinghumanities-Diskussion in den sogenannten sozialen Medien führen würde mit dem Grundtenor: ›Ich liebe zwar Literatur, Kunst, Sprachen, Philosophie, Musik und Geschichte, aber ich würde mich nicht noch einmal für einen geisteswissenschaftlichen Studiengang entscheiden.‹ Ohne jeden Zweifel fände man weit mehr als nur 23 ›Unglückliche‹, die in einer solchen Studie ihre Wahl bereuten. Heißt das nun, daß meine Entscheidung für die Fächer Deutsche Philologie, Allgemeine Sprachwissenschaft sowie Neuere und Neueste Geschichte – und wenn ich in diesem Text von Geisteswissenschaftlern spreche, meine ich primär Absolventen dieser Fachrichtungen – ein Fehler gewesen sei? Abgesehen von den hartnäckigen, negativen Konsequenzen dieser Studiengangwahl, die sich wesentlich in jahrelanger Arbeitslosigkeit manifestieren, verlangt die Beantwortung dieser Frage eine eher positive, idealistische, ja zeitlose Betrachtungsweise. Nach diversen, im Ergebnis fruchtlosen Hilfsangeboten der Agentur für Arbeit (etwa einem zweitägigen Bewerbungsseminar mit den Schwerpunktthemen »Bewerbung schreiben« und »Jobbörse«, das an ein Terrarium mit unbekannten Spezies erinnerte, die – nach einer Beschäftigungsmaßnahmendauerschleife39 – die in Aussicht gestellte Freiheit des arbeitsweltlichen Elysiums wohl nie würden erreichen können) riet man mir im Rahmen einer explizit ›akademischen Berufsberatung‹, mich auf keinen Fall weiterhin breitgefächert zu bewerben – das sei »Zeitverschwendung« und ich könne mir »die Kosten sparen« –, sondern mich gezielt auf die Jobs zu bewerben, die ich wirklich machen wolle. »Sie glauben ja gar nicht, wie viele Akademiker ich hier sitzen habe, die entweder ein Magengeschwür oder einen Burnout haben, weil sie in einem völlig fachfremden Beruf arbeiten«, so meine akademische Berufsberaterin mit entsetztem Blick.40 Sie ermutigte mich ferner zu einer qualitätssichtenden Autopsie, indem sie mir nahelegte, in mich zu gehen und über meine Fähigkeiten genauestens nachzudenken, diese dann auf einem Zettel zu notieren und mich gemäß dieser »Schlüsselqualifikationen« auf freie Stellen zu bewerben; das sei »effizienter und gesünder«. Sie gab mir zur Inspiration vier Seiten mit, auf denen Übersichten von sogenannten ›soft und hard skills‹ gegeben waren, ein Tabelle mit »Lern- und Erfahrungsfeldern« und der (überaus philosophischen, ja existentiellen) Frage »Was ist heute noch für mich von Bedeutung?« sowie einen Ausdruck, auf welchem in Mind-Map-Manier die immer gern gelesenen Worthülsen »zuverlässig«, »belastbar«, »Teamfähigkeit«, »kommunikativ« und »flexibel« wie die unantastbaren Gebote der Heiligen Schrift prangten: »Wer nicht bereit ist«, kritisierte Konrad Paul Liessmann, »in Teams und Netzen zu agieren und sich flexibel an alles anzupassen, was an Herausforderungen so herangetragen wird – übrigens nie von Menschen, sondern immer vom Markt, der Globalisierung oder gleich von der Zukunft –, der hat keine Chance mehr, den Ansprüchen der Wissensgesellschaft zu genügen.«41 Nun, nichtsdestoweniger drückte mir meine akademische Berufsberaterin nach unserem Gespräch – ich befand mich bereits auf dem Gang und hielt vor dem Logo der Bundesagentur für Arbeit inne, dessen trianguläres weißes A auf rotem Grund die Verzwicktheit meiner Lage in ihrer profanen Dreifaltigkeit von Stellenausschreibung, Bewerbung und Absage auf minimalistische Weise symbolisierte – noch ein exklusives Angebot der BA in die Hand: »Qualifizierung für Studienabbrecher/-innen« stand dort geschrieben, darunter: »Industriekaufmann/-frau international. 19. September 2016 bis 22. Juni 2018. Unterricht montags bis freitags von 08.00 bis 15:00 Uhr.« So ganz glaubte sie – darin Kallikles ähnlich42 – dann wohl doch nicht an meine akademischen Qualifikationen, kamen diese offenbar einem Studienabbruch gleich – kafkaesk!

