Die Sei-unberechenbar-Paradoxie

Algorithmen Wir befinden uns im Jahre 2016 n. Chr. Die ganze Menschheit ist biometrisch erfasst … Die ganze Menschheit? – Da ist der Verfasser vor. Glaubt er.
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Die Sei-unberechenbar-Paradoxie
Die Toten Hosen: Schlager im Punkgewand. Kann man ruhig mal doof finden

Foto: Mathis Wienand/Getty Images

Jedes Zeitalter bringt seine eigenen, bis dahin undenkbaren Glücksmomente hervor. Neulich - vorm Duschen-Zähneputzen-Kaffee jetzt noch immer: was sagt das Smartphone? – begann der Tag mit einer Amazon-Empfehlung: ich solle doch mal was von den Toten Hosen kaufen, und ich schwang mich aus dem Bett wie einer, der ein so beglückendes Leben führt, dass er es nicht abwarten kann, endlich damit anzufangen.

Tote Hosen? Was für ein hinreißender Fehlgriff, dachte ich, nimm das, du aufgeblasener Algorithmus, das kommt davon, wenn man als Kleines Einmaleins übergriffig wird und in die unergründlichen Geschmacks-Inkommensurabilitäten eines Niklas Buhmann einzudringen versucht, der natürlich in Wirklichkeit ganz andere Sachen hört.

Tote Hosen, das war wirklich drollig. Nun muss ich allerdings kurz einwenden, dass ich in Popfragen nicht sehr geschmackssicher bin. Ein absolutes Gehör – und ich meine das ausdrücklich unkokett – ist für eine gesunde Popsozialisation eher hinderlich, da zu viel Wert auf Musik und eben zu wenig auf Pop gelegt wird. Zwar habe ich mir zu Schulzeiten immer von den jeweils meinungsführenden Diederich Diederichsens in spe und dann, später, auch vom Original erklären lassen, worum es wirklich geht, aber, um ehrlich zu sein, das Meiste habe ich nicht kapiert. Zumindest bin ich nicht in der Lage, das vielleicht doch anteilig irgendwie Begriffene in eine konkrete Wertschätzung konkreter Musik zu überführen – worum es bei Pop aber vielleicht auch gerade nicht geht: Pop meint dann wohl eher einen Sound-Lifestyle-Persönlichkeitskult-Pose-Hybrid, der so gesehen also mehr ist als ein Sound, der er aber gleichwohl auch ist, und an der Stelle setzt dann meine Abneigung gegenüber den Toten Hosen an. Vielleicht sind die Toten Hosen für meine Generation das, was Kurt Edelhagen oder Max Greger für die meiner Eltern waren und was (jetzt schwimme ich etwas) vielleicht die Hermes-House-Band für die Event-Nightlifer von heute ist: eine Band, die das Vorliegende („Evergreens“) in die maßgebliche Tonsprache ihrer Zeit kleistert. Es gewissermaßen „auf den objektiven Stand des Materials“ hievt, um mich dann mal gleich ganz zu überheben und Adorno eine Grabrotation für diese Fehlanwendung zu verpassen, die sich erstens gewaschen und zweitens schon geradezu Amazon-Empfehlungs-Niveau hat. – Tote Hosen: Schlager im Punkgewand. Kann man ruhig mal doof finden.

Ich startete dann also in den Tag, der mich so freundlich beschmeichelt hatte, dass ich selbst es auch tat: vielleicht sind die Grenzen der Biometrisierung ja tatsächlich da, wo sich der Geschmack erst einmal ausdifferenziert hat. Man kann dem Durchleuchtetwerdterror also durch gustatorische Spezifikation entgehen. Beethoven, Mahler – bei mir dann vor allem: viel spätes 20. Jahrhundert – darin steckt so viel Mathematik (meine Lieblingsdefinition von Musik: Musik ist flüssige Mathematik) -, dass jede Form von Mustererkennung an ihr zuschanden gehen muss.

Und wer so denkt, hat das Folgende nicht besser verdient: Mathematik, die aus Komplexitätsgründen ihrer eigenen Mathematisierung entgeht? Alan Turing, der das zu seiner Zeit bereits waltende Problem der restlosen Mathematisierbarkeit des Menschen und seiner vollständigen Ersetzbarkeit durch Computer immer wieder durchgekaut – und vor allem eben: durchgerechnet - hat, war da schon weiter: „Wenn man genau sagen kann, was Computer nicht denken können, dann kann man auch ein Programm schreiben, das sie eben dies denken macht.“

Was also, wenn die dies und wer weiß was noch alles denken könnenden Algorithmen schlauer sind als ich? Und mich auf einer Ebene durchleuchtet haben, die mir selbst gar nicht bewusst ist? Dass mir da jetzt so spontan keine einfällt, spricht dann nicht dagegen, sondern zeigt im Gegenteil erst, wie viel kalkulatorische Raffinesse am Werk ist.

