Reinhard Salomon

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Reinhard Salomon
RE: Kant und die Corona-Impfung. Ist Nicht-Impfen unmoralisch oder Privatsache? | 20.02.2022 | 10:34

Übrigens lässt sich meine obige Anmerkung auch auf antisemitische Äußerungen anwenden.

Es sind natürlich für einen solchen Denker erstaunliche blinde Flecken, die wir nicht verschweigen und kritisieren sollten!

Dennoch sind es meiner Meinung nach zeitbedingte Einzeläußerungen, die den Prinzipien seiner Ethik, seines Menschenbildes widersprechen. Seine Ethik bleibt meiner Ansicht nach deshalb gültig, trotz der zeitbedingten antisemitischen, rassistischen oder frauenfeindlichen Randbemerkungen Kants, die aber dagegen weniger ins Gewicht fallen.

RE: Kant und die Corona-Impfung. Ist Nicht-Impfen unmoralisch oder Privatsache? | 20.02.2022 | 10:10

Danke für ihre Kritik! Ich habe gerade meinen Artikel einen Abschnitt hinzugefügt: Ich begründe darin kurz, warum ich Kants Äußerungen zur Impfung nicht berücksichtige, sondern mich auf seine Prinzipien konzentriere:

"An diesen Prinzipien orientiere ich mich, nicht aber an Kants Äußerungen zur Impfung. Denn wie auch bei rassistischen oder frauenfeindlichen Äußerungen des Königsbergers deutlich wird, kann ein Denker mit zeitbedingten Einzelaussagen den Prinzipien seiner eigenen Ethik widersprechen. Seine damaligen konkreten Aussagen zur Impfung erscheinen mir darum für die gegenwärtige Pandemie weniger bedeutsam als die bleibenden Prinzipien seiner Ethik."

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 04.02.2015 | 13:06

Einige bezeichnende Unterschiede zwischen unseren Positionen und Argumentationen sind wohl deutlich geworden.

Deshalb zum Abschluss noch ein Dankeschön, dass Sie zu dieser - für mich aufschlussreichen – Diskussion beigetragen haben!

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 03.02.2015 | 10:18

Dass es die von Ihnen beschriebenen Probleme gibt, weiß ich in der Tat und ich kritisiere sie ebenso so hart wie Sie.

Aber sind diese Probleme auch bei der Mehrheit der Muslime anzutreffen? Gibt es überhaupt die Muslime? Ist die Wirklichkeit nicht ungleich komplexer, so dass sie keineswegs pauschal zu beurteilen ist?

Der Innenminister ist bekanntlich für die innere Sicherheit zuständig und er stützt sich auf den Verfassungsschutzbericht. Sind seine Ausführungen darum nicht seriöse Belege, wenn er die Mehrheit der Muslime für integriert hält? Empirische Studien wie die neueste derBertelsmann-Stiftung geben ihm Recht:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/islam-studie-muslime-integrieren-sich-deutsche-schotten-sich-ab-a-1011640.html

Neigen wir nicht dazu, uns immer wieder in unseren negativen Vorurteilen bestätigt zu fühlen, weil uns die auffälligen Missstände ins Auge springen? Übersehen wir daneben nicht aber die unauffällige Normalität integrierter Muslime, sodass sie unsere Vorurteile nicht in Frage stellen können?

So wird in der Regel auf die Frage, wie viel Prozent aller muslimischen Frauen Kopftuch tragen, eine Mehrheit vermutet. Tatsächlich ist es aber nur eine Minderheit.

Besteht darum nicht die Gefahr, dass sich viele „unproblematische“ muslimische Mitbürger wegen der wenigen „auffälligen“ in Sippenhaft genommen fühlen?

Sollten wir nicht so viel Differenzierung aufbringen, damit wir den Fakten, vor allem aber den vielen unterschiedlichen Menschen islamischen Glaubens gerecht werden?

