Reinkarnation

„Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“ Albert Camus
Reinkarnation
RE: Der Phallus-Träger denkt nach | 07.03.2021 | 09:13

Womit wir wieder bei der Emotionalisierung politischer Debatten wären. Aus vielen Opfervertretungen sind mittlerweile lukrative Geschäftsmodelle geworden, aus Sicht von staatlichen Fördermitteln würde ich hier sogar von einer veritablen Opferwirtschaft sprechen.

Es geht schon lange nicht mehr alleine darum, Opfern eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu ermöglichen. Sondern immer mehr auch darum, neue Benachteiligungen zu schaffen und zu festigen. Es geht also, wie könnte es auch anders sein, um Macht und Machterhalt. Wenn‘s eng zu werden droht, wechselt man natürlich sofort in den *kreisch!*-Modus. Das ist ein vergleichsweise neues Vorgehen. Und erst dank der asozialen Medien möglich. 400 Zeichen. Über Form und Inhalt dieser Kommunikationsstufe- stellt sie wirklich einen Fortschritt dar?- haben wir uns ja schon einmal unterhalten. However: Erwähnter *kreisch!*-Modus verursacht bei den Adressaten ganz zuverlässig die notwendigen Schuldgefühle. Das wirkt immer. In unserer überreizten Dauererregungskultur sowieso. Taschenspielertricks eigentlich. Und nicht einmal besonders raffiniert. Aber sie verfangen. Bislang zumindest noch.

RE: Der Phallus-Träger denkt nach | 07.03.2021 | 05:15

Danke. Mehr Konzilianz wäre langsam angesagt, und zwar für die Betonköpfe auf beiden Seiten. Hass ist keine Lösung. Dabei spielt es gar keine Rolle mehr, wessen Hass zuerst war. Die Frage nach dem Huhn oder dem Ei spaltet nur noch mehr. Wichtig ist, dass der innere Feind unserer ohnehin schon stark beschädigten Debattenkultur langsam kenntlich gemacht wird. Und dass darüber endlich auch gesprochen wird. Das grosse, schamhafte Schweigen- und zunehmend auch die Angst vor anonymer Repression aus dem Netz- scheint endlich ein Ende zu haben. Abgehängte Kunstwerke, zensierte Weltliteratur, Vorlesungen, die abgesagt werden müssen und Existenzen die ohne Beweise und nur auf Verdacht hin vernichtet werden: Niemand wünscht sich solche Zustände; niemand braucht diese Verdachtskultur!

RE: Der Phallus-Träger denkt nach | 07.03.2021 | 03:10

Abschliessend noch ein paar Gedanken zum „Sprachkampf“. Der Thread hier ist bereits so lange, dass ich hier in der Ferne Mühe habe, die Seite fehlerfrei zu laden.

Der für mich optimale Sprachgebrauch sähe vor, in einem Text sowohl die weibliche als auch die männliche Form abwechselnd einzusetzen. Die Sonderzeichenversion sieht nur noch die Bäcker:in, die Automechaniker:in oder die Autofahrer:in vor. Eingesetzt wird diese Form ebenfalls, aber nur punktuell, da Transmenschen nachweislich bestenfalls 5% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Natürlich gibt es Auftragsstudien, die diesen Anteil bei mindestens 15% verorten. Aber ein Blick in die Lebenswirklichkeit wiederlegt diesen Befund augenblicklich. Einen Transmenschen sieht man in Mitteleuropa bestenfalls alle Wochen ein, zwei Mal. Alles andere ist gelogen. Oder politisch frech zurecht gebogen. Ein solcher Sprachgebrauch wäre auch ästhetisch verkraftbar. All die Ideo_log/x/Innen/innen/*innen/innen+ usw. kann man getrost über Bord gehen lassen, da ohne jeden erkennbaren Nutzen, bzw. Sinn.

Was den übergeordneten Kontext anbelangt, in den dieser Sprachkampf eingebettet ist: Der Hass muss verschwinden! „Ich hasse Mönner“: Was soll der Scheiss? Man ersetze Männer doch einmal durch Juden, Schwarze oder Chinesen. Das ist Linksfaschismus. Oder einfach typisch akademischer Bullshit, wie man ihn sich halt aus ganz bestimmten Bereichen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten lamgsam gewohnt ist. Hashtags wie #killallmen oder #allmenaretrash, usw. entpringenen derselben, kranken Ideologie. Und nein, das sind alles keine Einzelfälle mehr. Und nochmals nein: Hier handelt es sich auch nicht um Ironie, Humor oder Ähnliches [hahaha?], sondern um puren, unverstellten Hass, der durch nichts! zu rechtfertigen ist!! Alte, weisse heterosexuelle Männer? Derselbe Female-Supremacy-Bullshit! Man fragt sich manchmal, wie tief das Niveau vornehmlich akademisch geprägter Debatten denn noch sinken kann. Das geht ja langsam zu und her, wie früher auf dem Schulhof: Meiner ist grösser als deiner, bäääätsch! Bestimmte Akademiker sind offenbar entwicklungspsychologisch auf dem Niveau von einem Kleinkind stecken geblieben. So viel zur wachsenden Infantilisierung politischer Prozesse.

