Gegen die Ohnmacht

Ukrainekrise Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat viele Europäer*innen hilflos zurückgelassen. Doch manche machen sich auf den Weg, um zu helfen, wo es geht – so wie drei junge Menschen aus Bayern. Ein Protokoll der letzten Tage
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Tag und Nacht kommen Flüchtende in der polnischen Grenzstadt Medyka an
Tag und Nacht kommen Flüchtende in der polnischen Grenzstadt Medyka an

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Blau-weiße Zelte reihen sich an der Grenze zur Ukraine. Säckeweise stapelt sich die Kleidung, Hilfslieferungen werden ausgeladen. Gegen die Nacht haben polnische Hilfskräfte Scheinwerfer aufgestellt. Es ist kalt in der behelfsmäßig aus dem Boden gestampften Unterkunft für Flüchtende aus der Ukraine. Doch die Rettungsaktionen und Hilfsangebote laufen an diesem Checkpoint in Medyka, Polen, zusammen.

Jana Jergl und Alexander Gertz sind zwei der Menschen, die hierhergekommen sind, um zu helfen. „Schon länger standen wir mit einer Frau in Kontakt, die versucht hat, aus der Ukraine zu fliehen, und haben versucht, von daheim aus zu helfen“, erzählt Jergl. „Irgendwann habe ich beschlossen: Okay, so geht das nicht mehr, wir müssen mehr tun. Wir holen die jetzt ab, wenn sie und ihre Kinder es zur Grenze schaffen.“

Obwohl schnell klar ist, dass sie es nicht schaffen würde, fahren Jergl und Gertz an die Grenze. Über zehn Stunden sind sie unterwegs, den Kleinbus bis obenhin vollgepackt mit Hilfsgütern. Decken gequetscht hinter Volvic-Flaschen, Hygieneartikel unter Konservendosen, eine gerollte Matratze thront über allem. Die Spenden kommen von vielen Menschen, die sich gegen diesen Krieg auflehnen.

In der Nacht auf den 24. Februar hat Putin mit dem russischen Militär die Ukraine überfallen. Hunderttausende sind auf der Flucht vor der Gewalt. Viele von ihnen kommen in Polen an, wollen aber weiter nach Westen. Hilfsorganisationen und Freiwillige haben sich nach dem ersten Schock schnell organisiert, so wie Jergl und Gertz. Auf ihrer ersten Fahrt an die Grenze zwischen Polen und der Ukraine liefern sie Hilfsgüter und bieten eine Mitfahrt.

Hilfsgüter für ukrainische Flüchtende

Am Montag morgens um sieben machen sich die zwei auf den Weg, das erste Auto springt nicht an, doch ein zweiter Wagen ist schnell organisiert. Sie kaufen groß ein, legen hunderte Euro Spenden aus, und packen die Lebensmittel den Sachspenden in den Wagen. Schon zwei Tage vorher liefen die Aufrufe nach Medikamenten, Decken, Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Auch Geld wird gebraucht – Sprit ist teuer.

„Alex kann zum Glück Russisch, das hat unsere Planungen sehr erleichtert“, erklärt Jergl. Gertz ist Russlanddeutscher, wie er sich selbst bezeichnet, und hat humanitäre Hilfe im Donbass geleistet. „Als es eskaliert ist war mir klar, dass ich etwas tun muss“, sagt er, und stellt klar: „Diese Situation ist von sehr vielen russischen und russischstämmigen Menschen nicht gewollt.“

In Medyka, dem polnischen Grenzort, der gleichzeitig als Auffanglager dient, kommen Jergl und Gertz abends um zehn an. Sie sind durchgefahren, doch zum Rasten bleibt keine Zeit – zu kalt und voll und gefährlich. „So viele Flüchtende zu sehen, das hat schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, erzählt Gertz. „Es war extrem kalt im Lager, viele der Flüchtenden waren gestrandet, es war wirklich krass zu sehen.“

Doch die Ortskräfte sind erfahren, alles geht schnell. „Die Kräfte vor Ort haben unsere Sachspenden entgegengenommen, dann sind wir zu der Haltestelle, an der die Busse aus der Ukraine im Viertelstundentakt ankommen“, erzählt Jergl. „Dort werden die Menschen an Freiwillige weitervermittelt, die sie abholen.“ Eine Mutter mit drei Kindern, zwei alleinstehende Frauen und ein alter Mann werden ihnen zugewiesen

Elend in den Lagern

Die polnischen Hilfskräfte sind gut organisiert: „Die Situation in dem Auffanglager war relativ stabil“, erklärt Jergl. Trotzdem kann man hier nur Nothilfe leisten. „Die Menschen haben gefroren, standen teilweise schon mehrere Stunden an“, erzählt die junge Frau. „Und was uns besonders gezeigt hat, wie grausam das alles grad ist, war die Situation von anderen Geflüchteten aus Transitländern: Diese haben kaum eine Perspektive, denn es gibt keine Menschen, die sie mitnehmen können, weil sie ohne Pässe oder andere Dokumente nicht weiterreisen können.“

In den sozialen Medien gab es in den letzten Tagen große Diskussionen um den Rassismus. Tatsächlich hat Jergl viel Elend beobachtet: „Man hat uns gefragt, ob zwei junge schwarze Flüchtende kurz in unserem Bus schlafen könnten, sie seien schon ewig unterwegs“, erzählt sie. Es liegt jedoch an den Strukturen, erklärt die junge Frau: nicht jede*r einzelne Helfer*in entscheide, diese Personen nicht mitzunehmen, sondern das europäische Asylsystem, das keine Grenzübertritte ohne gültige Pässe oder Visa erlaube. Das kreiert Elend.

