Sarah Khan
Ausgabe 1917 | 12.05.2017 | 06:00 3

Auf Augenhöhe

Boulevard Homestory hin, Homestory her – der Fall Albig zeigt, dass die SPD immer noch ein Frauenproblem hat

Auf Augenhöhe

Die Niederlage in Schleswig-Holstein liegt auch an der Personalpolitik der SPD

Foto: Morris MacMatzen/Getty Images

Jetzt fragen sich viele, ob die SPD in Schleswig-Holstein ihren Regierungsauftrag an die CDU verlor, weil der amtierende Ministerpräsident Torsten Albig es nicht lassen konnte, zwei Wochen vor der Wahl in der Friseursalonzeitschrift Bunte seine neue Lebensgefährtin Bärbel Boy – eine 48-jährige Strategieberaterin – vorzustellen. In einer hübsch durchgeknallten Homestory, die in eine Kieler Konditorei verlegt wurde, pries Albig ein gemeinsam erlebtes Heilfasten mit seiner neuen Freundin an (fünf Kilo runter!) und stellte seine Noch-Ehefrau Gabi als Heimchen am Herd dar, mit der er nach 27 Jahren Ehe keine Gespräche „auf Augenhöhe“ mehr führen könne. Von klugen Eulen, Frühstücken im Patchworkkreis und liebevollen Parmesan-Balsamico-Mitbringseln für die neue Freundin war auch noch die Rede.

Mag sein, dass das Bunte-Interview ungeschickt inszeniert und peinvoll zu lesen war. Aber Häme ist unangebracht. Menschen träumen nun mal gerne, vorzugsweise von sich selbst, und um diese Träume zu erfüllen, lieben sie, denn Liebe verwandelt die Welt. So legte es schon der große Menschenforscher Klaus Theweleit 1990 in seinem Bändchen Objektwahl dar, in dem er produktive Liebespaare untersuchte – die Freuds, die Hitchcocks – und im Detail darstellte, wie die Männer in diesen Paarungen es immer wieder schafften, durch die Frau – die „mediale Frau“, heißt es bei Theweleit – sich selbst zu übertreffen. Aber die Objektwahl ist heute nicht mehr das, was sie mal war, und Theweleit hätte ruhig auch die große Zahl unproduktiver Objektwahlen untersuchen sollen. Manch Mächtigem entglitt die Karriere schon durch die Fixierung auf einen falschen Partner. Viele erinnern sich dieser Tage an Rudolf Scharpings Badetag mit Gräfin Pilati, der 2001 ebenfalls in der Bunten dokumentiert war und den damals geplanten Auslandseinsatz der Bundeswehr konterkarierte (Fußnote: 2016 vermeldete die Bunte dann wiederum die Trennung von Scharping-Pilati).

Auch Torsten Albig erkannte trotz Strategieberaterin an der Seite nicht, dass das Heimchen am Herd eine Objektwahl erster Güteklasse sein kann, um Ministerpräsident zu werden – oder zu bleiben. Wie auch bei Stoiber und Seehofer: Bei jenen bleibt, egal was sonst im Leben so geschieht, die angestammte Ehefrau im Haus die Gralshüterin ihrer Macht. Solche Ordnungsvorstellungen scheinen auch bei den protestantisch geprägten Wählern Schleswig-Holsteins noch verbreitet.

Doch Gabi hin, Bärbel her, der Fall Albig zeigt auch, dass die SPD immer noch ein Frauenproblem hat. Es gibt zu wenige Frauen auf den Führungsebenen. Die Schwesig, die Nahles, die Schwan, die Kraft – soll das alles gewesen sein? Bei der CDU sieht es von der Basis bis kurz vor die Spitze noch ärmer aus, was letztes Jahr insbesondere die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends aufzeigte, oder die frauenfreie Landesliste der Hamburger CDU für die kommende Bundestagswahl deutlich macht. Nur können hier die Mechanismen der Frauenunterdrückung hinter einer Kanzlerin versteckt werden. Ein Indikator für Chancengleichheit wäre es, wenn einmal eine Politikerin mit ihrer Objektwahl auffällt, mit grenzenloser Liebesblödheit und verstrahlten Fotos in Gala oder eben: Bunte. Auf diesen hoffentlich nicht allzu fernen Tag freue ich mich schon.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 19/17.

Kommentare (3)

Richard Zietz 12.05.2017 | 22:19

Ich persönlich finde Albigs seinerzeitigen Vorschlag, die SPD möge 2017 auf einen eigenen Kanzlerkandidaten verzichten, weitaus bedeutsamer und aussagekräftiger. Hat er sich damit doch als Gegner einer sozialdemokratischen Reformpolitik hinlänglich profiliert. In dem Sinn, denke ich, ist auch die »mißglückte« Homestory zu verstehen. »Mißglückt« in Anführungszeichen: Immerhin hat er mit seiner Spusi-Geschichte in der gala erfolgreich dazu beigetragen, den derzeitigen Kanzlerkandidaten der SPD nachhaltig zu beschädigen.

In dem Sinn: einen Balsamico.