Ausgleichende Ungerechtigkeit

Konservativismus Was nicht gesagt wird, kann nicht negiert werden. Das war die (unkommunizierte) Erfolgsformel der Konservative. Doch die Ära der diskursiven Verschonung ist vorbei
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Ausgleichende Ungerechtigkeit
Als bei Konservativen alles noch in Ordnung war - die Ära Kohl

Foto: Matthias Hiekel/ Deutsches Bundesarchiv

Morgens um halb eins in Deutschland: Der Student dreht sich noch mal um hat Hunger und strebt der Mensa zu, wo er vor dem entnervenden Schlangestehen noch ein ebenso entnervendes einseitiges Spießrutenlaufen im Eingangsbereich zu absolvieren hat.

- Auf der linken Seite die Unterschrifternötigungs- und Flugblätterverteilbrigaden von Asta und Co., die sehr nachhaltig und gelegentlich auch anfass- und hinterherschmähfreudig zum nächsten Sit-in luden. Bedauern signalisieren sollendes Schulterzucken bei gleichzeitigem Schritttempobeibehalten und Eiligkeitvorgaukeln war dann eine Technik, die ich, obschon in der mehr oder weniger weiterführenden Schule, fürs Leben lernte. Sicher - die Retrospektive begradigt, beschönigt und verklumpt: Aber im Rückblick kommt es mir so vor, als wäre ich immer auf der Flucht vor irgendwelchen Kühnast-haften KeiferInnen gewesen, die dem manchmal einfach nur Müden oder Hungrigen ungefragt mitteilten, was sie an mir „irgendwo jetzt echt total nicht gut“ fanden. Besonders unangenehm wurde es, wenn ich in Eile war und erst recht, wenn ich schon am Morgen in Eile gewesen war und bspw. meine Kaffeetasse vergessen hatte und deshalb aus einem Styroporbecher trank (weil der ebenfalls erwerbbare, gewissermaßen nur als Umweltzerstörung-light eingestufte Plastikbecher zu wabbelig, zu heiß und im Laufen sozusagen nicht tragbar war). - Und bevor es jetzt zu sehr Richtung Martenstein-Satire abdriftet: Nein, es ist nicht verkehrt, für die Umwelt zu sein und deshalb auch mal zu murren und zu maunzen und beim Paare-Passanten-Pöbel für die eine oder andere gezielte Behaglichkeitseinbuße zu sorgen. Dass es dann zumeist die eh schon Schuldbewussten trifft, derweil die Hardcore-Immunen sowieso mit Styroporbecher rumrennen (ggf. gut sichtbar und also mit Sinn für Provokation, was natürlich auch eine Form von Aktionismus ist), ist dann eben das Pech der Halbgaren.

- Und auf der rechten Seite standen die vergleichsweise feingezwirnten Herren von der RCDS-Front. Still, angenehm unnahbar, wachturmhaft-diskret ihre Broschüren bereithaltend. Im Festgefühl dafür, dass die Randständigkeit von heute die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber von morgen ist. Obwohl auch in Studentenzeiten im Zweifel links, bekam mein Gang oft einen leichten Rechtsdrall.

Die Kunst des Einfach-nur-Dastehens und Abprallenlassens ist seitdem für mich zum Zeichen für den Erfolg der Konservativen geworden: Größtenteils un-hämische, tief in sich selbst oder im noch Tieferen ruhende wortlose Menschen, die für ihre eh-klare Grundstimmung nicht viele Worte verlieren. Bzw. benötigen. Denn was man sicher hat, darüber muss man keine Worte verlieren, sonst droht man das zu verlieren, worüber man sie verlöre: Selbstverständnis. Während sich die Einkeif-Linke praktisch in ihrer Dauerdiskutiererei aufrieb und zunehmend auch in Problemdebatten darüber geriet, dass sie dies tat; während sie jeden Lebensbereich thematisierte und geradezu ausspionierte; während sie vor allem auch ziemlich oft nervte und im Laufe der Jahre jede Behaglichkeit unter Repressionsverdacht und daher in Frage stellte (was schließlich auch aufs eigene Wirken zurückwirkte) – erhielt sich die Konservative ihre Selbstverständlichkeiten durch konzise Nichtthematisierung, durch Rituale-Erhalt sowie durch kommunikative Karenz. Und durch ein wie von Adorno abgestaubtes Gefühl der Unzeitgemäßheit - oder, zeitgemäßer ausgedrückt: der Uncoolheit.