Vielleicht hat Franz Kafka mit seiner im Frühjahr 1922 entstandenen Erzählung »Ein Hungerkünstler« die treffendste Parabel über den beinahe absurden status quo des am Hungertuch nagenden Geisteswissenschaftlers des 21. Jahrhunderts geliefert: »Man gewöhnte sich«, heißt es da, »an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären!«43 Hungerkünstler und Geisteswissenschaftler sind Spezialisten aus einer anderen Zeit. Sie ähneln sich im Defizit, das ihre ›Kunst‹ ausmacht: jener verweigert die Nahrungsaufnahme, dieser das ökonomisch verwertbare Produkt. Beide stellen nichts her, sondern lediglich etwas dar – auch wenn diese Darstellung von wenigen gewürdigt, vielen belächelt und den meisten nicht (mehr) verstanden wird, zumal »einem hungernden Menschen zuzuschauen eigentlich auch recht langweilig« ist und es darüber hinaus »etwas Morbides an sich«44 hat. Die Unterlassung, einerseits etwas wahrlich Artistisches darzubieten, andererseits etwas marktwirtschaftlich Sinnvolles herzustellen, rückt Hungerkünstler und Geisteswissenschaftler in die Nähe des Betruges und der Täuschung, doch »nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.«45 Warum wählen Hungerkünstler und Geisteswissenschaftler, die Pausenclowns im rostig-glänzenden Käfig des Zeitgeistes, diese längst überholte, unnütze, ja geradezu sinnlose pseudo-ästhetische ›Profession‹? Warum tun sie sich das an? »›Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders‹, sagte der Hungerkünstler. ›Da sieh mal einer‹, sagte der Aufseher, ›warum kannst du denn nicht anders?‹ ›Weil ich‹, sagte der Hungerkünstler […], ›nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.‹ Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungre.«46 Das Weiterhungern, weil keine schmackhafte Speise gefunden werden konnte – das ist ebenso die liebliche Qual des standhaften, leidenschaftlichen, überzeugten Geisteswissenschaftlers, dessen ›Geisteskunst‹ zur obsoleten, unbrauchbaren und unbezahlten Varieténummer degradiert worden ist: »Die großen Zeiten des Hofnarrentums«, notierte Kafka am 29. Juli 1917 in sein Tagebuch, »sind wohl vorüber und kommen nicht wieder. Alles zielt anderswo hin, das ist nicht zu leugnen. Immerhin habe ich das Hofnarrentum noch ausgekostet, mag es sich jetzt auch aus dem Besitz der Menschheit verlieren.«47 Jeder Verlust geht mit einer Substitution einher, in diesem Fall mit einer animalischen. So wird der Hungerkünstler nach seinem Tod durch einen »jungen Panther«48 ersetzt, dessen kraftstrotzendem Körper an nichts mangelt; den Geisteswissenschaftler vertreiben noch zu Lebzeiten geistlose Alphatiere und bissige Wölfe der Wall Street.

»Als ich Mallarmé persönlich kennenlernte, bedeutete mir die Literatur fast nichts mehr. Lesen und Schreiben wurden mir zur Last, und ich gestehe, daß etwas von dieser Unlust geblieben ist.«49 Mit diesen Worten ließ der 51jährige Paul Valéry seinen kurzen Erinnerungstext an das letzte Treffen im Sommer 1898 zwischen seinem 26jährigen Ich und dem von ihm überschwenglich bewunderten Stéphane Mallarmé beginnen. Meine Unlust auf Literatur, das Lesen und das Schreiben nahm mit jeder Job-Absage ebenfalls zu, denn diese drei Größen sind belanglose Leidenschaften und keine verwertbaren Fähigkeiten. Und so kehrte ich in meinen Käfig zurück, in meinen »Denkkerker«50, um in mich zu gehen und über meine ›Schlüsselqualifikationen‹ zu meditieren. Ich blickte auf die Aberhunderte Buchrücken, die mich einst als stumme Kommilitonen durchs Studium begleitet hatten, und die mich nunmehr als schweigende Zeugen meiner selbstverschuldeten Misere mitleidig anstarrten. Daß mich die Uni nicht annähernd auf das Arbeitsleben, dessen Anforderungen und pathologischen Praxisfetischismus vorbereitet hatte, war mir inzwischen schmerzlich bewußt geworden. Bewußt geworden waren mir ebenso meine recht weichen hard skills: Lesen, Denken, Schreiben – diese Schlagwörter erschienen schlagartig (wie sollte es auch anders sein?) vor meinem geistigen Auge. Diese drei Säulen waren und sind meine internationale Erfahrung, mein Praktikum, mein kognitiver Auslandsaufenthalt. Das hatte ich gelernt. Damit hatte ich mich all die Jahre zwischen Aasee und St. Lamberti beschäftigt. Darin wurde ich ›ausgebildet‹: Informationen sammeln, auswerten, Verbindungen ziehen, vergleichen, in eigene, kritische Texte kanalisieren. Doch wer bezahlt einen schon fürs Lesen, Denken, Schreiben, zumal gerade dem akademischen Schreiben stets die Aura des Unverständlichen, Nebulösen und für eine breite Leser- oder besser: Kundschaft Ungeeigneten anhaftet?51 Eine Anekdote kam mir in den Sinn, mit der der Komparatist Arnold Weinstein jüngst sein Lob der Geisteswissenschaften zu verstärken beabsichtigte: »›How much do you know about Shakespeare,‹ I once asked a friend who has committed much of her life to studying the Bard. She replied, ›Not as much as he knows about me.‹ Remember this the next time someone tells you literature is useless.«52 Literatur – oder breiter gefaßt: geisteswissenschaftliches Wissen, ›Bildung‹, wenn man so will53 – ist sicherlich vorzüglich geeignet, um mit derartigen Bonmots eine Abendgesellschaft zu unterhalten, doch möchte ich behaupten, daß Weinsteins Freundin sich nur deshalb einen Großteil ihres Lebens dem Studium Shakespeares mit Verve hingeben konnte, weil ihr die Sicherheit einer bezahlten Anstellung an irgendeinem Institut gewiß war. Wie gerne würde ich mich Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr in Texten vergraben, Texte schreiben und zwischen den Polen Archiv und Kanon – also zwischen »bloß gespeicherter Information einerseits und angeeignetem Wissen andererseits«54 – vermitteln, doch dafür bezahlt mich selbst dann niemand, wenn daraus so geistreiche Pointen wie die von Weinstein erwähnte resultieren würden!

