Die Sorge ums Digitale

Buchmesse Der E-Book-Markt wird in der Regel ausweichend behandelt, aus der Zukunft, die natürlich jeder zu kennen scheint, für die aber niemand etwas zu tun braucht?
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Die Sorge ums Digitale
Sorgenkind Ebook
Bild: Hannelore Foerster/Getty Images

Ist man mit seiner Arbeit in digitalen Märkten involviert, gilt ein Smartphone selbstverständlich als Voraussetzung. Doch wofür? Ich habe nicht einmal ein winziges Mobile. Was sollte ich mit einem sperrigen Smartphone?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Telefongesellschaft schlugen mir bereits viele Male vor, doch endlich erreichbar zu werden, worauf ich irritiert fragen konnte, ob sie mich nicht erreicht hätten? Aber, so gaben mir die Anrufer kund, sie hätten fantastische Angebote. Mehr als ein knapp gehaltenes Mitleid brachte ich jedoch nicht über die trockenen Lippen.

Im Rahmen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wurde ein sogenannter Orbanism Space eröffnet, der als Netzwerk der digitalen Communities angekündigt wurde. Weshalb sich Netzwerke in einem Space knubbeln oder verheddern sollten, blieb jedoch völlig unklar. Verbinden Netzwerke, wenigstens die Frage sei gestattet, nicht lange, bisweilen unwegsame Distanzen?

Auf einer der Veranstaltungsankündigungen (Mi., 14.10.2015) ist zu lesen: „Jeder hat (mindestens) ein Smartphone und nutzt das Smartphone jederzeit und überall zum Beispiel für Recherchen, Navigation sowie zum Lesen, Musik hören und zum Bezahlen über eine eWallet.“ Sorry, könnte ich antworten, ich lese an einem relativ kleinen Zweiundzwanzig-Zoll-Monitor und werde mir nicht einen grauen oder grünen Star wegen irgendwelcher lukenhafter Displays zulegen. Um auch Musik hören zu können, verwende ich ein separates Audiointerface und einen Studio-Kopfhörer. Mit jenem sonderbaren Telefon-Consumer-Teil, hätte ich anzumerken, wüsste ich nichts, aber auch gar nichts anzufangen.

Der Anteil von möglichen Lesern, die in Deutschland eBooks lesen, stagniert seit Jahren auf einem äußerst niedrigen Niveau. Je nach Umfrage lagen die Werte zwischen 4 bis 6 Prozent. Ähnlich gestalten sich auch die Ergebnisse der aktuellen Bitkom Umfrage (u.a.) für den Börsenverein des deutschen Buchhandels, die von diesem am 07. Okt. veröffentlicht wurden. Diesen geringen Anteil als Basis für Prognosen zu nehmen, wie und von wem in Zukunft was für eBooks gelesen werden, wäre äußerst fahrlässig. Man würde das Verhalten der verschwindend kleinen Menge als repräsentativ für umfänglichere Märkte ausgeben, die in Zukunft zu beobachten seien.

Die möglichen Leser digitaler Literatur, wieviel aus einem elektronischen Buch tatsächlich gelesen wird, bleibt völlig offen, die man weiterhin gleichsam an einer Hand abzählen könnte, nutzen der Umfrage nach überwiegend Laptops (41%), Smartphones (38%) und E-Reader (33%). Ein Lesegerät hat sich demnach nicht herausgebildet, auch nicht innerhalb der kleinen Gruppe. Vom Verkauf profitieren konnten bislang vor allem Selfpublisher, die mit ihren Titeln (überwiegend mit Genre-Titeln) in den Ranglisten der Shops weit oben stehen.
Die bisherigen Anstrengungen der Promoter, Vertriebler und Beschöniger haben zu nichts geführt. Kurz und bündig: Auf dem Markt ereignet sich weiterhin so gut wie nichts.

Der zentrale Unterschied zu den USA, wo eBooks bereits in der Vergangenheit einen Marktanteil von bis zu 22% (2013) erlangen konnten, liegt in der unterschiedlichen Buchhandelsdichte. In den Städten der USA an Bücher zu kommen, ist weitaus schwieriger als in Deutschland. Offensichtlich bietet sich dort nicht nur das Internet als Bestellmöglichkeit an, sondern auch der Kauf von eBooks, weil diese digitalen Produkte einfach über die Datenleitungen zu haben sind, keine Wartezeit entsteht.

Diese unterschiedlichen Bedingungen wurden seit dem Vertrieb von eBooks in Deutschland stets vernachlässigt, obgleich es sich um sogenannte ‚harte Fakten‘ handelt, die unabhängig von Geschmäckern gelten. Und je stärker man versucht, diesen Fakten in der Öffentlichkeitsarbeit auszuweichen, um so possenhafter wird sie. Um es separat hervorzuheben: eBooks sind im Rahmen der beobachtbaren Buchhandelsdichte in Deutschland nicht ohne Weiteres konkurrenzfähig!

Wenn Verlage, deren Papierprodukte im Handel ausgestellt werden, und auch Buchhändler keinen wirtschaftlichen Grund sehen, sich anders zu orientieren, wird sich in Deutschland auch nichts ändern. Niemand kann ernsthaft der alten Buchindustrie alles Schlechte wünschen, die Händler-Konkurrenz ist durch den Onlinehandel ohnehin härter geworden, den eBooks und ihren möglichen Käufern fehlt aber ein Image. Zum Vergleich: Regale voller Bücher beeindrucken, sie verbreiten ein Flair und weisen den Bücherliebhaber als besonderen Menschen aus, unabhängig davon, was und wieviel tatsächlich gelesen wurde. Regale voller Bücher gehören zum bürgerlichen Mobiliar, wie ein Fernseher und eine Musikanlage.

Bezieht man ein, dass auch technische Geräte zum bürgerlichen Flair gehören, ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass auch elektronische Bücher ein bürgerliches Heim finden könnten. Es wäre z.B. zu fragen, ob sich nicht Buch- oder Medienstationen einrichten ließen, beliebig positionierbar, auch auf einem sehr alten, aufgearbeiteten Sekretär, inklusive Verwaltungsprogramm und einem Speicher, der eine öffentliche Bibliothek fassen könnte. Details wären gesondert zu klären. Es muss die Menschen wuschig machen können, nach Bedarf auf etwas zuzugreifen, dass durch ein paar Regale nicht erreichbar ist. Und es wäre erforderlich, dass jeder Besucher z.B. lesen könnte: ‚BUCHSTATION‘. – Wow!

Der Beitrag wurde zuvor in drei Teilen in meiner private Kolumne veröffentlicht, auch eine Fake-Werbung (Youtube) für eine Buchstation ist bereits entstanden.

Zuvor veröffentlicht wurde der Artikel bei den Ruhrbaronen.

18:19 14.10.2015
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