Lasst uns wieder Debatten führen, die geprägt sind von Logik, Folgerichtigkeit, Vernunft und Stringenz. Wir befinden uns doch nicht in einem Tollhaus! Oder im Kindergarten.

RE: Der Phallus-Träger denkt nach | 06.03.2021 | 15:22

Wer die Gefühle beherrscht, benötigt keine Argumente mehr. Umgekehrt haben Argumente gegen Gefühle keine Chance. Unsere entrationalisierten Debatten führen direkt in die viel beschworene Infantilisierung des politischen Geschehens. Und politisch ist heute ja bekanntlich alles bis in den letzten Winkel unseres Daseins hinein. Erstaunlich finde ich lediglich, wieviel heisse, akademische Luft in diesem ganzen Prozess steckt.

RE: Der Phallus-Träger denkt nach | 06.03.2021 | 14:16

Ich finde es schon fortschrittlich, dass man auch Phallusträgern eine gewisse Denkfähigkeit zutraut. Bislang war das ja (zumindest hier beim Freitag) eher dem weiblichen Geschlecht vorbehalten. Damit wären wir auch gleich beim übergeordneten Kontext, in dem sich dieser ganze „Sprachkampf“ abspielt, wie z. B. das Buch „Ich hasse Männer“ von Pauline Harmange illustriert. Das Ding wurde von den üblichen Verdächtigen (im Feuilleton) natürlich freudig bejubelt und aufgenommen, item: Wenn man das ganze Gift aus dieser Debatte ablassen könnte, wären wahrscheinlich noch viele „alte, heterosexuelle, weisse Männer“ und Frauen, die Männer nicht hassen (also die Mehrheit), zu Zugeständnissen sprachlicher Natur bereit. Was spricht denn in Zukunft gegen die Bäcker:in? Oder die wechselnde Verwendung beider Geschlechter in einem Text? Aber eben: Zuerst muss der ganze Hass wie Eiter aus einer offenen, entzündeten Wunde abgelassen werden, sonst wird das nix mit den ganzen Kerl:en hier in der FC und anderswo.

RE: Pille für alle | 06.03.2021 | 13:49

Guter Artikel, wichtiger Inhalt! Die Vasektomie wurde noch vergessen. Einige Männer aus meinem Umfeld haben sich nach der Gründung ihrer Familie für diesen Schritt entschieden. Abgesehen davon wären Männer bei der Kinderfrage endlich gleichberechtigt, wenn es auch für sie bessere Verhütungsmethoden gäbe. Und Frauen könnten die Verhütungsfrage auch den Männer überlassen. Nach all den Skandalen rund um einzelne Pillen ein unschätzbarer Vorteil!

RE: It’s the Verteilung, stupid! | 05.03.2021 | 12:13

Danke ;-) Zur Lohn-Preis-Spirale: Muss nicht sein, steht aber meistens in direktem Zusammenhang zueinander. Item.

Interessant ist, seit wann die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sinkt. Ein Blick auf den Globalisierungsindex der ETH hilft da m. E. weiter. Wer den Cursor oben bei der Grafik nach rechts bewegt, wird sofort bemerken, was da alles in den Neunzigern in Bewegung geriet. Und woher die seltsame Entschleunigung des Geldgeschwindigkeit her kommt. Stichworte: Implosion des Sowjetreiches und der Eintritt Chinas in die WTO. Damit sind mehr als 2 Mia. Menschen zusätzlich in den globalen Wirtschaftskreislauf eingetreten! Was passieren wird, wenn Teile der Globalisierung rückgängig gemacht werden (Verschlankung der Lieferketten), kann sich angesichts dieser Zahlen jeder selber ausrechnen. Wenn dann noch der Green Deal kommt, werden wir wieder ähnliche Zustände erleben, wie zur Zeit der Wirtschaftswunderjahre, nach Corona erst recht.

Ein zweites Bretton Woods wird es allerdings nicht geben. Das macht die ganze Story natürlich noch etwas brisanter. Die Wechselkurse schwanken ja jetzt schon beträchtlich. Obwohl diese Schwankungen schon nach der Abschaffung des Goldstandards unter Nixon 1971 gar nicht hätten sein dürfen, wie August Friedrich von Hayek- ein entschiedener Gegner des Goldstandards- immer wieder versichert hat. Damit lag er ganz entschieden falsch. Eigentlich gehört die ganze Chicagoer Schule auf den Müllhaufen der Wirtschaftsgeschichte. Sie ist spätestens seit der Finanzkrise hinfällig. Und mit Corona hat sie sich faktisch gleich ganz abgeschafft. Ich trauere ihr nicht nach!