Das Handwerk des Geisteswissenschaftlers findet nicht statt. Es entzieht sich der Demonstration, es verweigert das eine Produkt, es kennt weder Nützlichkeitskategorien noch Gewinnmaximierung. Das Handwerk des Geisteswissenschaftlers ist eine aus panoramatischem Lesen, diskursivem Schreiben und ›geländerlosem Denken‹55 bestehende Praxis als unabschließbarer, entschleunigter Prozeß. Der theoretisch abgehobene, distanzierte, immer irgendwie in Gedanken steckende Geisteswissenschaftler betrachtet das Selbstverständliche, das (Alt-)Bekannte, das aktuelle Wissen aus anderen, abwegigen, historischen Blickwinkeln und stellt es als etwas Neues, Fremdes, Seltsames dar. »Neben die gewiß berechtigte Aufgabe«, hieß es schon vor gut 25 Jahren in einer großangelegten Bestandsaufnahme der Geisteswissenschaften, »ins Bewußtsein zurückzuführen, zu vergegenwärtigen, was war, hat die Aufgabe zu treten, kritisch zu bedenken, was ist, und vorauszudenken, ins Auge zu fassen, was sein wird und was sein soll. Im Nachdenken und Vorausdenken könnte die eigentliche Kraft der Geisteswissenschaften liegen.«56 Bei diesem Nach- und Vorausdenken ist die Sprache das Werkzeug des Geisteswissenschaftlers, seine Waffe, sein (Über-)Lebenselexier, mit dem er arbeitet, Widerstand leistet und Kritik anbringt. Als Formulierungskünstler hält er die Fäden von Syntax, Pragmatik und Semantik in der Hand und weiß um die Wichtigkeit und Richtigkeit von Orthographie und Grammatik, Stil und Ausdruck. In der Arena seines Textes macht der Geisteswissenschaftler aus der praktischen Not eine theoretische Tugend. Er beäugt neugierig öffentliche Diskurse, hinterfragt und demaskiert Lügen, Humbug und Bullshit57, zieht historische Zeugnisse heran, sucht beständig nach Wahrheit, reflektiert aus der Distanz, lenkt den Blick auf das Marginale und eröffnet dadurch Anschlußmöglichkeiten auch für andere Disziplinen, die vorher ungesehen waren. Als Sichtbarmacher arbeitet er heimlich, still und leise, konzentriert, bedächtig und unabhängig, bis sein Text für sich und ihn spricht. Dieser Text enthält sein Wissen und Können, er stellt in Frage und gibt zu denken, nur hier finden Selbst- und Welterkenntnis statt, nur in den abstrakten Lettern der Schrift ist Freiheit gegeben, nur im Lesen, Denken und Schreiben zeigt sich das Können des Geisteswissenschaftlers, dessen ›Lust am Text‹ den Frust über seine Praxis- und Kompetenzdefizite überstrahlt.

Und das ist alles, was ich kann.

1 Benjamin, Walter. Briefe 2, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, Suhrkamp, 1978, S. 563. (Walter Benjamin an Gerhard Scholem. Berlin, 28. Februar 1933.)

2 Beuscher, Bernd. »Studienanfänger heute – leseschwach und verantwortungsscheu.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20./21. Feb. 2016, S. C3. Beuschers Attest schließt sich an die zwar bissige, doch erschütternd präzise Hohlgefäß-Metapher an, mit der Peter Sloterdijk in einer Notiz vom 26. Februar 2009 die heutigen Studenten beschreibt: »Unsere Studenten sind wie kostbare Ming-Vasen, ein kritisches Wort, und sie haben einen Sprung. Sie wollen vorsichtig transportiert werden, um ohne Schütteltrauma durch die formativen Jahre zu kommen.« (Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011. Suhrkamp, 2012, S. 135.)

