Die hohe Kunst der Selbstkasteiung

Ökologie Wenn das Anderssein das Bewusstsein bestimmt, das aber nicht das Sein, gerät man schnell in eine kompromissliche Lage. Smart scheitern mit Bernd Ulrich
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Die hohe Kunst der Selbstkasteiung
Der Kampf um Brokdorf ging trotz der Beherztheit aller Beteiligten verloren? – Dann wurde eben der 34. Versuch, Vegetarier zu werden, eingeleitet

Foto: imago images/Sven Simon

In seinem lesenswerten, autobiografisch beginnenden Buch Alles wird anders beschreibt Bernd Ulrich den ewigen Kampf seiner Generation – der „ersten ökologischen Generation“ – für die Umwelt. Viel kollektives Wollen, Visionen, bis der Arzt kommt, dazu ein bisschen kluggeworden gegenüber der Vorgänger-Generation, die zu viel oder zu falsch gewollt hatte, oder vielleicht zu viel auf einmal, und das ist dann ja sowieso falsch – und dann steht man plötzlich einem Wust von So-haben-wir-aber-nicht-gewettet gegenüber. Seine Generation wusste also bereits: nicht alles wird besser, wenn es anders wird, aber es muss vielleicht präziser, im guten Sinne beschränkter gewollt werden, damit wenigstens ein bisschen was besser wird. Eine noch nicht ganz so dringlich erscheinende Ökologie eignete sich daher als Resteverwertungs- und Hintertürchenwunschraum – nach einer Generation der ungebremsten Universalutopisten.

Natürlich gab es auch die pure Lust ein bisschen rumzurevoluzzern, die Jugend zu verschwenden. Auf Demos zu latschen – wer hat den Satz nicht schon mal gehört – war das Partymachen der 70er und 80er. Man traf gleichgestimmte Freunde, baute mit ihnen Hüttendörfer, die aus dem Aufbegehren eine gemütliche, gemeinschaftssinnige Angelegenheit machten, und so weiter – aber der Wunsch nach Veränderung war da. Und er war ernst gemeint „und er fühlte sich realistisch an“. Man musste vielleicht nur die Strenge, die man bei der „Systembeobachtung“ an den Tag legte, auf sich selbst ausdehnen. Und zwar nicht ohne kritische Distanz zur kritischen Distanz – denn eine allzu strenge Beobachtung der Eigenmotivation kann ja schnell mal das Einfallstor für Fatalismus sein. Und dass sich die Welt nicht nach unseren guten Absichten richtet, sondern die aus ihr entstehenden Fakten nur aus Ausgangspunkt weiterer Entwicklungen nimmt, die sich dann noch weniger um unsere guten Absichten scheren, sah man nicht nur längst in Bielefeld, sondern bereits auch in anderen Teilen dieser Welt.

Wo die Not ist, ist das Glättende auch

Fluch und Segen der Ironie: Sie macht das Buch lesbar, das Leben lebbar, und die anders werden müssende Welt ist dann die angeschmierte, im hochartifiziell zusammengebauten Selbstbetrachtungsgefüge untergehende. Gerade die geschmeidig eingestandene Raffinesse beim unbemerkten Unterlaufen des Gutgemeinten ist dem Autor daher selbst suspekt und wird – gelegentlich etwas zu lustvoll? – immer wieder vorgeführt.

Neben der spendablen Selbstironie half immer auch der Umstieg von der politischen Großintention ins Private. Der Kampf um Brokdorf ging trotz der Beherztheit aller Beteiligten verloren? – Dann wurde eben der 34. Versuch, Vegetarier zu werden, eingeleitet. Etwas lief immer, dadurch natürlich auch schief, aber dank gewiefter Kohärenzerhaltungsmaßnahmen auch immer weiter. Irgendein Jungfernkranz aus Jute ließ sich immer flechten, wenn Gorleben-technisch gerade Flaute war. Dann kamen sowieso erst mal drei Kinder, immer gut als „Ausrede für politische Auszeit“. Zugleich wurde die Neuanschaffung eines großen Autos nötig – hier war der Volvo das angemessene Selbsthinterslichtführvehikel („das große Auto für die, die es sich nicht eingestehen wollen“).

Macht in der Summe der Rückbetrachtung eine Selbstbeschiss-Vita, die fürs Nicht-zu-Potte-Kommen die scheint’s immer genau passenden Formeln findet, die die Selbsttäuschung zwar benennen, aber zugleich auch merkwürdig weiterwerkeln lassen (wenn nicht befeuern).

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Verwässerung

Fluch und Segen des Mit-sich-selbst-Haderns. Gelingt es zu gut, könnte eine Art Meta-Behaglichkeit das unangemessene Resultat sein („es geht mir eigentlich recht passabel, aber wenigstens fühle ich mich unwohl dabei“), funktioniert sie nicht, droht ein unendlicher Zerknirschungsregress, der aber, weil das Leben nicht auf Unendlichkeit angelegt ist, zwangsläufig abbrechen muss, spätestens am Abend, wenn man sich auf einen ruhigen Nachtschlaf zu präparieren hat, weil man Energie für die anstehenden Selbstkasteiungsexzesse braucht. Und selbst wenn man sich die Unmöglichkeit, dem Dilemma zu entkommen, ausdrücklich nicht zugutehält, kann es immer noch passieren, dass man über diese bewusst unterlassene Wertung im Stillen recht entzückt ist. Oder ein Buch schreibt, in dem steht, dass man über das wenn auch unterdrückte Entzücken unfroh ist.

Es ist zum Verzweifeln mit dem Verzweifeln: Wie konnte es passieren, dass gerade seine Generation mit ihren ganzen durchweg ja ernstgemeinten und gewissermaßen bodenständigen Bemühungen zugleich die war, die das nun vorliegende Desaster wesentlich mit zu verantworten hat? Er hatte doch für die Grünen im Bundestag gearbeitet. Und auch als rot-grün vorbei war – die Wokeness blieb. Wurde halt wieder ein bisschen mehr Fahrrad gefahren statt Auto, und die innere Stabilität war wieder einigermaßen zusammenmünchhaust. Außerdem ging ja mit Angela Merkel eine ehemalige Umweltministerin ans Regieren. Hier freilich muss die Selbsttäuschungskompetenz an ihre Grenzen getrieben werden. Zumal bei einer Vom-Ende-her-Denkerin ist die Gefahr eines kontingenten Einstiegs ja immer gegeben („was kümmert mich das Ministerium von gestern?“). Daher bleibt die Frage offen: „War die CDU ökologsicher geworden – oder meine Ökologie so bescheiden?“

Was, abschließend gefragt, kann man tun gegen eine sich so virtuos verästelnde Vernunft, die für jedes Problem sofort die richtige Dosis Privatpalaver parat hält? Auf eine unverquasselte Nachfolge-Generation hoffen? Und ihr das ambivalenzakrobatische Selbstreferentialitätsgeömmel als Warnung hinterlassen? „Alles wird anders“ als Pflichtlektüre für jeden angehenden Aktivisten (auch auf die Gefahr hin, bellende Hunde einschläfern)? Bzw. um eine Selbsttäuschungskompetenz-Verhinderungskompetenz auf den Weg zu bringen? - Ein guter Punkt. Hier jedoch erst mal: ein Endpunkt.

[aus der Vielleicht-Reihe: Leselust statt Virusfrust: Niklas nutzt die Zeit und mach sich schlau]

11:09 17.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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