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 02.02.2015 | 11:51

Weil es unmittelbar mit der Intention des Artikels zu tun hat, weitere Anmerkungen:

Abgesehen davon, dass ich die Mehrheit der Muslime wie unser Innenminister für integriert halte: Was ist beim Aufbau von Parallelwelten Ursache, was ist Wirkung?

Was ist wahrscheinlicher?

a. Dass Muslime Parallelgesellschaften aufbauen, trotz vorhandener Willkommenskultur, also obwohl sie den deutlichen Eindruck haben, sie gehörten dazu?

b. Dass Muslime Parallelgesellschaften aufbauen, weil sie eher den Eindruck haben, sie seien nicht willkommen, sie gehörten nicht dazu?

Weil ich Letzteres für wahrscheinlicher halte, versuche ich, etwas zur Willkommenskultur beizutragen:

Ich beharre deshalb darauf, dass die Zugehörigkeit der Muslime nicht mit kleinlichen Einschränkungen zu verknüpfen ist. Muslime gehören stattdessen ganzheitlich, mitsamt Islam, zu Deutschland!

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 01.02.2015 | 14:47

Obwohl ich ja eigentlich schon mit meinem vorletzten Kommentar aussteigen wollte, juckt es mich dann doch wieder in den Fingern.

Darum noch zwei – letzte ;-) – Anmerkungen:

1. Dass über die angemessene Lesart des Korans gestritten wird, ist doch genau dieser Jahrtausende währende innerreligiöse Kampf um die aufgeklärten und humanen Werte der Religion. Es gibt demnach gar nicht den Islam oder das Christentum, sondern nur diesen dialektischen Prozess zwischen etabliert-konservativeren und reform-orientierteren Kräften, auch wenn leider die internen Kritiker oft einsame Rufer in der Wüste oder Märtyrer waren und sind. Weil es um die Verwirklichung solcher Werte also immer noch nicht zum Besten bestellt ist, und zwar in und außerhalb der Religion, darum hält die unvermeidliche Auseinandersetzung an.

„Wer also pauschal eine Religion oder Kirche kritisiert, übersieht ihre kritischen Vertreter, mit denen er in seiner Kritik und seinen Zielen womöglich zu großen Teilen übereinstimmt. Wäre es darum nicht sinnvoller, sich mit diesen zu verbünden?“ (Vgl. den Kommentar zu meinen Pegida-Artikel)

Im Übrigen: Ist es nicht bemerkenswert, dass diese Auseinandersetzung um Wahrheit und Menschenwürde, wie sie schon in der Kritik einer Sufi wie Rabi‘as von Basra, biblischer Propheten oder Jesus‘ zum Ausdruck kommt, Jahrhunderte vor der Aufklärung stattfand? Und haben diese kritischen Selbstreinigungskräfte innerhalb der Religionen nicht auch in der Aufklärung ihren Niederschlag gefunden?

2. Dass es fundamentalistische und aufgeklärte Interpretationen des Islam gibt, spricht das gegen seine Zugehörigkeit zu Deutschland? (Die überwältigende Mehrheit der Muslime ist übrigens unabhängig von ihrem Religionsverständnis ohnehin integriert, wie auch der Innenminister immer wieder betont.) Für Sie gehört ja auch das Christentum zu Deutschland, obwohl es in unserem Land aufklärungsfeindliche, fundamentalistische Vertreter dieser Religion gibt. Fast die Hälfte aller US-Amerikaner lehnt gar die Evolutionstheorie ab, weil sie die biblischen Schöpfungsberichte „voraufgeklärt“ wörtlich missversteht. Gehört das Christentum nicht dennoch zur Kultur der USA?