3 Daß nicht nur (Hoch-)Schul-, sondern auch Arbeitszeugnisse kaum einen (realistischen) Aussagewert besitzen, haben Klaus Watzka und Stefanie Grau in ihrer Studie Arbeitszeugnisse – machen sie noch Sinn? herauspräpariert. Watzka äußerte sich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Man weiß als Personalentscheider gar nicht mehr, ob jetzt wirklich mal die Wahrheit gesagt wird und der Arbeitnehmer gut ist oder ob das Zeugnis überzeichnet.« (»›Die meisten Arbeitszeugnisse sind wertlos‹.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Apr./1. Mai 2016, S. C1.)

4 Liessmann, Konrad Paul. Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay, 2014, S. 18. Der von Julian Nida-Rümelin im Jahre 2013 geprägte Begriff des Akademisierungswahns, der in dieser Passage latent mitschwingt, taucht immer häufiger in Debattenbeiträgen auf, aktuell etwa in einem F.A.Z.-Artikel des Politikwissenschaftlers Johannes Varwick, in dem es unter anderem heißt: »Welche Fächer studiert werden, ob eine Nachfrage für die Absolventen dieser Fächer besteht, wie hoch die Studienabbrecher-Quote ist, wie eine richtige Balance zwischen Hochschulzugang und praktischer Ausbildung aussehen könnte – all das interessiert niemanden. Vielmehr wird in einer unverantwortlichen ›Tonnenideologie‹ unterstellt, dass jeder zusätzliche Studienanfänger per se sinnvoll ist.« Und weiter: »Für Absolventen der heutigen Politikwissenschaft und ähnlicher Fächer existiert hingegen nur ein sehr überschaubarer Arbeitsmarkt, der zudem hohe fachliche Qualität fordert. Daher kann es mit Fug und Recht als unverantwortlich bezeichnet werden, anstatt einer kleineren Zahl gut ausgewählter und ausgebildeter Studierender eine Masse von Studienanfängern in das absehbare Verderben auf dem Arbeitsmarkt rennen zu lassen.« (»Der Akademisierungswahn und seine Folgen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20./21. Aug. 2016, S. C3.)

5 Zur Lese- und Schreibkompetenz einerseits, zur (literarischen) Bildung andererseits seien die Diskussionsbeiträge zur Frage »Was heißt und wozu dient heute literarische Bildung?« im Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Internationales Organ für neuere deutsche Literatur, im Auftrag des Vorstands herausgegeben von Wilfried Barner, Christine Lubkoll, Ernst Osterkamp und Ulrich Raulff, Bd. LVIII, de Gruyter, 2014, S. 413-46, empfohlen.

6 »Bret Easton Ellis on Living in the Cult of Likability.« The New York Times, 8. Dez. 2015, www.nytimes.com/2015/12/08/opinion/bret-easton-ellis-on-living-in-the-cult-of-likability.html.

7 Beuscher C3 (Anm. 2). Unter der simpel anmutenden Frage »Warum lesen?« blickte der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom kritisch auf das universitäre Lesen: »Die Methode, mit der wir heute lesen, hängt zum Teil von unserer inneren und äußeren Distanz zu den Universitäten ab, wo das Lesen kaum als ein Vergnügen innerhalb einer allgemeinen Ästhetik des Vergnügens gelehrt wird. […] Eine Kindheit, die weitgehend vor dem Fernseher verbracht wurde, mündet in eine Jugend mit Computer, und an der Universität kommt dann ein Student an, der wahrscheinlich den Vorschlag nicht gutheißt, wir sollten unsere Zukunft im Blick auf unser Herkommen bestehen: Reife ist alles. Das Lesen fällt auseinander, und damit zerstreut sich auch viel vom Selbst.« (Die Kunst der Lektüre. Wie und warum wir lesen sollten. Übersetzt von Angelika Schweikhart, Bertelsmann, 2000, S. 17.) Daß der gemeine Online-Leser faul und ungeduldig ist, läßt sich der bereits 1997 veröffentlichten Studie des Usability-Beraters Jakob Nielsen entnehmen. Nielsen zeigte darin, daß Seiten im Internet nicht gelesen, sondern in F-Form gescannt werden. (»How Users Read on the Web.« Nielsen Norman Group, 1. Okt. 1997, www.nngroup.com/articles/how-users-read-on-the-web/.)

8 »Alles Interesse meiner Vernunft (das speculative sowohl, als das praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich thun? Was darf ich hoffen?« (Kant, Immanuel. Kritik der reinen Vernunft. 2. Aufl. 1787. Berlin, Reimer, 1911, S. 522 [B 832-3]. Kant’s gesammelte Schriften, herausgegeben von der Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften, 1. Abt., Bd. 3.)

