Wider die Inflationsgewinnler!

Geld Manche Unternehmen verdienen sich an der Krise eine goldene Nase. In Italien hat Mario Draghi vorgemacht, wie auch anders verteilt werden kann. Wäre ein Profitverzicht auch in Deutschland denkbar?
Mario Draghis Unterschrift prangt heute auf vielen Euro-Scheinen. In Italien hat er gerade eine Profitgrenze für Krisenprofiteure eingerichtet
Mario Draghis Unterschrift prangt heute auf vielen Euro-Scheinen. In Italien hat er gerade eine Profitgrenze für Krisenprofiteure eingerichtet

Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images

Mit der Inflation verhält es sich ja in etwa so, als hätten wir unsere Wolldecke zu heiß gewaschen. Jetzt ist sie eingegangen und reicht nicht mehr: Entweder gucken die Zehen unten raus oder der halbe Bauch. Denn unser Geld ist weniger wert, wir können uns also weniger leisten als noch vor einem Jahr. 7,4 Prozent betrug die Inflationsrate in Deutschland im April, ein so hoher Wert, der in der Geschichte der BRD nur während der Ölkrisen 1973 und 1981 überschritten wurde.

Dass die Geldentwertung vor allem mit den rasant steigenden Energiekosten zusammenhängt, schon vor dem Krieg in der Ukraine und seitdem noch viel mehr, hilft dabei wenig: Wenn die Decke nicht reicht, frieren die Füße trotzdem, ganz egal, wer das falsche Waschprogramm gewählt hat.

Doch worauf das Bild mit der missratenen Decke eigentlich hinauswill: Die hohe Inflationsrate führt über kurz oder lang zur Frage, wie die Verluste verteilt werden sollen. Seitdem die Erzeugerpreise steigen, erhöhen die Unternehmen die Preise, zu denen sie ihre Produkte verkaufen: Sonst schwinden ja ihre Profite. Da aber die Angestellten und Arbeiterinnen sich mit ihrem Lohn immer weniger leisten können, fordern sie Gehaltserhöhungen, um den Kaufkraftverlust auszugleichen. Sobald das aber passiert, worauf vereinzelte Nachrichten etwa aus der Stahlbranche hindeuten, heißt es: Halt! Wie unverantwortlich! So droht eine Lohn-Preis-Spirale, wie wir sie aus den 1970er Jahren kennen. Denn dann würden ja die Unternehmen, die höhere Löhne zahlen müssen, ihrerseits wieder die Preise ihrer Produkte erhöhen, weil sonst ihre Profite schwänden. Und so würde die immer kleiner werdende Bettdecke zwischen Zehen und Kinn hin- und hergezogen, bis am Ende gar niemandem mehr warm wird.

Höhere Gewinne höher besteuern

Das Bild der Lohn-Preis-Spirale scheint – ähnlich wie andere ökonomische Versatzstücke – bloß komplexe Zusammenhänge auf den Begriff zu bringen, mengt aber tatsächlich einen gehörigen Schuss Ideologie mit unter. Denn warum endet keiner der nun erscheinenden Kommentare zur Gefahr eines Lohn-Preis-Karussells mit dem Appell, die Unternehmen mögen doch auf einen Teil ihrer Profite verzichten, um die Inflation nicht weiter anzuheizen? Und warum hört man von denselben Kommentatoren nicht sonst auch Warnungen vor zu niedrigen Löhnen und deren schädlicher Auswirkung auf die Gesamtwirtschaft?

Für Profitverzicht besteht in der derzeitigen Lage umso mehr Grund, als ein Großteil der Inflation auf gestiegene Energiekosten zurückgeht: Weil ja höhere Gaspreise und höhere Benzin- und Dieselpreise die Produktion und den Transport aller Waren und Produkte verteuern. Dabei sticht ins Auge, dass die Benzin- und Dieselpreise um sehr viel mehr gestiegen sind, als das beim Rohöl der Fall ist. Das aber bedeutet, dass sich die Raffinerien und Mineralölkonzerne an der Inflation und am Krieg eine goldene Nase verdienen.

Sie tun damit nichts Verbotenes. Laut Gesetz können Dieselproduzenten ihr Produkt so teuer anbieten, wie sie gerade lustig sind: So funktioniert die freie Preissetzung im real existierenden Kapitalismus. Der Schluss liegt nahe: Also gilt es, das Gesetz zu ändern. In Italien hat Mario Draghi genau dies jetzt vorgemacht: Energiefirmen, deren Profite dank Krieg und Krise anschwellen, sollen 25 Prozent ihrer „Übergewinne“ abgeben. Draghi wird damit die Bettdecke wieder ein Stück in die Mitte rücken.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Draghi wolle die Übergewinne mit 15 Prozent statt 25 Prozent besteuern. Wir haben dies geändert.

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