Sie, ebenso wie „Achtermann“, können das natürlich für das Christentum und für jede andere Religion bestreiten, weil Sie für eine strikte Trennung von Religion und Staat sind! Das aber ist eine andere, wenn auch durchaus berechtigte Diskussion, die ich aber jetzt nicht auch noch führe. Entfernt sie sich doch ebenfalls von der Intention meines Artikels:

Mir geht es stattdessen darum, ein elementares und notwendiges menschliches Bedürfnis auch der Muslime aufzugreifen, nämlich als soziales Wesen dazugehören zu wollen. Deshalb bestehe ich darauf, dass Muslime ohne einschränkende Vorbedingung, also keineswegs ohne Islam, zu Deutschland gehören!

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 31.01.2015 | 16:36

Anregende Mischung an Positionen und Quellen, mit denen sie sich da beschäftigt haben!

Ich habe von allen gelernt, weil – nach meiner Ansicht - alle auf ihre Art durchaus zutreffende Aspekte thematisieren.

Womöglich klingt Ihnen das nach einem zu belanglosen, relativistischen „view from nowhere“:

Aber wäre es nicht von geradezu gewalttätiger Einseitigkeit, ausschließlich eine dieser Positionen zu übernehmen wie z.B. die von Hamed Abdel Samad?

Zum zweiten Aspekt: Warum sollen wir nicht den Islam begrüßen (ohne ihn annehmen zu müssen), und zwar als die Religion unserer muslimischen Mitbürger, die zusammen mit allen Deutschen und ihren Religionen oder atheistischen Positionen zu Deutschland gehören?

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 31.01.2015 | 11:03

Beim Lesen der Ausführungen Ihrer und meiner angeblich wissenschaftlichen „Gewährsleute“ drängen sich mir Fragen auf:

Wäre es nicht sinnvoll, bevor wir über inhaltliche Details diskutieren, erst einmal unsere Voraussetzungen kritisch unter die Lupe zu nehmen?

Gehen wir tatsächlich wissenschaftlich unvoreingenommen vor, also ergebnisoffen? Passen wir unsere Hypothesen an die Fakten an und optimieren und verändern wir unsere Hypothesen kontinuierlich?

Oder gehen wir ideologisch, verschwörungstheoretisch von einer fixen Idee aus? Passen wir also im Gegensatz zur Wissenschaft die Fakten durch eine selektive Auswahl an unsere Vorurteile an?

Beschäftigen wir uns also auch mit der Religion, die wir hier verhandeln, differenziert und unvoreingenommen, also sowohl mit ihren inhuman-fundamentalistischen, aber eben auch human-aufgeklärten Aspekten? Berücksichtigen wir vor allem auch den Jahrtausende währenden innerreligiösen Kampf um diese Werte?

Wie ich mich mit der Unverzichtbarkeit auseinandersetze, Religion und ihre heiligen Texte historisch-kritisch und kontextual zu hinterfragen, können Sie meinem „Pegida-Artikel“ und den ausführlichen Kommentaren dazu entnehmen:

https://www.freitag.de/autoren/reinhard-salomon/pegida-und-die-juedisch-christlichen-werte

Dabei will es belassen.

Entfernt sich doch diese Diskussion immer mehr von der eigentlichen Intention meines Artikels. Zum Abschluss will ich daher zu ihr zurückkehren und Wulfs und Merkels Anliegen, das auch mir besonders am Herzen liegt, mit einem Zitat noch einmal bekräftigen:

„Ob der Islam zu Deutschland gehört, das ist eine Frage, die sich unter verschiedenen Aspekten beantworten lässt. Dieser Mehrdeutigkeit soll in diesem Artikel jedoch nicht nachgegangen werden.