Im steten Wissen, auf der, wie es in CSU-Kreisen auch folgerichtig heißt, „richtigen Seite“ zu sein, konnte sie sich semantische Schwerfälligkeiten und Behäbigkeiten gut leisten. Mag so gesehen sein, dass Helmut Kohl mehr war als ein Politiker, der nur die Kunst des Redens nicht so beherrschte und aber „trotzdem“ gewählt wurde – sondern jemand, der das eben Behauptete signifikant machte. Der Konservative genoss und schwieg (bzw. radebrecherte). Dass Kohl-Witze gerade in CDU-Jungspund-Kreisen en vogue waren, muss daher nicht als selbstironisch-sympathisch gewertet werden, sondern kann Ausdruck der Gewissheit sein, dass es auf andere Dinge ankommt. Und dass man auf diskursive Pyrrhussiege à la „der Geist weht links“ nicht angewiesen ist. Höchstens offenbar darauf, diese Siege immer wieder und wieder zu behaupten.

Si tacuisses, Konservative

Doch dann war es vorbei damit. Die Konservative lernte sprechen. Sie wurde diskursiv - und trat somit auch ins Stadium der semantischen funktionalen Differenzierung ein. Der Konservativismus verlor, wie es bei Bernd Ulrich heißt, seine Unschuld. Vor allem aber verlor er seine totale Verschwiegenheit – und damit seine Einigkeit. Plötzlich gab es Zwistigkeiten zwischen CDU und CSU, die größer waren als die traditionellen „Unterschiede“ zwischen den Parteien, dazu die Unterschiedsbehauptungen zwischen CSU und AfD; es gab Redebedarf. Und „Darüber reden“, mit Julian Barnes zu sagen, bedeutet, mit Niklas Luhmann zu sagen: Evidenzverlust. „Plausibel sind Ideen, wenn sie unmittelbar einleuchten und in Kommunikationsprozessen nicht mehr wieder begründet werden müssen.“ Das schreckliche Merkelwort von der Alternativlosigkeit könnte also (jenseits der konkreten Anwendung) auch die Sehnsucht nach einer Rückkehr ins Paradies dieser unmittelbaren, sprachunbedürftigen Plausibilität meinen.

Ihr Pech, dass aus der Alternativlosigkeit eine Alternative für Deutschland wurde. Und dass man jetzt, wieder Luhmann, „ein Wort für das braucht, wovon man vorher ausgegangen war“. Und wie das mit Wörtern eben so ist: eines ergibt das andere. Plötzlich wurde eine Definition nötig für das, was gerade auch wegen seiner Unwortigkeit und Nichtdefiniertheit klar und unumstößlich gewesen war. Es wurde also definiert, „was konservativ eigentlich bedeutet“, es wurde korrigiert, eigentlich Richtiges von uneigentlich Falschem unterschieden, es entstanden Bedeutungsverschiebungen und Sinnineinanderschiebungen und weitere Neudefinitionen wurden nötig. Zur Gegensteuerung mussten dann wieder Sinnbegrenzungen vorgenommen werden, um die aufgeschwemmten Wörter überhaupt noch halten zu können und damit sie nicht buchstäblich aus dem Leim gingen - was dann aber auch nur wieder Andersmeinende auf den Plan rief, denen genau das, was um der Übersichtlichkeit willen ausgeschieden war, besonders am Herzen lag. Begriffe, die dem Im-Zweifel-Nichtkonservativen irgendwie gleichbraun vorkommen, mussten um neuer Zuspitzungsmöglichkeiten willen neu ausgehandelt werden. Zielführende Leitbegriffe mussten für eine kollektive Willensbildung von weniger zielführenden Begriffen getrennt werden. So wird derzeit „völkisch“ von „rassistisch“ unterschieden und als der deutlich gewünschtere Teil eines identitären Intellektualismus promotet, was natürlich Leuten wie Höcke und Scheuer schwer auf den Senkel gehen und zu entsprechenden Gegenmaßnahmen führen musste. Kurz gerafft: Was derzeit stattfindet, ist eine wahre Konservativismen-Explosion. – Und wenn das Definieren einmal anfängt, so könnte man aus dem Stehgreif aphorisieren, ist das Borderlinen nicht weit.

