Geschichten sind fragwürdig, oder?

Literaturkritik Die Arbeit eines Literaturkritikers hätte mit der erlangten Zäsur erst eine Chance zu beginnen, wenn ich richtig verstehe. Aber in welcher Weise Präferenzen setzen?
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Bei der erlangten Zäsur kann es nicht bleiben, mein wissenschaftlicher Erzähler. Literaturkritiker wie auch leidenschaftliche Blogbetreiber setzen nicht nur Präferenzen, sie müssen es auch. Die Masse an Veröffentlichungen ließe sich gar nicht bewältigen. Es wäre den Lesern oder Zuschauern gegenüber jedoch fair, wenn explizit deutlich würde, welches Segment sie interessiert, ob dies sachlich, z.B. mit einem Hinweis auf Sprache begründet wird, oder emotional, mit einem geäußerten Faible für Liebes- oder andere Fantasy-Geschichten. Pauschal Neuerscheinungen zu besprechen, ohne ihnen gerecht werden zu wollen, lässt ein Engagement leicht zur Farce werden.

Jene Differenz hat übrigens wenig mit der sogenannten Gate-Keeper-Funktion von Verlagen zu tun. Die Ausweitung der Produktionen, mit denen emotionale Bedürfnisse gereizt als auch befriedigt werden sollen, lässt sich aus vielen Verlagsprogrammen ersehen. Und es ist meiner Beobachtung nach auch der Bereich, der Selfpublisher am stärksten angezogen hat. Eine bemerkenswerte Konkurrenz.

Der Kritiker, Kathrina, der mit dem Einkaufswagen, mochte der nicht primär einfach strukturierte Geschichten? Nach einer Phase im Nachkriegsdeutschland, in der auch spielerisch mit Sprache umgegangen werden konnte, Theorie einfloss, Leser die Chance erhielten, in sprachliche und strukturelle Abenteuer geführt zu werden, begann eine für mich dröge Zeit, in der es auf dem Markt bloß noch darum ging, noch einen Roman und noch einen Roman auf den Auslagetischen zu platzieren. Was immer die Lektoren der Verlage auch anstellten, es mag im Rahmen der Überproduktion sogar wirtschaftlich erfolgreich gewesen sein, literarisch war es vergeblich.

Mir liegt es fern, eine Typologie von möglichen Vorlieben zu entwickeln. Für mich wäre relevant, dass auch Sprache und Form erkennbar einbezogen werden. Geschichten hingegen, für mich sind sie gar nicht erforderlich. Die letzten Markt-Jahrzehnte haben bei mir sogar einen massiven Widerwillen erzeugt. Längen nach Längen, Ödnis nach Ödnis. Anfang, Ende, mittendrin auch noch was. Geschichten einer möglichen Empirie, eingebettet in die Bedingungen der vorfindbaren. Wie einfallslos. Darauf kann ich verzichten. Da treffe und unterhalte ich mich lieber mit Menschen. Gehe einen Saufen. Nein. Von Literatur verlange ich mehr.

Die sogenannte postmoderne Literatur, ihr Begriff wäre wie 'Moderne' fachgerecht aufzudröseln, um auch ihn endlich loszuwerden, bringt seit langem mal wieder etwas Bewegung in die erstarrte literarische Welt. Manches erinnert an frühere Experimente, manches an Anhäufungen, jedoch exzessiver als in der guten alten bürokatischen Tradition. Solche Rückverweise auf die Ursprünge der Moderne, lösen die im deutschsprachigen Raum kein fachliches Interesse aus?

Die immer noch von deutschsprachigen Verlagen und Literaturkritikern präferierten Geschichten sind fragwürdig geworden, gleichgültig ob sie dramatisch oder rhetorisch aufbereitet wurden, sind leicht zu durchschauen, nichts um mich lesend aufzuhalten.

[Antwort durch: Überlege Dir gut, oder?]

23:55 08.07.2013
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