Philipp Adamik

Philipp Adamik war wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Seminar der Universität Basel. Er ist Herausgeber des Blogs digitalrealism
Philipp Adamik
RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 04.10.2018 | 10:35

Sie spielen auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Abschottungstendenzen innerhalb der Community tragen aber auch dazu bei.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 04.10.2018 | 10:29

Herzlichen Dank für Ihr ausführliches Feedback. Die kulturellen Unterschiede zwischen der deutschsprachigen und der englischsprachigen Wikipedia kommen hier tatsächlich zu kurz. Mehr dazu liefert u. a. diese Arbeit von Ulricke Pfeil, die die kulturellen Unterschiede in der Kollaboration zwischen Autoren anhand des deutschen, französischen, niederländischen und japanischen Wikipedia-Artikels "Game" untersucht.

Aber auch wenn ClueBot NG in der deutschen Wikipedia kaum eine Rolle spielt, verrichten auch dort zahlreiche Bots ihre Arbeit. In der Regel scheinen ihre Aufgaben nicht so weit in die policy der Wikipedia einzudringen, wie in der englischen. Meist erledigen sie eher unkritische Standardaufgaben, wie das Löschen doppelter Weiterleitungen oder die Anpassung von Artikeln an eine Formatvorlage.

Die weiteren Aspekte lassen sich aber soweit direkt übertragen. Auch in der deutschen Wikipedia gibt es das Projekt Vandalismusbekämpfung und auch dort wird mit Huggle ein halb-automatisches Werkzeug eingesetzt. Ebenso wie in der englischsprachigen Wikipedia ist die Nutzung an eine bestimmte Nutzerolle, die des aktiven Sichters, gebunden.

Kurzum, trotz einiger Unterschiede, gibt es durchaus zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Wikis. Das gilt zum Beispiel auch für die Geschlechterungleichheit.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 16:00

Soziale Ungelichheit ist in der Soziologie ein recht umfassendes Konzept. Wie gesagt, die Tradition recht mindestens zurück bis Marx. In der Regel werden aber Macht, Einkommen und Bildung als die zentralen, harten Kategorien von Ungleichheit aufgefasst. Neuere Konzepte, sogenannte Milieu-Studien nehmen dann auch noch Mentalität auf. Das hier ist so etwas eine Einführung in das Thema von mir.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 15:54

Schirmherr ist die Wikimania Foundation. An die gehen auch die Spenden, die auf Wikipedia jährlich gesammelt werden. Diese ist mit Budget von ca. 80 mio. $ und 280 Angestellten recht klein, wenn man bedenkt, dass sie die fünft grösste Webseite der Welt betreiben. Die betreiben auch die Server und die restliche technische Infrastruktur.

Interessanter ist aber die rechtliche Situation. Da so ziemlich alles, was mit der Wikipedia zu tun hat unter einer Creative Commons Lizenz steht, kann alles ja in einem anderen Kontext gratis reproduziert werden. Am offensichtlichsten ist das bei den Info-Fenstern, die Google automatisch bei Suchanfragen einblendet.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:40

Soziale Ungleichheit, ist, genauso wie die von mir Eingangs aufgeführten digalen Ungleichheiten, natürlich kein neues Konzept. Spätestens mit dem Klassenkampf bei Marx ist ein Teil der Sozialwissenschaften. Neu an der "digitalen Ungleichheit" ist aber, das nicht-menschliche Akteure an ihr direkt Teilnehmen. Bots sind nämlich von einer Ambiguität geprägt. Zwar sind sie zu einem, wie ich in dem Artikel auch anführe, in die sozialen Strukturen eingebunden, aber sobald sie "aproved" sind, handeln sie quasi Autonom.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:31

Die Tools benötigen tatsächlich nicht besonders viel Rechenleistung. Auch ist die Wikipedia, was den Speicherbedarf anbelangt recht bescheiden. Es sind gerade einmal 10 Terra-Byte. Die bedeuten aber für die englischsprachige Wikipedia 2705 Ausgaben eines Bandes der Encyclopædia Britannica. Knapp die Hälfte bei der deutschsprachigen.