Mit dem selbstverständlich Plausiblen ist es wie mit dem Glas, das vom Tisch fällt: einmal zersprungen und auf den Boden geknallt, ist es nicht mehr zu kitten. Der Anfang vom Ende aber sind Bindestrich-Wörter. Mit „liberal-global“ versucht sich die Konservative zu bezeichnen, die sich bei aller Leitkulturalität und Traditionsbasiertheit als weltoffen und global-bestens-gerüstet situieren will, mit „national-sozial“ (!) dagegen glaubt die bajuwarische Variante ihre einzig-wahre Form von Konservativismus spezifiziert zu haben. Ijoma Mangold unterscheidet dagegen die vielen jüngst entstandenen falschen Koservativismen vom „liberal-konservativen“, wie er ihm als besonders wünschenswert vorschwebt: marktkonform, durchaus internationalistisch, tolerant und dabei ritualgewogen: als Marktteilnehmer liberal und privat konservativ.

Und was sollte die Linke tun? Ein aufkommendes Gefühl von Häme unterdrücken? Sowie erst recht: wenn Rechtskonservative sich streiten, freut sich die Linke? Stille bewahren, am Rand stehen, freundlich Broschüren hinhalten? Eine Rückgewinnung von Diskurshegemonie anstreben? Einen linken Boulevard pflegen?

Vielleicht wäre ein temporäres diskursives Herunterfahren nicht verkehrt, ein strategisches Schweigen, solange es sich mit Aufmerksamkeit, Humanität und „stummer, aber eindeutiger Ächtung“ paart. Helfen, Freundlichkeit signalisieren, genervt weggehen, wenn der bis dahin harmlose Vollquatscher die Stimme senkt, und mit „unter uns gesagt“ überzuleiten sucht.

Zugegeben, das ist wenig. Und wenig ist vermutlich auch nur solange mehr, wie das Diskursgefuchtel der auseinanderfallen und sich auseinanderdividierenden Konservative das „ohrenbetäubende Schweigen“ der Linken sowieso überdecken würde.

Wenngleich, der Eindruck mag täuschen, der Wunsch nach linken Visionen zunehmend auch von bürgerlich-konservativer Seite an eben jene herangetragen wird, wie nach dem Motto: wenn schon Systemkritik, dann doch lieber von links. Aber Vorsicht. Kann auch ein taktisches Manöver sein: Bevor sich die Linken, Ehemals-Linken und Grünen still und heimlich doch noch vereinigen, 2017 eine freundliche Regierungsübernahme vollziehen und so den „Standort Deutschland“ gefährden, oder was man halt so befürchtet - während die Konservative ihre Aufsplitterung im wie nachholenden, zügigsten Tempo weitervollzieht -, soll sie lieber wieder ihre alte „Streitkultur“ pflegen und vor lauter Debatten zu nichts kommen. Derweil die Konservative zum alten Macht-Mutismus, zur angestammten Schweigestärke zurückfindet.

11:40 05.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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