9 Im berühmten Eingangsvers von Allen Ginsbergs Gedicht »Howl« werden die besten Köpfe allerdings durch Verrücktheit (»madness«) statt durch Arbeitslosigkeit zerstört. (Howl. Original draft facsimile, transcript, and variant versions, fully annotated by author, with contemporaneous correspondence, account of first public reading, legal skirmishes, precursor texts, and bibliography. 50th anniversary ed., Harper Perennial, 2006, S. 3 [I.1].)

10 Assmann, Aleida. »Die Geisteswissenschaftler als Schutzengel des kulturellen Gedächtnisses.« Geisteswissenschaften – im Gegenwind des Zeitgeistes? Zum Abschluß des Historischen Wörterbuchs der Philosophie, herausgegeben von Klaus-Michael Kodalle, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, 2007, S. 61-75, hier S. 72.

11 Bernhard, Thomas. Auslöschung. Ein Zerfall, herausgegeben von Hans Höller, Suhrkamp, 2004, S. 478. Thomas Bernhard Werke, herausgegeben von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 9.

12 Sloterdijk, Peter. »Bekenntnisse eines Verlierers.« Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Weibel, Suhrkamp, 2014, S. 310-6, hier S. 312.

13 Nietzsche, Friedrich. »Ecce homo. Wie man wird, was man ist.« Der Fall Wagner. Götzendämmerung. Der Antichrist. Ecce homo. Dionysos-Dithyramben. Nietzsche contra Wagner, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Neuausgabe, dtv, 1999, S. 255-374, hier S. 365. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. 6.

14 Shakespeare, William. »Hamlet.« Shakespeare, herausgegeben von Friedmar Apel, Lizenzausgabe, 4. Aufl., Zweitausendeins, 1995, S. 377-461, hier S. 406 [II.2]. 27 Stücke von William Shakespeare in der Übersetzung von Erich Fried, Bd. 2.

15 Natürlich werden Sachen bearbeitet, Dinge, res extensa, nichts Geistiges, Metaphysisches, Ideelles oder gar – Menschliches.

16 Simon & Garfunkel. »Mrs. Robinson.« Bookends, Columbia Records, 1968. Siehe auch: Simon, Paul. Lyrics 1964-2008, Simon & Schuster, 2008, S. 39 [I.4].

17 »Als er [Thales von Milet, um 624-547 v. Chr.] einst, um Sterne zu beobachten, begleitet von einem alten Weib, seine Wohnung verließ, fiel er in eine Grube. [Bei Platon, Tht. 174a, ist die Grube ein Brunnen (φρέαρ).] Da rief dem Aufschreienden das Weib die Worte zu: ›Du kannst nicht sehen, Thales, was dir vor Füßen liegt, und wähnst zu erkennen, was am Himmel ist?‹« (Diogenes Laertius. Leben und Meinungen berühmter Philosophen, herausgegeben von Klaus Reich unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl, übersetzt von Otto Apelt, Meiner, 2015, S. 18 [I.34].)

18 Blumenberg, Hans. Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie, Suhrkamp, 1987, S. 11.

19 Bülow, Ulrich von und Dorit Krusche. Nachwort. Quellen, Ströme, Eisberge, von Hans Blumenberg, herausgegeben von Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Suhrkamp, 2012, S. 271-85, hier S. 272.

20 »Theorie.« Historisches Wörterbuch der Philosophie, herausgegeben von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Schwabe & Co. AG, 1998, Sp. 1128-54, hier Sp. 1129.

21 »Praxis, praktisch.« Historisches Wörterbuch der Philosophie, herausgegeben von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Schwabe & Co. AG, 1989, Sp. 1277-1307, hier Sp. 1277.

22 »Eckermann war schwärmerisch, einfühlsam, harmlos und zuverlässig, er verlangte kein Gehalt und wurde so zum Begründer eines Phänomens, das man heute Generation Praktikum nennt.« (Dietzel, Bernd. Eckermann. Ein Leben für Goethe, Edition AB Fischer, 2014, S. 33.)

23 Eckermann, Johann Peter. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, herausgegeben von Heinz Schlaffer, Hanser, 1986. Genehmigte Taschenbuchausgabe, btb, 2006, S. 79. Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Münchner Ausgabe Bd. 19, herausgegeben von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller und Gerhard Sauder.

24 Lichtenberg, Georg Christoph. Sudelbücher I, Lizenzausgabe, Hanser, 1968. 3. Aufl., Zweitausendeins, 1994, S. 673 [J 133]. Schriften und Briefe, herausgegeben von Wolfgang Promies, Bd. 1.

25 Dante Alighieri. La Commedia. Die Göttliche Komödie. Bd. I. Inferno / Hölle. Italienisch / Deutsch. In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler, durchgesehene und verbesserte Ausgabe, Reclam, 2011, S. 43 [III.9].

