Hoffentlich erst der Anfang

Gorillas Workers Strike Das neue Gesicht der Arbeiter*innenklasse zeigte sich in den letzten Tagen beim Streik des Lebensmittellieferanten „Gorillas“. Es ist jung, spricht Englisch und Spanisch
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Hoffentlich erst der Anfang
Die Fahrer*innen des Lieferdienstes „Gorillas“ stehen für eine neue – gut vernetzte – Arbeiter*innenklasse

Foto: Imago/Michael Gstettenbauer

Mittwochnachmittag sind etwa 100 Rider des Lebensmittellieferanten Gorillas in einen wilden Streik getreten. Sie protestierten damit gegen die Kündigung ihres Kollegen Santiago. „Mir wurde vom Management kein Grund genannt. Das brauchen sie auch nicht, weil ich noch in der Probezeit war“, sagte der junge Rider. Seine Kolleg*innen hängten ein Transparent mit dem Slogan „Solidarität mit Santiago“ an den Eingang des Gorillas-Warenlager in der Charlottenstraße.

Dort versammelten sich am späten Nachmittag die Streikenden zu ihrer ersten Versammlung. Schnell einigten sie sich auf drei zentrale Forderungen. Neben der Rücknahme der Entlassung soll die Probezeit abgeschafft werden. Zukünftige Entlassungen sollen zudem nur möglich sein, nachdem die Betroffenen drei Mal verwarnt worden sind. Sofort setzten sich die Streikenden mit ihren Rädern in Bewegung, um auch Rider aus anderen Standorte zur Beteiligung am Arbeitskampf zu motivieren. Vor dem Gorillas-Warenlager in der Torstraße sorgte ein großes Polizeiaufgebot dafür, dass die Streikenden den Hof nicht betreten. Das Gorillas-Management erklärte, keine juristischen Stritte gegen die Streikenden einleiten zu wollen, weil das nicht ihrer Betriebskultur entspreche. Allerdings gab es bisher auch keine Bereitschaft, auf die Forderungen der Rider einzugehen. Auch am Donnerstag gab es vor verschiedenen Warenlagern Versammlungen, auf denen auch deutlich wurde, dass viele Beschäftigte schon lange mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden waren.

Solidarität aus Barcelona und Madrid

Bereits im Februar 2021 war es zu Arbeitsniederlegungen bei Gorillas gekommen. Auch die mangelnden Corana-Schutzmaßnahmen standen in der Kritik. Anfang Juni wählten die Gorillas-Beschäftigten erstmals einen Betriebsrat. Neben der DGB-Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat auch die Basisgewerkschaft Freie Arbeiter Union (FAU) viele Unterstützer*innen beim Lieferdienst. Das Management will die Betriebsratswahl gerichtlich überprüfen lassen, weil leitende Angestellte nicht zur Wahl zugelassen waren, was aber das Betriebsverfassungsgesetz auch nicht vorsieht.

Auf allen Versammlungen wurde in englischer Sprache kommuniziert. Viele der Rider sprechen auch Spanisch. Denn die meist jungen Kurierfahrer*innen kommen aus den verschiedensten Ländern. Solidaritätsadressen für den Arbeitskampf in Berlin trafen mitterweile nicht nur von Kolleg*innen aus Köln sondern auch aus Madrid und Bologna ein. Wenn wieder mal über das Ende der Arbeiter*innenklasse schwadroniert wird, dann schaut Euch die kurzfristig einberufenen Assambleas vor den Gorilla-Lagern an. Dort stehen junge Frauen und Männer, die Englisch, Spanisch und viele andere Sprachen sprechen, die mit Kolleg*innen in aller Welt vernetzt sind. Das ist der Vorschein einer neuen Arbeiter*innenklasse, von der wir hoffentlich noch viel hören und sehen werden.

Literaturtipp: Der Soziologe Robin de Greef hat in knapper Form die Gründung der Deliverunion, der erstne Organisierung von Essenslieferant*innen in Berlin untersucht:

Riders unite! Arbeitskämpfe bei Essenslieferdiensten in der Gig-Economy – das Beispiel Berlin Robin De GreefDie Buchmacherei, Berlin 2020, 143 Seiten, 10 Euro, ISBN: 978-3-9822036-5-2

Weitere Infos:

https://diebuchmacherei.de/produkt/rider-unite-arbeitskaempfe-bei-essenslieferdiensten-in-der-gig-economy/

01:02 11.06.2021
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