DADA Afrika - Dialog mit dem Fremden

Ausstellung Zum 100. Dada-Jubiläum versucht die Berlinische Galerie einen Dialog zwischen den Werken der Zürcher und Berliner Avantgarden mit ihren außereuropäischen Vorbildern
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DADA Afrika - Dialog mit dem Fremden
Sophie Taeuber-Arp, Entwurf für ein Katsina-Kostüm (Nr. 60), um 1922, Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Bild: © erloschen, Repro: Mick Vincenz

DADA Universal, DADA anders und schließlich DADA Afrika - Zürich ist 2016 ganz im Dada-Fieber. Man feiert seit Anfang Februar den hundertsten Jahrestag des ersten Dada-Schreis im Cabaret Voltaire. Ein Schrei des Aufbegehrens gegen die bürgerliche Gesellschaft eines Europas, das in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegsgräuel versank und damit die künstlerischen Wertevorstellungen des Guten und Schönen obsolet machte. 1916 gründeten Künstler, Künstlerinnen und Kriegsflüchtige aus Deutschland, Frankreich, Österreich und Rumänien eine neue Kunstrichtung, die noch radikaler als der Expressionismus mit den vorherrschenden akademischen Konventionen in der Kunst brach. „Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte.“ formulierte Mitbegründer Richard Huelsenbeck im dadaistischen Manifest.

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Die Inspiration für das Primitive und Ursprüngliche ihrer sogenannten „Anti-Kunst“ gewannen die meisten Dadaisten auch aus der Kunst nichteuropäischer Kulturen aus Asien, Afrika und Amerika. Die Ausstellung DADA Afrika - Dialog mit dem Fremden ist nun vom Museum Rietberg Zürich, Sitz der wohl bedeutendsten Sammlung von Weltkunst des Schweizers Eduard von der Heydt, in die koproduzierende Berlinische Galerie gewechselt. Die außerordentliche Sammlung dadaistischer Kunstwerke aus Berliner und Zürcher Beständen korrespondiert hier direkt mit ihren Vorbildern der „ars una“ vom Zürcher Rietberg sowie denen anderer westeuropäischer Häuser für außereuropäische Kulturen und ethnologischer Kunst wie etwa dem bekannten Musée du quai Branly in Paris.

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Dada folgte in Wort, Schrift, Bild und Performance kaum noch den bekannten Regeln der Kunst. Die ProtagonistInnen verließen die eingefahrenen Wege, ließen sich von spontanen Eingebungen leiten und improvisierten meist wie Hugo Ball, der als „magischer Bischof“ mit seiner Performance von Lautgedichten zum Hohepriester der neuen Bewegung wurde. Eine Verbindung christlicher Liturgie mit schamanischen Kulten, die konsequent westeuropäische Kunstformen und deren Sinnkultur zerschmetterte. Inspirationsquellen dieser sogenannten phonetischen Poesie, wie etwa die Lautgedichte Richard Huelsenbecks, waren u.a. Gesänge australischer Ureinwohner, die der Dada-Literat Tristan Tzara zusammengetragen hatte. Man kann Beispiele davon in der Ausstellung nachhören oder versuchen, die abstrakten Gedichtplakate von Raoul Hausmann zu enträtseln.

In Musik-Performances mit Jazzeinfluss, Trommel- und Maskentänzen, den Kostümen, oder in Zeichnungen, Bildcollagen- und Assemblagen wurden Elemente und Kunstwerke außereuropäischer Kulturen aufgenommen. Begünstigt wurde das vor allem durch die gewachsene Sammelleidenschaft von in den Kolonien beschäftigten Beamten, Händlern, Missionaren oder auch Wissenschaftlern, die verstärkt begannen, ethnologische Forschung zu betreiben. Die umfangreichen Exponate, die man heute durchaus auch als Raubkunst bezeichnen kann, waren in den damaligen Völkerkundemuseen westeuropäischer Großstädte wie Berlin, Hamburg, Brüssel, Paris oder London ausgestellt. Auch in Zürich gab es einen großen Sammler außereuropäischer Kunst. Der Reformpädagoge Han Coray stellte den Dadaisten sogar seine Galerieräume für Ausstellungen und Aktionen zur Verfügung.