26 Barthes, Roland. »Wozu sind Intellektuelle zu gebrauchen?« Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980, übersetzt von Agnès Bucaille-Euler, Birgit Spielmann und Gerhard Mahlberg, Suhrkamp, 2002, S. 283-305, hier S. 298. In ein ähnliches Horn stößt Michael Lind: »The fact that we members of the intellectual professions are quite atypical of the societies in which we live tends to distort our judgment, when we forget that we belong to a tiny and rather bizarre minority. This is not a problem with the hard sciences. But in the social sciences, intellectuals — be they professors, pundits, or policy wonks — tend to be both biased and unaware of their own bias.« (»Intellectuals are freaks. Why professors, pundits, and policy wonks misunderstand the world.« The Smart Set, 4. Aug. 2016, thesmartset.com/intellectuals-are-freaks/.) Zum Begriff des Intellektuellen im allgemeinen und des ›öffentlichen Intellektuellen‹ im besonderen sei empfohlen: Aldes Wurgaft, Benjamin. »Thinking, Public and Private: Intellectuals in the Time of the Public.« Los Angeles Review of Books, 15. Jul. 2016, lareviewofbooks.org/article/thinking-public-private-intellectuals-time-public/.

27 An Auswahl mangelt es nicht: »18.044 verschiedene Studiengänge haben die deutschen Hochschulen im Wintersemester 2015/16 angeboten.« (wissen/leben. Die Zeitung der WWU Münster, 10. Jahrgang, Nr. 4, 22. Jun. 2016 [S. 1].)

28 Das postuniversitäre Leben des Geisteswissenschaftlers oszilliert zwischen Praxiskatastrophe und Theorieoverload. In seinem reformkritischen Text über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den schulischen Lehrplan (»Touchscreens schon im Kindergarten? Programmieren ab der ersten Klasse?«) stellte Markus Günther fest, daß »der Kapitalismus […] Bildung unter rein funktionalen Gesichtspunkten [bemisst]. Unterqualifizierung ist ärgerlich, weil dann die Funktionen nicht erfüllt werden können. Aber auch Überqualifizierung ist den anonymen Mächten des Marktes unheimlich, weil ein Zuviel an Bildung die Geschmeidigkeit des Menschen als Werkzeug gefährdet – einmal abgesehen von der unproduktiven Zeit in Schulen und Universitäten.« (»Bildung.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Jun. 2016, S. 8.)

29 Lübbe, Hermann. »Heitere Hiobsbotschaften. Nachruf auf Odo Marquard.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft X/1, Frühjahr 2016, S. 117-27, hier: S. 122 und S. 125.

30 »Als Geisteswissenschaftler bin ich Querabsteiger.« (@denkkerker. Twitter, 2. Jun. 2015, 13:30, twitter.com/denkkerker/status/605697918750892033.)

31 Kodalle, Klaus-Michael. »Gegenwartsschrumpfung. Akademische Langzeitprojekte und die kurzfristigen Erwartungen einer ›situativ‹ gewordenen Politik.« Geisteswissenschaften – im Gegenwind des Zeitgeistes? Zum Abschluß des Historischen Wörterbuchs der Philosophie, herausgegeben von Klaus-Michael Kodalle, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, 2007, S. 5-16, hier S. 14.

32 Hammermann, Andrea und Oliver Stettes. Qualifikationsbedarf und Qualifizierung. Anforderungen im Zeichen der Digitalisierung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, IW policy paper 3/2016, www.iwkoeln.de/_storage/asset/251834/storage/master/file/8562021/download/Qualifikationsbedarf_IW_policy_paper.pdf.

33 Hammermann und Stettes 5 (Anm. 32).

34 Die Agraphie par excellence zeigte sich in der Person des Sokrates, dessen Lehre vorrangig in den Schriften Platons und Xenophons erhalten geblieben ist. Nietzsche stellte fest: »Socrates als der ›Nichtschreiber‹: er will nichts mittheilen, sondern nur erfragen.« (Nachgelassene Fragmente 1869-1872, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Neuausgabe, dtv, 1999, S. 17; 1[24]. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. 7.)