Es könnte ja sein, dass ich in meiner Unerfahrenheit; wegen meiner Unfähigkeit, aus Geschmacksunterschieden die richtigen Distinktionsgewinne zu ziehen, irgendeinem falschen Authentizismus aufgelaufen bin, demzufolge sich die Toten Hosen zu Punk eben doch anders ins Verhältnis setzen als Max Greger zu Swing, oder was immer das dann ist: weil Punk primär als Haltung zu verstehen ist, und als solche eine gewisse, grundsätzliche Angepisstheit meint (dazu eine doppelte: eine, die sich gegen das Establishment ebenso richtet wie gegen die Kritik-Routine gewordene Anti-Establishment-Revolte). Punk hätte also einen höheren „Verrat-Faktor“, und sich an der puren, harten Anti-Ideologie zu vergehen, indem man sie sozusagen zu reiner Musik erniedrigt, ist demnach doch was anderes als bei einem eh auf Hedonismus angelegten Schlager à la „I will survive“ Hermes-House-haft noch mal die bpm-Zahl zu erhöhen. Und dass ich die Toten Hosen nicht mag, impliziert also irgendeine Art von Glauben: an die ehrliche, unverstimmte Rausgerotztheit von Punk. Und der Amazon-Algorithmus durchschaut dieses Manöver und „weiß“, dass ich unter meiner – demnach zu reflexhaften – Abneigung sehr wohl Fanpotential habe. Ich muss nur dazu stehen, oder so.

Doch es gibt noch eine zweite, deutlich verstörendere Möglichkeit von „Wahrheit, die tiefer geht als meine Selbstwahrnehmung“:

Mein höchstpersönlicher Resilienzfaktor

Algorithmenkonferenz. Thema des Tages: Niklas-Breefing. Wie ist der, und wenn ja, wie viele Rechenoperationen braucht es zur Totalerfassung? Tummelt sich gern beim Freitag rum. Springer dagegen wird kaum frequentiert, und wenn, dann vermutlich Antidot-halber. Hält sich also wahrscheinlich für einen kritischen Geist. Wollen wir dann mal nicht so sein? Nähren wir seine Illusion, ein Querdenker zu sein, ein nicht zu erfassender, im buchstäblichen Sinne eigen-sinniger Charakter? Ein Mensch mit Persönlichkeit quasi? Okay. Bauen wir also ein paar bewusste Fehler in unsere Kalkulation ein. Irren wir uns, sagen wir, einmal pro Monat ganz entschieden, dann freut er sich und kommt nicht etwa wieder auf die Idee, uns zu boykottieren.

Man muss also nur für das, was wider- und randständig ist (oder sein will), eine Formel finden. Einen Resilienzfaktor berechnen, den Eigensinn-Koeffizienten ermitteln, den Auflehnungscode entschlüsseln. Und schon hat einen das biometrische System wieder. Des Widerspenstigen Zähmung durch Zählung: Es gibt für alles eine Formel.

Und die ist dann Grundlage für eine genau auf mich zugeschnittenen Quote, nach der ich in einem exakt berechneten Rhythmus mit gezielten Fehlempfehlungen zu traktieren bin. Heute freue ich mich über die Toten Hosen, nächsten Monat schmunzle ich geschmeichelt darüber, dass mir Andres Bourani angetragen wird, und weil Weihnachten das Fest der Freude ist, gibt’s gleich als Prime-Time-Top-Supersupertoll-Angebot ein komplettes Fanpaket mit den schönsten Fröhlichkeitskreischern von Andrea Kiewel.

Und das alles zur Aufrechterhaltung der Einbildung, meine sorgfältig ausgefranzte Persönlichkeit habe es mal wieder vermocht, dem System ein gewaltiges Schnippchen zu schlagen. – Selbstzufriedene Kunden sind schließlich die besten Kunden. Also muss man ihnen so viel Honig ums Maul schmieren, bis dieser dann irgendwann unwiderruflich in den Kopf gewandert ist.

11:18 18.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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