Wo bleiben die kritischen Intellektuellen?

Rezension Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte. Jetzt wären politische Entwürfe über den Tag hinaus dringend erforderlich – doch die fehlen. Eine Verlustanzeige
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Wo bleiben die kritischen Intellektuellen?
Willi Jasper vermisst sie: die kritischen Intellektuellen Europas

John MacDougall/AFP/Getty Images

Am kürzlich zu Ende gegangenen Bundestagswahlkampf wurde zurecht kritisiert, er sei über weite Strecken hinweg inhaltsleer geblieben. Der Entscheid der Wähler*innen ist selbst Ausdruck dieser Leere: Weiter so, doch anders – aber wie? Die Bürger*innen sollten nicht durch allzu kühne Zukunftsentwürfe verschreckt werden. So blieben auch bei jenen politischen Kräften, die einen gesellschaftlichen Wandel anstreben, die Visionen ziemlich blass. Versuche, die Diskussion mit neuen Gedanken zu beleben, erwiesen sich (wie das Buch von Sahra Wagenknecht) als rückwärtsgewandt, teilweise sogar reaktionär, oder von Anfang an als Rohrkrepierer (wie die Veröffentlichung von Annalena Baerbock).

Mit Wissen und Witz geführte intellektuelle Debatten? Fehlanzeige! Dies ist die Diagnose des Kulturwissenschaftlers Willi Jasper. Seine Veröffentlichung erschien allerdings bereits vor der Eröffnung des Wahlkampfes und bezieht sich auf den Zustand nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Intellektuellen. Haben sie so etwas wie ein «Projekt», mit dem sie sich auseinandersetzen und für das sie streiten? Hier fällt die Bilanz eher düster aus. In manchen Analysen kommt zum Ausdruck, dass es sich bei der Europäischen Union um ein neoliberal geprägtes Vorhaben handelt, das die Spaltungen in Europa vorantreibt. Doch bei der Frage nach den Alternativen bleiben die meisten Denker*innen stumm.

Gibt es noch Platz für kritische Intellektuelle? Sind nicht eher die Strategieberater*innen gefragt, die der politischen PR-Story den richtigen Dreh geben sollen? Heute haben Intellektuelle nicht den besten Ruf. Das war auch schon einmal anders, wie Jasper am Beispiel des französischen Schriftstellers Émile Zola und dessen Engagement im berühmten Dreyfus-Prozess zeigt. Solche Intellektuellen sollen an der Seite des Volkes stehen, aber sie müssen nicht «volkstümeln». Dazu bedürfen sie einer gewissen Distanz zur herrschenden Macht – ohne sich mit dieser abzufinden.

Willi Jasper beschreibt das Spannungsverhältnis an den Figuren von Faust und Mephisto: Faust ist der «Macher», Mephisto der alles in Frage Stellende. In der Geistesgeschichte erhielt Faust einen vielen höheren Rang als Mephisto. Für den verstorbenen Friedensforscher Ekkehard Krippendorff verkörperte Mephisto hingegen den «fruchtbaren Intellektuellen», der das faustische Projekt totaler Naturunterwerfung grundsätzlicher Kritik unterwarf.

Aus Fehlern lernen

Vor dieser Frage stehen wir auch heute: Welchen Weg müssen wir gehen, damit der Klimakrise Einhalt geboten werden kann und soziale Gerechtigkeit weltweit keine hohle Phrase bleibt? Welche Rolle soll Europa einnehmen im Verhältnis zu einer absteigenden Supermacht USA und den aufsteigenden Mächten des Ostens (China!) sowie des globalen Südens? In dieser Auseinandersetzung könnte, so schlägt Jasper vor, auf eine geschichtliche Gestalt zurückgegriffen werden, welche die westdeutsche Nachkriegsgeschichte wesentlich prägte: den Sozialdemokraten Willy Brandt.

Dieser Vorschlag wirkt auf den ersten Blick sehr erstaunlich, denn Willi Jasper war ein führender Kopf der außerparlamentarischen Opposition, die sich im Anschluss an die erstmalige Beteiligung der SPD an einer Bundesregierung gebildet hatte. Er weist aber darauf hin, dass Brandt durch seine Erfahrungen im antinazistischen Widerstand geprägt worden sei und eine positive Haltung gegenüber Versuchen einer antifaschistischen «Volksfront» bewiesen habe. Brandt zeigte sich interessiert an intellektuellen Auseinandersetzungen. Das lässt sich von seinen Nachfolger*innen im links-grünen Lager kaum behaupten.

Was tun? Jaspers Buch konzentriert sich auf den Versuch einer Diagnose der gegenwärtigen Zustände – in der Hoffnung, diese überwinden zu können. Dazu bedarf es einer Alternative zum neoliberalen «Weiter so» und auch zu bloß «grün» gefärbten Versuchen, das System zu retten. Und selbstverständlich sind auch die neokonservativ-nationalistischen, teilweise sogar neofaschistischen Kräfte gar keine wahrhafte «Alternative». Wo bleibt also das «linke Hegemonieprojekt», das Jasper einfordert? Bislang noch in einiger Ferne. Doch aus gemachten Fehlern kann gelernt werden. Es wäre gut, dazu den «freien und einklagenden Geist der kritischen Intellektuellen» (Jasper) zu hören.

Willi Jasper: Faust oder Mephisto? Europas Intellektuelle – eine aktuelle Krisengeschichte. Dietz Verlag Bonn 2021, 182 Seiten

Willi Jasper: Faust oder Mephisto? Europas Intellektuelle – eine aktuelle Krisengeschichte. Dietz Verlag Bonn 2021, 182 Seiten

15:34 11.10.2021
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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