Die Verarbeitung von außereuropäischen Kultureinflüssen durch westeuropäische Künstler war durchaus nicht neu. So begeisterte man sich in Frankreich und Deutschland gleichermaßen schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die japanische Kunst. Zu den Vertretern des Japonismus zählten u.a. Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Emil Orlik und in ihrer Nachfolge die Künstler des Blauen Reiter. In der Berliner Ausstellung werden Picassos Werke seiner „Période nègre“ ebenso erwähnt wie die nach afrikanischen Skulpturen entstanden Maskenbilder und Frauenakte der expressionistischen Brücke-Künstler Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt. Neu an Dada war lediglich, dass die Künstler nicht nur von oben herab auf die anderen Kulturen sahen sowie die Vorbilder auch kritisch zur bewussten Provokation und Überschreitung ästhetischer Normen nutzten.

Natürlich beruht auch diese Art der künstlerischen Verarbeitung stark auf der Projektion von Sehnsucht nach Wildheit und Ursprünglichkeit auf die als ungewöhnlich und fremd empfundenen Kulturen aus Afrika, Ozeanien oder den indigenen Völkern Nordamerikas. Unkommentiert ist das aus heutiger Sicht äußerst problematisch. Vor allem betrifft das die damals noch recht unreflektiert benutzten Termini wie z.B. "Chant nègre" im Bildtiteln eines kubistischen Plakatentwurfs von Marcel Janco, oder „Art nègre“, „Poèmes nègres“ und deren deutsche Entsprechungen mit dem N-Wort. Hier distanziert man sich seitens der Ausstellungsmacher zwar vom Gebrauch kolonialistischer und rassistischer Denkart, die kritische Rezeption und weiterführende historische Betrachtungen werden aber ganz in den umfangreichen Katalog verlegt. Da beschleicht einen doch manchmal ein durchaus mulmiges Gefühl beim Gang durch die Ausstellung.

In fünf Sektionen mit den Titeln: Dada-Galerie, Ante Dada, Dada-Performance, Dada-Magie und Dada-Revolte werden die verschiedenen Kunstwerke und Artefakte gleichberechtigt ohne eine unmittelbare Werkbetitelung oder Herkunftsbezeichnung nebeneinander gehängt. Erklärungen muss man sich in einer zugereichten Broschüre holen. Damit wird ein direkter „Dialog mit dem Fremden“ versprochen, den man so allerdings auch nur für den unmittelbaren Vergleich behaupten kann.

Orientiert hat sich das Kuratoren-Team an einer 1917 in der Zürcher Galerie von Han Coray unter dem Titel Dada. Cubistes. Art Nègre präsentierten Ausstellung. Und so stehen dann auch hier Kultgegenstände wie z.B. die mit Nägeln gespickte Kraftfigur nkisi n’kondi aus dem Kongo um 1892 neben einer Fotografie der 1919 entstandenen Holz-Assemblage Mechanischer Kopf von Raoul Hausmann. Maskenkostüme wie die hier ausgestellte mächtige Bo Nun Amuin von der Elfenbeinküste kannte man von kolonialen Postkartengrüßen und bildete sie für eigene Aktionen nach.

Eine Sonderstellung im Kanon der „Eine-Welt-Dadaisten“ nimmt mit Sicherheit Hanna Höch (eine Hausheilige der Berlinischen Galerie) mit ihrer Collagen-Reihe Aus einem ethnographischen Museum ein. Ihre eher kleinformatigen Mischwesen, die unter Verwendung von aus Illustrierten und ethnologischen Lehrbüchern ausgeschnitten Fotofragmenten zusammengefügt sind, bilden in der Tat eine neue, kritisch verfremdete und zum Teil auch feministische Sicht auf die westliche Gesellschaft. Gegenübergestellt ist den Collagen von Hanna Höch der steinerne Torso der Göttin Unna aus der berühmten kambodschanischen Tempelanlage Angkor, dessen Fotografie die Künstlerin verwendete.

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Alles in allem gibt es in der Ausstellung doch eine Menge Wissenswertes über die Wirkung außereuropäischer Kunst auf die westeuropäische Avantgarde zu entdecken, und der Bogen zur progressiven heutigen Dada-Rezeption, u.a. zum südafrikanischen Künstler William Kentridge, der mit seinem die Apartheit und eigene Whiteness kritisch betrachtenden Multimedia-Werk noch immer im Martin-Gropius-Bau zu bewundern ist, ließe sich sicher auch noch ziehen.

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Zuerst erschienen am 10.08.2016 auf Kultura-Extra.

DADA Afrika - Dialog mit dem Fremden
05.08. - 07.11.2016
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/

10:33 11.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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