In der Nacht wird wenig gesprochen. Gertz, der Russisch beherrscht, versucht Kontakt aufzunehmen. Doch er stellt fest: Die Menschen sind übermüdet. In den frühen Morgenstunden passieren sie die deutsche Grenze, um elf Uhr kommen sie in Nürnberg an. Dort werden sie abgelöst, setzen die Weiterreisenden in den Zug, geben ihnen Geld mit. Übernächtigt aber erleichtert, so beschreibt Jergl ihren Zustand.

Die letzte Frau bringen sie auf dem Heimweg in Ingolstadt unter. Um zwei Uhr nachmittags ist Jergl wieder Zuhause, Gertz sitzt im Zug Richtung Kassel – fürs erste.

Polnisch-russische Grenze, Klappe die zweite

Zwei Tage später steigen Jana Jergl und Alexander Gertz wieder ins Auto – diesmal hat sich Christian Pauling den beiden angeschlossen. Dass es eine zweite Hilfsfahrt geben musste, stand schon kurz nach der Rückreise fest: „Zwei Stunden, nachdem wir zurück in München angekommen sind, habe ich eine Nachricht von Irinas Mann bekommen, dass sie jetzt doch eine Mitfahrgelegenheit an die Grenze bekommen hat“, erklärt Jergl. Irina, das ist Jergls ukrainischer Kontakt. Die zweite Fahrt war also genauso spontan wie die erste, meint Gertz.

Auch an diesem Mittwoch ist das Auto vollgepackt, Medikamente, Decken, Hygieneartikel. Ein georgischer Speditionsunternehmer gibt ihnen in Nürnberg weitere Spenden mit. 200 Kilometer vor der Grenze wird noch einmal ordentlich getankt. „Danach sind alle Tankstellen leer“, erklärt Christian Pauling. „Das ist echt praktisch, dass wir Alex dabei haben, der spricht nämlich Russisch und kann sich in den lokalen Telegramm-Gruppen schlau machen, der ist super informiert, was los ist.“

Spät abends kommen sie am Grenzübergang an, diesmal in Ustyluh. Eigentlich ist Irina auch schon da, doch sie steht in einer hunderte Meter langen Schlange am Grenzübergang. „Ein Bekannter von Irina steht für sie in der Schlange, denn alle Autos wurden angehalten und es wird zu Fuß geregelt“, erklärt Alexander Gertz. „Sie sitzt noch mit ihren Kindern im Auto, um sich aufzuwärmen. Die Schlange, in der ihr Bekannter steht, ist jetzt 300 Meter lang, und anscheinend gab es jetzt auch die letzten zwei Stunden sehr wenig Bewegung.“

Ein häufiges Phänomen. Flüchtende berichten von Stunden, die sie mit Warten oder Wandern zugebracht haben. Viele müssen ihre Autos zurücklassen, die Schlange liegengelassener Autos zieht sich. Trotzdem hoffen die Helfenden, dass bald Bewegung in die Sache kommt. „Wir hoffen, dass sich das bald verändert“, erklärt Gertz. „In fünf Stunden sind wir da, und dann haben wir sie hoffentlich endlich.“

Angst vor Menschenhändlern

Sie werden an einen anderen Grenzort verwiesen, 700 Kilometer weiter. Dort sollen sie ihre Sachspenden abgeben. Vor da bringen sie eine Familie in die nächste Stadt, die dort in einem Auffanglager unterkommen kann. Da treffen sie weitere Personen, die mit nach Deutschland wollen: Eine junge Frau mit Tochter und deren gehbehinderte Mutter, die sie mitnehmen können.

Die Reise ist als alleinstehende Frau nicht ungefährlich. „Ich fand es schockierend, dass uns die Ehrenamtlichen gesagt haben, dass wir vertrauenswürdig aussehen, und dass wir uns doch bitte registrieren sollen, wenn wir Fahrten machen mit den Frauen und Familien – weil Menschenhändler unterwegs sind, die Frauen mitnehmen und verschleppen“, erklärt Pauling. „Das sei bitter, aber Realität, sagte mir ein Helfer.“ Die Situation ist gefährlich.

„Auch der Kontrast von der ersten Fahrt zur zweiten jetzt von Mittwoch auf Donnerstag, der war extrem“, erklärt Gertz. „Diesmal hat man richtig gesehen, dass es eine humanitäre Krise, eine Katastrophe ist. Sporthallen gefüllt mit Menschen, schreiende Kinder, komplett übermüdete Helfende. Das war schon sehr heftig.“ Die Situation an den Checkpoints sei immer unübersichtlicher, erklärt er. Weil man die Ströme an Flüchtenden nicht absehen kann, sind an verschiedenen Orten immer wieder Helfende und Strukturen überfordert. Trotzdem sei die Hilfsbereitschaft grenzenlos, weil alle wüssten, wie wichtig es sei.

Spät nachts können sie dann auch Irina und ihre beiden Kinder mitnehmen. Zusammen machen sie sich auf den Weg nach Deutschland. In Cottbus lassen sie die ersten aussteigen, erst spät abends kommen sie Zuhause wieder an. Auf der Rückfahrt werden schon die nächsten Aktionen geplant – denn der Kriegsverlauf bleibt ungewiss.

Tatsächlich kann Deutschland aber nicht sie alle retten. „Wir haben auf dem Rückweg erst erfahren, dass eine der Frauen nicht in Deutschland bleiben kann“, erzählt Jergl bitter. „Sie wird in einer Woche in die Ukraine zurückfahren, ihre Tochter hier bei Verwandten lassen – denn sie muss ihrem Sohn beistehen, der in der Ukraine zurückbleiben musste.“

Weitere Hilfsfahrten sind für die nächsten Tage geplant - um die Situation ein bisschen erträglicher zu machen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

60. Kompaktklasse an der Deutschen Journalistenschule in München
Sarah Kohler

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