Der Punkt, auf den ich aber in dem Artikel hinweise ist, dass die Nutzung dieser Tools an den sozialen Aufstieg innerhalb der Wikipedia gekoppelt ist. Es geht also nicht um den technischen Zugang, sondern um die sozialen Grenzen der Nutzung.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:21

Danke für das Lob. Einen ausführlichen Überblick in den gender-gap bei der Wikipedia gibt es hier von Judy Wajcman und HEater Ford. Dort wird auch genuer auf die Beziehung zwischen der Geschlechterungleichheit in der IT-Branche und der Wikipedia eingegangen. http://eprints.lse.ac.uk/68675/1/Wajcman_Anyone%20can%20edit_Final_2017.pdf

RE: Unter Hitler waren nicht nur die KZs schlecht | 08.09.2017 | 07:27

Und wenn man ein alter Kollege in Australien ist, dann wohl auch. Mal abgesehn davon, dass es in dem Artikel überhaupt nicht darum geht Böhmermanns Post zeithistorisch zu rechtfertigen, zitiere ich an dieser Stelle gerne zu diesem Punkt die Antifa Kampfausbildung:

"Vor einigen Tagen hat Jan Böhmermann auf Twitter geschrieben, dass in 3 Wochen zum ersten Mal seit Kriegsende wieder Nazis im Bundestag sitzen werden.

Daraufhin taucht dieser Blog-Artikel auf, in dem behauptet wird, er habe die Nazi-Vergangenheit Deutschlands geleugnet.

Da Böhmermann sicher nicht dumm ist, wird er wie mittlerweile viele andere auch wissen, dass auch nach 1945 noch Ex-NSDAP-Mitglieder im Bundestag und anderen wichtigen Ämtern in der BRD und DDR saßen. Hat er das geleugnet?

Nein. Er hat entweder nicht nachgedacht, oder aber einfach entschieden, dass diese Tatsache nicht wichtig ist für seine provokante AfD-Kritik.

Was erwarten die AutorInnen des Artikels denn? Soll er eine Dissertation, eine Hausarbeit, über Ex-NSDAPler im Bundestag in 140 Zeichen kloppen?

Anstatt sich mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen und entschiedene AfD-Gegner für sowas anzugreifen, sollte man seine Energie doch lieber für etwas sinnvolles einsetzen. Zum Beispiel echte Nazis bekämpfen. Prioritäten setzen und so."

https://www.facebook.com/antifakampfausbildung/posts/1508819385830552

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 22.08.2017 | 14:44

Lieber w.endemann,

leider muss ich jetzt aus Zeitgründen unseren sehr spannenden Austausch über Luhmann beenden. Trotz Ihres schlechten Gedächtnisses ist ihr Verständnis von Luhmann sehr beeindruckend. Im Kern unterscheiden wir uns da kaum, weshalb ich hier nur noch kurz auf zwei Aspekte hinweisen will.

Selbstverständlich will Luhmann gesellschaftliche Wirklichkeit beschreiben, allerdings halte ich seinen Theorieaufbau dafür nicht geeignet. Kurz gesagt, Luhmann hat es meiner Ansicht nach mit der Selbstreferenzialität so weit übertrieben, dass seine Theorie für mich den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. Natürlich kann man mit Luhmann immer noch recht viel Wirklichkeit erfassen, aber im Vergleich zu den modernen Netzwerktheorien, dass begründe ich in meiner Diss übrigens mit und nicht gegen Luhmann, ist es eher ein recht ungenaue short range Betrachtung.