35 Hier denke ich an den spätantiken Philosophen Secundus, der sich nach einem traumatischen Erlebnis ein Schweigegelübde auferlegte, das er bis zu seinem Lebensende durchhielt; seine Philosophie vermittelte er durch Gesten und prägnante schriftliche Antworten auf ebenso prägnante Fragen. Der Altphilologe Glenn W. Most schrieb: »Es ist wohl kaum vorstellbar, dass Secundus an einem philosophischen Fachbereich unserer Tage einen Lehrstuhl bekäme.« (»Die Erbschaft der Griechen.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft X/1, Frühjahr 2016, S. 55-66, hier S. 65.) Ein prominenteres Beispiel ist mit dem preußischen Philosophen Immanuel Kant gegeben. Konrad Paul Liessmann erinnerte an die Dekade des Nichtpublizierens, nachdem Kant zum Professor an der Universität Königsberg berufen worden war: »Wahrscheinlich gehören diese Jahre des Schweigens zu den produktivsten Phasen der Wissenschaftsgeschichte überhaupt. Aber wer würde es in unserem Zeitalter der monströsen Projektanträge und des hektischen Publizierens wagen, jahrelanges konsequentes und vor allem auch singuläres Nachdenken als Forschungsleistung zu qualifizieren?« (Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Zsolnay, 2006, S. 89.) Eine auffällige Parallele zu Kant findet sich in der Vita Hans Blumenbergs: »Fünfzehn Jahre zwischen der unveröffentlicht gebliebenen Habilitationsschrift und der ersten gedruckten Monographie – eine solche Lücke im Publikationsverzeichnis könnten sich heutige Philosophen kaum leisten. Im Fall Hans Blumenbergs aber lässt sich diese im Kleinen äußerst produktive Verzögerung als Latenzzeit begreifen, in der schon früh angedeutete Gedanken heruntergebrochen und in vielerlei Zusammenhängen erprobt und weiterentwickelt werden, ehe sie sich zu einem großen Bau zusammenfügen.« (Kroll, Joe Paul. »Wilde Palmen. Hans Blumenbergs frühe Feuilletons in der Zeitschrift HochlandZeitschrift für Ideengeschichte, Heft X/3, Herbst 2016, S. 107-11, hier S. 107.)

36 Liessmann, Geisterstunde 94 (Anm. 4).

37 Hank, Rainer. »Der Leistungsmythos.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Jul. 2016, S. 25.

38 Donath, Orna. »Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis.« Signs. Journal of Women in Culture and Society,vol. 40, no. 2, 2015, p. 343-67. Die deutsche Übersetzung erschien unter: Regretting Motherhood. Wenn Mütter bereuen, übersetzt von Karlheinz Dürr und Elsbeth Ranke, Knaus, 2016.

39 Britta Ohm nennt die Pläne, sprich: die Maßnahmen, Hilfstätigkeiten, Umschulungen, die dem Jobcenter für eine Kulturwissenschaftlerin wie sie vorschwebt, einen Akt der ›(Zwangs-)Entqualifizierung‹, ihren Arbeitsvermittler dementsprechend einen ›Entqualifizierer‹: »Gleichzeitig zeigt sich das unmittelbar anhängende Problem eines nicht vorhandenen akademischen und eingebrochenen alternativen Arbeitsmarktes für Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen. Es offenbart sich der eigentliche Druck, unter dem der neoliberalisierte Staat operiert. Das Ziel ist die Erfüllung einer imaginären Arbeitslosenstatistik ohne entsprechende Grundlage. Das aber funktioniert im Fall von Akademikerinnen nur noch, indem sich die Arbeitsvermittlerinnen als berufsmäßige Entqualifizierer betätigen.« (»Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat.« Blätter für deutsche und internationale Politik, 8/2016, S. 109-20, hier S. 109-10. www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/exzellente-entqualifizierung-das-neue-akademische-prekariat.)

40 Vermutlich ohne Burnout und Magengeschwür schrieb Goethe am 30. Juli 1804 an Zelter: »Da las ich in Ihrem Aufsatz: was man nicht liebt kann man nicht machen. Da ging mir ein Licht auf und ich sah recht gut ein daß ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte, das eben auch so mit andern weggetan sein sollte und deswegen war es auch geschehen wie es getan war und hatte keine Dauer.« (Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1799 bis 1827, herausgegeben von Hans-Günter Ottenberg und Edith Zehm in Zusammenarbeit mit Anita Golz, Jürgen Gruß, Wolfgang Ritschel und Sabine Schäfer, Hanser, 1991. Genehmigte Taschenbuchausgabe, btb, 2006, S. 76-7. Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Münchner Ausgabe Bd. 20.1, Text 1799-1827, herausgegeben von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller, Gerhard Sauder und Edith Zehm.)

41 Liessmann, Theorie der Unbildung 72 (Anm. 35).

42 Daß sich Erwachsene mit Philosophie beschäftigen, war für den Sophisten Kallikles völlig unbegreiflich, und so gab er Sokrates den Rat, die Philosophie aufzugeben, um sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu befassen: »Nein, mein Guter, folge mir, laß ab von dem Widerlegen, betritt der Staatsgeschäfte Ehrenbahn und übe, wodurch der Klugheit Ruhm dir wird, und laß den andern dies gelehrte, soll ich sagen Geplapper oder Narrenzeug, wovon ins Haus nichts kommen wird, das du bewohnest, und eifre nicht den Männern nach, die diese Kleinigkeiten zu widerlegen trachten, sondern denen, welche Reichtum, Ehre und viele andre Güter genießen.« (Platon. »Gorgias.« Übersetzt von Julius Deuschle. Sämtliche Werke in drei Bänden, Bd. 1, herausgegeben von Erich Loewenthal, unveränderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Aufl. der Berliner Ausgabe von 1940 (Lambert Schneider, 1982), Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004, S. 301-409, hier S. 356 [486c-e].)