Es geht vielmehr nur um Wulfs und Merkels Absicht, die sie mit ihrer Aussage verfolgen: Wollen doch beide den Muslimen zu Recht vermitteln, dass sie und damit auch ihre Religion mit den islamischen Wahrzeichen ohne Wenn und Aber zu Deutschland gehören, und zwar ebenso wie das Christentum und andere Religionen.“

RE: "Der Islam gehört zu Deutschland!" | 30.01.2015 | 20:00

„Es handelt sich also um Dinge, die eine Mehrheit der Bevölkerung im Sinne ihrer Selbstwahrnehmung als Deutsche unterstützt, mit der sie sich identifiziert, und die sie persönlich nicht aufgeben möchte. Dazu gehören etwa gewisse Grundzüge der christlichen Tradition …“

Wenn Teile der christlichen Tradition zu Deutschland gehören, wie Sie sagen, dann auch der islamische Traditionen. Denn auch diese stehen in einer vielfältigen Wechselbeziehung mit Europa und Deutschland und haben Spuren hinterlassen, die zum Kernbestand deutscher Kultur gehören: So lassen sich z.B. an Goethes Werk nachweisen, wie intensiv er sich mit dem Orient und auch Mohammeds beschäftigte und welches tiefe Verständnis er entwickelte. Sie zeigt sich auch im Inhalt des „Nathan“ von Lessing. In diesem Drama sind Nathan und Saladin Prototypen europäischer Aufklärungsideale, also ein muslimischer Sultan und ein Jude. Ungeachtet von Projektionen und historischer Authentizität, zeigt dies, wie eng in der „Selbstwahrnehmung“ deutscher „Geistesgrößen“, die bis heute verehrt werden, deutsche Kultur auch mit der islamischen verflochten war und ist.

Im Übrigen wecken Versuche, fein säuberlich Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen ziehen zu wollen, eher mein Misstrauen. Hängt nicht letztlich fast alles mit allem in wechselseitigen Einflüssen mit einander zusammen und sind darum nicht monokausale Ableitungen unangemessen …

Vgl. als Beleg eines Historikers mit vielen weiteren Beispielen unter anderem

http://www.zeit.de/2010/45/Kultur-Europa-Islam

Apropos Nathan! Wie ist das mit den Juden?

Ihr übergroßer Einfluss auf die deutsche Kultur und Wissenschaft ist bis heute unbestritten.

Dennoch wurde diese Minderheit lange von Deutschen als „Fremdkörper“ empfunden, diskriminiert und sogar vernichtet und auch heute gibt es noch Antisemiten …

Gerade in einer Zeit, in dem Präsenz und Einfluss der Juden in allen kulturellen Bereichen Deutschlands immens waren, galten Juden in der „Selbstwahrnehmung“ der meisten Deutschen als „undeutsch“.

Ist also das Kriterium der „Selbstwahrnehmung“ einer solchen Mehrheit für das, was zu Deutschland gehört, nicht allzu unsicher? Wenn die Ausgrenzung des angeblich nicht zu Deutschland gehörenden Juden völlig unzutreffend war, sollte uns das nicht in unserem Verhältnis zu Muslimen und dem Islam vorsichtiger machen?

RE: Pegida und die "jüdisch-christlichen" Werte | 27.01.2015 | 10:10

„Es würde mit Sicherheit sehr schwierig, Pegiden und gleich tickende Leute mit dem Substrat der Bibel überzeugen zu wollen.“

Das kann ich nach vielen Diskussionen leider nur voll und ganz bestätigen! Menschen, die solchen vereinfachenden und ausgrenzenden fixen Ideen anhängen, suchen sich stets nur das zusammen, was sie in ihren Vorurteilen bestätigt! Gegenargumente – und seien sie auch noch so stichhaltig - werden dagegen ignoriert. Die Ursache dafür sind wahrscheinlich tief liegende Ängste, die mit der Vernunft nicht zu therapieren sind …

Trotzdem werde ich weiterhin auch auf die Aufklärungsideale setzen.

Übrigens haben mich ihre konstruktiven Ausführungen zum „Abendland“ – Danke nochmals! - angeregt, in meinem Artikel einige wenige Änderungen vorzunehmen: insbesondere den Begriff des „Abendlandes“ als ironisches Pegida-Zitat kenntlich zu machen!