Les Misérables am Berliner Ensemble

Premierenkritik Frank Castorf siedelt seine Bühnenbearbeitung des großen sozial-moralischen Elends-Romans von Victor Hugo im vorrevolutionären Kuba an
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Les Misérables am Berliner Ensemble

Foto: Imago/Rolf Zöllner

„Frank Castorf ist der einzige Überlebende einer Zeit, in der man sich und die Welt auf der Bühne noch zur Disposition gestellt hat - inklusive Liebe und Politik; der letzte Mohikaner einer Idee, Theater als Gedankenmaschine zu betrachten.“ - Christoph Schlingensief

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Mit Les Misérables (Die Elenden) hat der französische Schriftsteller Victor Hugo ein bedeutendes mehrteiliges Romanwerk geschaffen, das Charles Baudelaire zur Recht einen aufpeitschenden Mahnruf an eine selbstgefällige Gesellschaft bezeichnete. Neben dem Schreiben dieses fast 1500seitigen Sozialromans begann Hugo 1944 auch eine politische Karriere erst im Pariser Oberhaus und nach der Februarrevolution 1948 mit dem Sturz der Junimonarchie auch in die gesetzgebende Nationalversammlung. Nach der Restauration der Monarchie 1851durch Kaiser Napoleon III. muss Hugot erst nach Belgien und später auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ins Exil. Auf Guernsey beendet er 1862 den Roman und betritt Frankreich erst wieder 1871 nach dem Sturz Napoleons infolge der Niederlage Frankreich gegen die Deutschen in der Schlacht von Sedan. Nach dem niedergeschlagenen Aufstand der Pariser Commune setzt Hugo sich auch für eine Amnestierung der inhaftierten Kommunarden ein.

Die Pariser Commune ist es aber nicht, was den Ex-Volksbühnenintendanten Frank Castorf an Victor Hugo gereizt hat. Seine Adaption des Romans, den er ebenfalls unter dem Titel Les Misérables in seinem Exil am Berliner Ensemble, 20 Jahre nach seinem letzten Auftritt mit Heiner Müllers Aufstand am Schiffbauerdamm, für die erste Spielzeit des neuen Intendanten Oliver Reese inszeniert hat, verlegt Castorf ins revolutionäre Kuba der Batista-Diktatur und deren Sturz durch den Aufstand der Revolutionäre um Fidel Castro. Auch Hugos Roman befasst sich mit den Pariser Juniaufstand von 1832. Mit diesen ausführlich beschriebenen Barrikadenkämpfen bricht die Geschichte in die fiktive Erzählung um den ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean, der nach 19 Jahren Bagno, wo er wegen des Diebstahls eines Brots und mehrerer Fluchtversuche inhaftiert war, entlassen wird. Der Roman beschreibt Valjeans mühsame Rückkehr in die Gesellschaft, seine Wandlung hin zu Menschlichkeit und moralischem Handeln in einer barbarischen Welt voller sozialer Missstände.

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„So lange kraft der Gesetze und Sitten eine sociale Verdammniß existirt, die auf künstlichem Wege, inmitten einer hoch entwickelten Civilisation, Höllen schafft und noch ein von Menschen gewolltes Fatum zu dem Schicksal, das von Gott kommt, hinzufügt; so lange die drei Probleme des Jahrhunderts, die Entartung des Mannes durch das Proletariat, die Entsittlichung des Weibes infolge materieller Noth und die Verwahrlosung des Kindes, nicht gelöst sind; so lange in gewissen Regionen eine sociale Erstickung möglich sein wird, oder in andern Worten und unter einem allgemeineren Gesichtspunkt betrachtet, so lange auf der Erde Unwissenheit und Elend bestehen werden, dürften Bücher wie dieses nicht unnütz und unnötig sein.“ heißt es dann auch zu Beginn von Hugos Roman.

Auch wenn sich Frank Castorf viel mit Dostojewski und seinen Romanen voller religiöser Motive, Schuld- und Sühnegedanken befasst hat, ist er dennoch kein großer, fingerschwingender Moralist auf dem Theater. Hugos Roman ist ihm wie immer Themenlieferant für eine Verschränkung verschiedener Orte und Zeitebenen, die er angereichert mit jeder Menge Fremdmaterial dem Publikum als geschichtliches Mash-up vor die Füße kippt. Dafür hat im Aleksandar Denić wieder eines seiner großartigen monumentalen Bühnenbauwerke ins Berliner Ensemble gestellt. Die Häuserfront einer kubanischen Zigarrenfabrik, ein Gemüsemarktstand und ein mit Wachturm und Stacheldraht umzäuntes Lager, das unschwer an Guantanamo gemahnt, bilden ein „Casino de Cuba“, dessen düstere Innenräumen wieder mit der Handkamera ausgeleuchtet und nach draußen projiziert werden.

