Profit oder Demokratie?

Twitter Der halbherzige Versuch des Konzerns, die Kontoverse über politische Werbung auf sozialen Medien beizulegen, lenkt von einem tieferliegenden Problem sozialer Medien ab
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Profit oder Demokratie?
Im Januar 2018 musste Twitter sich vor dem US-Senat für seinen Umgang mit politischer Werbung verantworten

Foto: Brendan Smialowski/AFP/ Getty Images

Während Facebook scheinbar immer tiefer im Sumpf seiner kontroversen Richtlinien bezüglich der Handhabe von Fake News in Form von politischer Werbung versank, machte Twitters CEO Jack Dorsey Ende Oktober kurzen Prozess: Es werde keine bezahlte politische Werbung mehr auf Twitter geben, erklärte er in einem Tweet. Eine politische Botschaft verdiene Aufmerksamkeit entsprechend der Anzahl ihrer Follower oder Retweets, Geld solle dabei keine Rolle spielen.

Für diese Entscheidung erhielt er viel Zuspruch, vermutlich auch wegen der andauernden Debatte auf Seiten Facebooks, wo man sich dazu entschieden hatte, politische Werbung in dieser Hinsicht weniger - anstatt wie auf Twitter schärfer - zu regulieren. Dorsey sieht sein Verbot als einen wichtigen Schritt an, eine in seinen Augen strauchelnde demokratische Infrastruktur zu stabilisieren und zu einem faireren Spielfeld für alle zu machen.

Jedoch meldeten sich schnell auch kritische Stimmen zu Wort, wie beispielsweise die des Ex-Google-Mitarbeiters James Williams, der inzwischen an der Universität Oxford zur Ethik von Technologie und Digitalität forscht. Er mahnt an, dass es sich bei diesem Schritt Twitter's lediglich um eine oberflächliche Maßnahme handle, die den Kern des Problems weit verfehle. Sie lenke viel mehr von der strukturellen Funktionsweise der Plattform ab, die demokratische Bedenken erst hervorriefen.

Damit spricht Williams eine Herausforderung an, der sich künftig viele digitale Plattformen stellen werden müssen. Dorseys Vision von einer fairen Umgebung für politische Botschaften für alle setzt nämlich viel drastischere Maßnahmen voraus, von denen Twitter genauso wie zahlreiche andere Plattformen ganz bewusst meilenweit entfernt ist.

Wenn Dorsey davon spricht, die Reichweite eines politischen Inhalts solle nur von „natürlichen“, plattforminternen Faktoren wie der Anzahl der Follower und der Likes und Retweets und nicht von äußeren Faktoren wie Geld abhängig sein, verklärt er damit die absolut künstliche und intransparente Wirklichkeit der Algorithmen, die darüber entscheiden, welche Tweets auf der Plattform gezeigt werden, welche Trends viral gehen und welche Inhalte unerwünscht sind und gelöscht werden.

Diese Algorithmen sind zentral für die Profitabilität der Plattform. Als ein werbefinanziertes Medium ist Twitter genauso wie viele andere digitale Plattformen darauf angewiesen, dass Nutzer*innen mit Inhalten interagieren und dabei Werbung konsumieren. Umso mehr Interaktionen auf der Plattform stattfinden, desto mehr Werbung kann geschaltet werden, was sich am Ende für Twitter als Unternehmen auszahlt.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass eine Verrohung des politischen Diskurses mit seiner Digitalisierung einhergeht. Es sind gerade die polarisierenden, empörenden und hasserfüllten Kommentare und Beiträge, die besonders viele Reaktionen auf Sozialen Medien hervorrufen und dann, sobald eine bestimmte Schwelle überschritten wird, noch von Algorithmen aufgegriffen und als Hashtag prominent auf der Website platziert werden. Daher ist es sicherlich auch kein Zufall, dass beispielsweise der US-Präsident Donald Trump als Meister der Polarisierung und Empörung gerade Twitter zu seinem Sprachrohr in die Welt gemacht hat. Für demokratische Prinzipien, die auf gegenseitige Verständigung und Toleranz angewiesen sind, stellt diese Entwicklung des politischen Klimas eine enorme Hürde dar.

Diesem Furore-Gewitter gegenüber stehen politische Inhalte, die das Flair und die Attraktivität des Skandals nicht für sich beanspruchen können, mit der sich keine Mehrheit instinktiv identifizieren kann oder die aufgrund ihrer Komplexität der erforderlichen Kürze und Schnelllebigkeit auf Twitter nicht entsprechen können. Diese Inhalte werden von der Masse ihrer aufmerksamkeitsheischenden Konkurrenz schlicht verschluckt.

Wenn Dorsey nun also verkündet, er wolle Twitter demokratiefreundlicher machen, indem er die Macht des Geldes im politischen Diskurs beschränkt, ist das im besten Falle ein gut gemeinter aber äußerst kleiner Beitrag zu mehr Fairness. Im schlechteren Fall ist es jedoch ein Versuch, über die enorme Macht von auf Profit getrimmten Algorithmen hinwegzutäuschen und sie als neutralen, fast schon natürlich anmutenden Faktor zu verkaufen, um so das Geschäftsmodell und die damit einhergehende Verantwortung des Unternehmens aus dem Kreuzfeuer zu halten.

Der noch in seiner Ankündigung untergebrachte Hinweis auf die „enorme Wirksamkeit der angebotenen Werbe-Leistungen Twitters für privat-wirtschaftliche Unternehmen“ könnte ein Indiz dafür sein, welchem Motiv er sich eher verpflichtet fühlt.

Die Debatte um politische Werbung auf sozialen Medien entflammte vor allem wegen der umstrittenen Entscheidung Facebooks, den Inhalt politischer Werbung nicht auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen und auch eindeutig irreführende Werbung nicht zu löschen.

09:02 10.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mathis Römer

Studiert Philosophie, Politik und Wirtschaft an der Universität Leiden, Themenschwerpunkte insb. Aufmerksamkeitsökonomie und Medienkritik.
Mathis Römer

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