Mit Witz gegen Vorurteile

Fernsehen Seit 10 Jahren bringt uns Claire Doutriaux den Alltag der Franzosen näher. Ein Interview zum Jubiläum ihrer ARTE-Sendung „Karambolage“
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Mit Witz gegen Vorurteile

Foto: Screenshot, Vimeo

Thilo Kasper: Für die wenigen, die Ihre Sendung noch nicht gesehen haben – was ist Karambolage?

Claire Doutriaux: Karambolage ist eine kleine Anthropologie des Alltagslebens in Frankreich und Deutschland. Die Sendung ist bunt, witzig und spielerisch. Um nicht auf Stereotype oder Vorurteile hereinzufallen, konzentrieren wir uns dabei auf Einzelheiten der beiden Kulturen. Zum Beispiel erzählen wir die Geschichte von einem Wort oder einem Gegenstand. Wir besprechen keine Verhaltensweisen, es sei denn, es sind die Verhaltensweisen von Politikern, die dann nicht mehr individuell gelten, sondern eine ganze Nation symbolisieren. Das ist unser Ansatz, den wir seit 10 Jahren verfolgen.

Dieses Jahr feiert noch eine andere Institution 10. Geburtstag: Facebook. Welche Bedeutung haben soziale Medien für Karambolage?

Wenn Sie heute so eine Sendung machen, müssen Sie sich auch um das Internet und die sozialen Netze kümmern. Zum Beispiel haben wir vor einigen Monaten eine Mail von einer Zuschauerin aus Marseille bekommen, die sagte, dass sie gerne Zuschauer von Karambolage in Marseille empfangen würde, um ihnen ihre schöne Stadt zu zeigen. Das fanden wir so interessant, dass wir die Facebook-Seite Karambolage Voyage initiiert haben, wo wir den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich untereinander auszutauschen und gegenseitige Besuche zu organisieren. Innerhalb von einem Monat gab es dort fast zweitausend Anzeigen von Leuten, die bereit sind, anderen ihre Stadt zu zeigen. Das hätte ich nie erwartet, und das finde ich sehr rührend. Ich hatte eigentlich nie den Anspruch, mit Karambolage die Freundschaft zwischen den Völkern zu fördern. Dass durch diese Facebook-Seite nun so ein Austausch ermöglicht wird, gibt Karambolage auch eine politische Dimension.

Sie haben mal gesagt, dass Karambolage von Anfang an auch als Buchprojekt geplant war. Müssen Sie Karambolage in den nächsten 10 Jahren noch mehr als Internetprojekt, als Community denken?

Klar, wir haben eine Homepage, ein Blog, sind auf Facebook und Twitter. Es gibt eine große Community von Karambolanern in Frankreich und Deutschland. Zurzeit überlegen wir, wie wir sie noch stärker in die Sendung involvieren können. Ich bin selbst überrascht über dieses Potenzial an Leuten. Jeden Montag bekommen wir unzählige liebevolle E-Mails. Komischerweise hat für mich eine Sendung nie eine solche Bedeutung gehabt, wie sie Karambolage für seine Zuschauer hat. Wir haben dadurch auch eine große Verantwortung.

Bei der Produktion Ihrer Sendung spielen Gestalter eine wichtige Rolle. Was hat Sie bewogen, Karambolage dermaßen grafisch zu gestalten?

Ich habe lange nach einer Form für diese Sendung gesucht, die nicht nur frankophile Deutsche und germanophile Franzosen ansprechen sollte, sondern ein breites Publikum. Obwohl ich selbst vom Dokumentarfilm komme, habe ich mich für eine grafische Arbeit mit viel Trick entschieden, die sehr spielerisch, sehr gewitzt, kurzweilig und leicht daherkommt.

Zum Schluss eine politische Frage: 10 Jahre Karambolage heißt auch 10 Jahre Beobachtung der Amitié franco-allemande. Wenn Sie zwei Polaroid-Fotos schießen, eines 2004 und eines 2014: Wie sahen die beiden Freunde vor 10 Jahren aus, und wie haben sie sich heute verändert?

2004 sehe ich Bundeskanzler Schröder, der als erster deutscher Politiker zum Gedenken der Landung der Alliierten in der Normandie nach Caen eingeladen wurde. Da gibt es diese Umarmung zwischen Chirac und Schröder, und Chirac klopft dem wesentlich kleineren Schröder auf die Schulter. Das fand ich irgendwie witzig und relativ spontan als Geste.
2014 haben Bundespräsident Gauck und Präsident Hollande in Oradour Händchen gehalten und ihre Köpfchen aneinander gelehnt. Ach, manchmal sind diese Gesten auch ein bisschen peinlich und gewollt. Deshalb mache ich 2014 lieber ein Foto von den ganzen jugendlichen Franzosen, die nach Berlin ziehen und deutsch lernen wollen. Vielleicht wandert die deutsch-französische Freundschaft auf eine private Ebene, und die Politiker müssen heute ihre ganze Weitsicht und ihre Visionen nicht mehr alleine tragen, weil sie von vielen Individuen geteilt werden.

ARTE sendet am Sonntag, 12. Oktober, um 19:30 Uhr eine Sonderseundung zum Karambolage-Jubiläum. Mehr über neue politische Bildkultur findest du auf unserem Tumblr-Blog:www.putsch-berlin.de

Interview: Thilo Kasper
Kamera: Daniel Ramirez Perez

Claire Doutriaux leitet seit 1998 das "Atelier de la recherche", das seit 10 Jahren die Sendung Karambolage produziert. 2006 wurde sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Karambolage läuft immer sonntags um 19:30 Uhr auf ARTE.

Karambolage Homepage mit Blog:
arte.tv/karambolage

Karambolage Voyage:
on.fb.me/TjDsum

Karambolage Talkshow zu 50 Jahren Elysée-Vertrag:
bit.ly/1mfmhkI

Interview: Thilo Kasper, Kamera: Daniel Ramirez Perez
10:20 09.10.2014
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Geschrieben von

Putsch

Wie kann Politik visuell erzählt werden? Thilo Kasper vom PUTSCH Blog schaut hin, von Graphic Journalism bis Internetkunst.
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