43 Kafka, Franz. »Ein Hungerkünstler.« Drucke zu Lebzeiten, herausgegeben von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann, Fischer Taschenbuch, 2002, S. 333-49, hier S. 346-7. Schriften Tagebücher. Kritische Ausgabe, herausgegeben von Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit unter Beratung von Nahum Glatzer, Rainer Gruenter, Paul Raabe und Marthe Robert.

44 Northey, Anthony. »Neue Funde zum Hungerkünstler Riccardo Sacco.« Kafka-Kurier. Numero 1, herausgegeben von Roland Reuß und Peter Staengle, Stroemfeld, 2014, S. 39-43, hier S. 41.

45 Kafka, »Hungerkünstler« 347 (Anm. 43).

46 Ebd. 348-9.

47 Kafka, Franz. Tagebücher, herausgegeben von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley, Fischer Taschenbuch, 2002, S. 811. Schriften Tagebücher. Kritische Ausgabe, herausgegeben von Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit unter Beratung von Nahum Glatzer, Rainer Gruenter, Paul Raabe und Marthe Robert.

48 Kafka, »Hungerkünstler« 349 (Anm. 43).

49 Valéry, Paul. »Letzter Besuch bei Mallarmé.« 1923. Übersetzt von Ernst Haerle und Herbert Steiner. Zur Literatur, herausgegeben von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Insel, 1989, S. 251-4, hier S. 251. Paul Valéry Werke, Frankfurter Ausgabe in sieben Bänden, herausgegeben von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Bd. 3.

50 Bernhard 242 (Anm. 11).

51 Man denke etwa an »the owlish gibberish of deconstruction, the inanities of postcolonial studies, and kindred exercises in polysyllabic grievance-mongering, not to mention the grimly risible productions from the repellent partisans of ›gender studies.‹«(»Glaciers and Sex. On the academy’s latest folly.« The New Criterion, vol. 34, no. 8, 2016, p. 1. www.newcriterion.com/articles.cfm/Glaciers-and-sex-8404.)

52 Weinstein, Arnold. »Don’t Turn Away From the Art of Life.« The New York Times, 24. Feb. 2016, www.nytimes.com/2016/02/24/opinion/dont-turn-away-from-the-art-of-life.html.

53 Der Historiker Reinhart Koselleck wies darauf hin, daß »Bildung […] sich nicht über bestimmte Bildungsgüter oder konkretes Bildungswissen hinreichend definieren [läßt].« Und weiter: »Daß Bildung sich auf keine gewußten Inhalte festlegen läßt, daß hier die Gefahr der ›Überbildung‹ oder ›Verbildung‹ lauere, daß die Form des Wissens wichtiger sei als das Wissen selbst, daß Bildung immer auf der Hut sein müsse vor dem Schein ihrer selbst, vor der ›Scheinbildung‹, diese Selbstkritik begleitet die Begriffsgeschichte der Bildung seit 1800 wie ihr Schatten, bis hin zu Adornos ›Theorie der Halbbildung‹.« (»Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung.« Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. Mit zwei Beiträgen von Ulrike Spree und Willibald Steinmetz sowie einem Nachwort zu Einleitungsfragmenten Reinhart Kosellecks von Carsten Dutt. Suhrkamp, 2006, S. 105-58, hier S. 123 und 132.)

54 Assmann 74 (Anm. 10).

55 »Ich nenne das ›thinking without banister‹, auf deutsch: ›Denken ohne Geländer‹. Das heißt, wenn Sie Treppen hinauf- oder hinuntersteigen, dann gibt es immer das Geländer, so daß Sie nicht fallen. Dieses Geländer ist uns jedoch abhanden gekommen. So verständige ich mich mit mir selbst. Und ›Denken ohne Geländer‹, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.« (Arendt, Hannah. »Diskussion mit Freunden und Kollegen in Toronto.« Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk, mit einer vollständigen Bibliographie, herausgegeben von Ursula Ludz, 7. Aufl., Piper, 2016, S. 73-115, hier S. 113.)

56 Frühwald, Wolfgang, Hans Robert Jauß, Reinhart Koselleck, Jürgen Mittelstraß, Burkhart Steinwachs. Geisteswissenschaften heute. Eine Denkschrift. Suhrkamp, 1991, S. 34-5.

57 »Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.« (Frankfurt, Harry G. Bullshit, übersetzt von Michael Bischoff, Suhrkamp, 2014, S. 45-6.)

09:05 01.09.2016
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Geschrieben von

Nico Schulte-Ebbert

Im ständigen Kampf mit der Lesbarkeit der Welt
Nico Schulte-Ebbert

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