Merkel als Mensch betrachtet

Presse Viele Käseblätter berichten gerne über die Kanzlerin. Bisweilen wird es dabei politisch perfide
Nils Markwardt | Ausgabe 13/2016 4
Merkel als Mensch betrachtet
Der schier unendliche Fundus der Klatschpresse

Foto: Teutopress/Imago

In der Tiefe des Blätterwalds, dort, wo es selbst für Gala und Bunte zu dunkel wird, treiben publizistische Blüten, die man nur selten sieht. Durch enorme Selektionsleistung und jahrelang kultivierte Faktenresistenz schaffen sie es, auch unter widrigen Umständen zu überleben. Ab und zu kann man sie aber in freier Wildbahn entdecken, etwa beim Friseur oder Zahnarzt. Es sind jene dünnen Blättchen, die meist „Frau“, „Freizeit“ oder „Woche“ im Titel tragen.

Und hier findet man sie, die letzten aufrechten Anwälte der Aristokratie, die Howard-Carpendale- und Barbara-Wussow-Experten, all jene, die Helene Fischer und Andrea Berg schon abfeierten, bevor sie Mainstream wurden. Dabei funktionieren diese Käseblätter hochgradig dialektisch. Das zeigt sich besonders bei der Berichterstattung über Königshäuser. Gerade weil hier permanent über den luftigen Lebenswandel Prinz Harrys oder die Eheprobleme Caroline von Monacos informiert wird, beweist sich der Glaube ans Gottesgnadentum. Dass der Adel auch allzu menschlich daherkommt, offenbart ex negativo nur, dass er eigentlich einer anderen Sphäre angehört. Nach dem Prinzip: Sakralisierung durch Profanierung.

Ähnlich verhält es sich bei Angela Merkel. Schon länger firmiert die Kanzlerin in der Regenbogenpresse nämlich als beliebtes Covergirl. Und auch sie erscheint gerade durch ihre Bodenständigkeit so übergroß. Thema sind nämlich meist drei Dinge: ihre Ehe, ihre Gesundheit, ihr Alltag. Im Februar vermeldete etwa die Schöne Woche, dass Merkel und Joachim Sauer „Getrennte Wege!“ gehen und versprach dazu ein „Exklusiv-Interview“. Gemeint war damit jedoch nur der Wirt ihres Berliner Lieblingsrestaurants, der verriet, dass die Kanzlerin meist nur mit Kollegen zum Essen käme. Freizeit Vergnügen titelte wiederum: „Höllische Schmerzen – Wie krank ist die Kanzlerin wirklich?“

Eine akute Frage, immerhin konnte man im dazugehörigen Artikel lesen, dass Merkel-Imitatorin Antonia von Romatowski nach Dreharbeiten „schlimme Rückenschmerzen“ habe, weil sie den Rundrücken der CDU-Vorsitzenden nachahme. Revue Heute berichtete wiederum vom „geheimen Privatleben“ Merkels. Konkret: Diese koche ab und an Rouladen und kaufe auch mal um die Ecke im „Hit-Ullrich-Verbrauchermarkt“ ein. Neben der ganzen Bodenständigkeit gibt es mitunter aber auch anzüglichen Glamour. So schrieb kürzlich Mein schönes Blatt: „Angela Merkel – Ihrem heimlich Freund schickt sie nachts süße Faxe“. Gemeint war Schauspieler Ulrich Matthes, der im SZ-Magazin verraten hatte, dass Theater-Fan Merkel und er sich „ab und zu“ per Fax austauschten.

Manchmal wird es aber auch gleichermaßen politisch wie perfide. Die frau aktuell titelte unlängst: „Bittere Trennung! – Es geht einfach nicht mehr“. Wer hier irgendwas mit Joachim Sauer erwartet, liegt jedoch falsch. Denn es geht um die Flüchtlingskrise. Im Text heißt es: „Auf der ganzen Welt wird Merkel für ihre Beharrlichkeit verspottet. Für die Kanzlerin ist die Zeit der bitteren Trennung gekommen. Sie muss sich schleunigst von ihrem Traum verabschieden, allen Flüchtlingen ein neues, sicheres Zuhause in Deutschland geben zu wollen.“ Und derlei ist kein Einzelfall. Das zeigt schon der Umstand, dass die zeitgleich verkaufte Ausgabe der Prima Woche unter derselben Überschrift fast genau die gleiche „Story“ brachte. Politisch gesehen haben manche Käseblätter also eine ungeahnte Funktion: Sie sind die Fortsetzung von Focus Online mit anderen Mitteln.

06:00 05.04.2016
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