Ein einziges rotes Tollhaus: Hertha Walchers Traum von der Revolution

Biografie Die deutsche Autorin Regina Scheer erzählt in „Bittere Brunnen“ das Leben einer Freundin – der Kommunistin Hertha Gordon-Walcher
Ausgabe 33/2023
Die Kommunistin Hertha Gordon-Walcher
Die Kommunistin Hertha Gordon-Walcher

Foto: Penguin Verlag

Es war zwar kein Zeichen, aber ein Wunder, dass ein dickes Buch über das Leben der Kommunistin Hertha Gordon-Walcher den diesjährigen Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhielt. Gordon-Walchers Leben ist dabei emblematisch für das von Frauen in der kommunistischen Bewegung im 20. Jahrhundert: als Sekretärinnen, Kurierinnen, Ehefrauen standen sie selten in der ersten Reihe, waren in der oft konspirativen Arbeit jedoch unverzichtbar.

Über ihren Mann Jacob Walcher, Schüler Rosa Luxemburgs und charismatischer Gewerkschafter der KPD, später der KP-Opposition und der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), findet man Fachliteratur. Regina Scheer hat mit der Biografie Hertha Walchers ein Vermächtnis erfüllt. Von beiden erfuhr sie bereits als Kind liebevolle Zuneigung und blieb ihnen bis an ihr Lebensende eng verbunden. Die Demütigungen, die sie als Rückkehrer aus dem West-Exil in der DDR erlitten, machten es Hertha auch nach Rehabilitierung und staatlicher Ehrung unmöglich, selbst über ihre Erfahrungen zu schreiben, die ein offiziell ausgeblendetes Kapitel der Arbeiterbewegung betrafen. Doch mit ihren Erzählungen über ihr und Jacobs Leben und die zahlreichen Sackgassen, in die die deutsche Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert geriet, trug sie zu Reginas kritisch-wacher Haltung bei. Aus Erinnerungen, alten Notizen und enormer Recherchearbeit entstand das Buch.

1894 in eine arme jüdische Familie in Königsberg geboren, nutzte Hertha die von einer Wohltätigkeitsorganisation in London gebotene Chance der Ausbildung zur Sekretärin. Von den Suffragetten inspiriert, trat sie in Kontakt mit Clara Zetkin, der damaligen Herausgeberin der SPD-Zeitschrift Gleichheit. Als ihre Sekretärin wurde sie von der zur KPD wechselnden Zetkin ins revolutionäre Moskau gesandt. Lenin kommandierte sie zur Sekretärin Karl Radeks. Als mit riskanten organisatorischen Aufgaben betraute Gefährtin Jacob Walchers durchlebte sie die Konflikte der KPD zunächst unter der linksradikalen Ruth Fischer, später unter dem Stalin-treuen Thälmann – bis zum Ausschluss und Wechsel zur KPO und später zur SAP. Schließlich das nur mit Geschick und einigem Glück bewältigte Exil in Frankreich und den USA.

Scheer konzentriert sich auf die Richtungsstreitereien der linken Bewegung, besser gesagt, ihrer Intellektuellen, die in Spaltungen und Verrat bis hin zur stalinistischen Mordmaschinerie führten. Da der größere Kontext nur kursorisch berührt wird, erscheint diese Geschichte als einziges Tollhaus, als das sie von den Betroffenen ja auch erlebt wurde. Durch den Fokus werden indes auch Details sichtbar, die im großen Überblick oft untergehen. Interessant ist beispielsweise die menschliche Haltung Wilhelm Piecks: Er schützte die Walchers vor Rachegelüsten Walter Ulbrichts, der Jacob wohl immer als Konkurrenten sah.

Der Freund Willy Brandt

Der sicher bedeutendste Strang des Buchs ist die Beziehung der Walchers zu Willy Brandt, Jacobs Lieblingsziehsohn aus der SAP-Zeit. Scheer zeichnet das Auseinanderdriften nach: Während Brandt wegen des ins Unmenschliche abgleitenden Stalinismus die Chance sah, demokratischen Sozialismus mit der Sozialdemokratie zu realisieren, entschieden sich die Walchers – trotz allem –, in der Sowjetunion den Garanten sozialistischer Zukunft zu sehen. Dennoch blieb Brandt ihnen persönlich verbunden. Und als sie in der frühen DDR in Gefahr schwebten, bot er ihnen sicheren Transfer nach Westberlin an. Über seine Zeit als Bürgermeister und Bundeskanzler sowie seinen Sturz sind Walchers Kommentare spärlich, weil Regina, die nur den in der DDR verteufelten Brandt kannte, nicht gefragt hatte.

Scheer sieht sich nicht als Sachbuchautorin. Sie steht für ein Genre, das historische Recherchen mit mitfühlenden und subjektiven Perspektiven verbindet. Der globale Kontext des Tollhauses – der Kampf gegen den faschistischen Gegner – bleibt etwas unterbelichtet.

Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution Regina Scheer Penguin 2023, 704 S., 30 €

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