Luhmann hat sowohl in Soziale Systeme und in zahlreichen Publikationen davor sich intensiv mit dem Begriff und dem Konzept der Komplexität beschäfftigt. In einem Band der "Soziologischen Aufklärung", ich glaube es ist Band 2, gibt es dazu ein ganzes Kapitel. Ansonsten sind zahlreiche Aspekte von Komplexität über sein gesamtes Werk vor Soziale System verteilt. Leider, und das ist für mich der entscheidende kapitale Bock, der alles (inklusive die Gesellschaft der Gesellschaft) nach Soziale Systeme für mich absolut wertlos macht, ist, dass er Komplexität vollständig aus seiner Theorie entfernt. Denn der Zwang zur Reduktion ist bei Luhmann ursprünglich Selektiviät und nicht Komplexität, diese ist die Differenz zwischen Element und Relation. Logisch bewegt sich Luhmann mit dieser Gleichsetzung zwar gerade noch im Spektrum der sinnvollen Aussagen nach Wittgenstein (kontradiktorische Aussage), aber innerhalb seiner Differenztheorie ist diese Gleichsetzung schlicht und ergreifend nicht möglich. Die Aufhebung von Differenzen innerhalb einer Differenztheorie, macht für mich so gar keinen Sinn. Da ist Luhmann meiner Ansicht nach seiner Hybris zum Opfer gefallen. Komplexität ist nämlich rein differenztheoretisch nicht darstellbar, aber der Begriff der Kompelxität ist für Luhmann absolut notwendig, damit seine Theorie einen universellen Anspruch haben kann. Seine Lösung, Komplexität heimlich durch Selektivität zu ersetzen, ist aber nichts weiter als ein billiger Taschenspielertrick.

Wie gesagt, es gebe hier bestimmt noch viele Aspekte, die ich gerne mit Ihnen diskutieren würde, aber leider muss ich mich jetzt anderen Dingen widmen. Ich hoffe, Sie vergessen mein Anliegen nicht und melden sich, sobald sei bei Luhmann auf den Begriff der unbestimmten oder einen ähnlichen Begriff treffen. Das Konzept existiert bei Luhmann, aber ich befürchte, wie so häufig wenn es um Luhmann und Komplexität geht, vieles ist bei weitem nicht mit der gleichen Sorgfalt ausgearbeitet, wie seine Systemtheorie.

In diesem Sinne hoffentlich bis bald,

Philipp Adamik

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 20.08.2017 | 18:13

Schade, dass hätte die Arbeit an meiner Dissertation sehr erleichtert. Falls Sie zufällig doch mal auf was stossen sollten, wäre es sehr nett, wenn Sie es mir mitteilen würden.

Meine Herangehensweise an Luhmann ist eine andere. Ich sehe Luhmanns Theorie im Sinne eines seiner Universalitätsverständnisse (als sich selbst und ihre Gegner einschliessende Theorie) für grundsätzlich nicht auf eine empirische Wirklichkeit ausser der von Büchern, anwendbar und wo hat Luhmann diesen Kosmos jemals wirklich verlassen? In dem Interview ein wenig und evtl. noch in Liebe als Passion evtl, aber sicher nicht in Soziale Systeme, Die Gesellschaft der Gesellschaft und die zahlreichen Die ... der Gesellschaft Büchern bestimmt nicht. Dort theoretisiert quasi darüber, wie die Gesellschaft beschaffen seinen müsste um mit seiner Theorie beschrieben werden zu können und nicht darüber wie die Gesellschaft mit Hilfe seiner Theorie beschrieben werden kann. Wie auch immer. Mit den zahlreichen Netzwerktheorien gibt es dafür ja mehr als genügend Alternativen. Zentral ist dabei für mich der Punkt Netzwerke als Komplexität anzusehen. Siehe dazu John Urry. Luhmann hat dabei einer der elaborierten Komplexitätstheorien, die man sich leider mühsam rekonstruieren muss.

In Soziale Systeme definiert Luhmann Komplexität als die Differenz zwischen Element und Realation. In dem Zusammenhang weisst er in einer Fussnote darauf hin, dass ein guter Grund den Komplexitätsbegriff nicht zu definieren Selbstreferenz wäre. Leider schafft es Luhmann da nicht über den Horizont seiner selbstreferenziellen Differenztheorie hinauszublicken. Für mich liegt der wünschenswerte Nachteil (Sic!) darin, dass eine undefinierte Idee von Komplexität eine noch universellere Anwendbarkeit hat, als ein definiertes Konzept von Komplexität (e. g. as the Connection between Element and connection) und ich so - wie es auch bei Luhmann ist, aber selten so wahrgenommen wird - Universalität nicht als Ziel, sondern als Problem behandeln kann. Strukturen muss ich so z. B. nicht annehmen, sondern ich kann dann die Frage in die empirische Foschung verlagern.