Zunächst aber sitzt dort der 85jähriger Schauspieler Jürgen Holtz und hält einen langen, bedeutsamen Monolog über das Pariser Abwassersystem. Eine kilometerlange Kloake, ein Moloch aus den unterirdisch verschlungenen Gedärmen der Stadt Paris, die jährlich 25 Millionen Franc ins Meer spülen. Die Verschwendung wertvollen, menschlichen Düngers, wie es da u.a. heißt. Das wäre in China nicht passiert. In dem seitenlangen Kapitel Das Innere des Lewiathan berichtet Hugo über die Jahrhunderte dauernde Entstehung dieses alten Kanalsystems. „Eine 60 Meilen Scheißegrube aus Schmutz und Lügen“ heißt es da, aber auch: „Die Wahrheit der Kloaken gefällt uns, denn sie beruhigt unser Gemüt“. Die Kanalisation als große Gleichmacherin. Hugo bewegen zum Thema Untergrund aber noch ganz andere Gedanken, die Castorf an diesem Abend seinem durch die Kulissen irrlichterndem Ensemble immer wieder in den Mund legt: „Die Geburtswehen der Zukunft gehören zu den Visionen der Philosophen. Die Erde als Fötus der Vorhölle, was für ein unerhörtes Bild.“

Ein wahrlich großer Auftakt des alten BE-Mimen und eine bildliche starke Metapher für das nun folgende. Später gibt Holzt den Bischof Myrel, dem Jean Valjean (Andreas Döhler), nachdem er von ihm in einem Akt der Mildtätigkeit von der Straße weg zum Abendmahl geladen wurde, das Silberbesteck samt Leuchter klaut. Doch zunächst beschäftigt sich die mit 7 ½ Stunden etwas übers Planziel hinausschießende Inszenierung in den ersten 1 ½ Stunden mit dem Roman Drei traurige Tiger (1967) vom kubanischen Revolutionsteilnehmer und späteren Exildichter Guillermo Cabrera Infantes. Der Roman spielt Ende der 1950er Jahre, in denen Kuba, regiert durch den korrupten Diktator Batista, noch Hinterhof der USA und Havanna das Klein-Paris der Karibik war. Eine Gruppe von jungen Künstlern tigert durch das Havanna der Nachtclubs und Bars. Was Thelma Buabeng, Patrick Güldenberg, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Aljoscha Stadelmann und die schon in Castorfs Volksbühnen-Faust groß aufspielende Valery Tscheplanowa dann hier auch ausgiebigst und zum Teil wüst kalauernd tun. Von den Fürzen als Seufzer des Körpers bzw. Räusper der Seele bis zum Zungenbrecher aus Cabreras Roman: „Drei traurige Tiger trinken trüben Drüsentee.“

Heiner Müllers Der Auftrag - Erinnerung an eine Revolution passt da ebenso gut hinein, wie der hymnische, in schwarz-weiß gedrehte Revolutionsfilm Soy Cuba (Ich bin Kuba) des sowjetischen Regisseurs Michail Kalatosows aus dem Jahr 1964, der hier immer wieder über die Leinwand flimmert. Es geht also um den Kolonialismus, mit dem unverstellten Blick aus Lateinamerika auf ein eurozentrisches Weltbild. Und wenn der Sozialreformer Hugo in seiner idealistischen Rede bei der Eröffnung zum Pariser Friedenkongress 1849 von der Idee der Vereinigten Staaten von Europa nach dem Vorbild der USA, dem Ende aller Kriege und dem Fortschritt träumt, dann gerät schnell der Rest der Welt in Vergessenheit. Frank Castorf lässt die Rede vor der Pause wie eine alte Tonaufnahme mit Kratzern von Jürgen Holtz sprechen. Momentan trägt sich wieder mit diesem Gedanken der in den Wahlen zum Bundestag gescheiterte SPD-Vorsitzende und ehemalige Europapolitiker Martin Schulz.

In diesem nach Baal in Indochina und Faust in Algerien wie der dritte Teil einer Kolonialismustrilogie wirkenden Inszenierung kommt wieder Abdoul Kader Traoré die Rolle des schwarzen Emissärs Sasportas aus Heiner Müllers Auftrag zu, der diesmal wesentlich mehr Raum einnimmt und in verteilten Rollen auch von Stefanie Reinspergers als die Revolution verratender Debuisson gesprochen wird. „Die Heimat des Sklaven ist der Aufstand“, zitiert Traoré, sagt aber auch, dass die Sklaverei nicht aus der EU-Zivilisation verschwunden sei. Dann legt er noch ganz nach jakobinischer Tradition mit Hugos Abhandlung über den Unterschied von Aufruhr und Aufstand nach und gibt einen schwarzen Voodoopriester, dem Fantine (Valery Tscheplanowa) Haare und Schneidezähne verkauft.

Natürlich handelt Frank Castorf auch die wichtigsten Stationen des Romans ab. Beginnend mit dem Martyrium jener Fantine, die ihre Tochter Cosette bei dem habgierigen Wirtsehepaar Thénardier (großartig fies von Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger gespielt) in Pflege gibt, um sich und das Kind mit der Arbeit in einer Fabrik über Wasser zu halten. Valjean wird von Andreas Döhler zunächst als lautstarker Prolet eingeführt. Er scheint hier wie mal eben aus seiner Rolle des Franz Biberkopf aus dem DT herübergeeilt. Später als zu Geld gekommener Bürgermeister von Montreuil, rettet er die aus der Fabrik Entlassene vor dem Gefängnis und zahlt ihre Schulden. Dazwischen schiebt Castorf in langen Mono- und Dialogen die Jagd des hartnäckigen Inspektors Javert (Wolfgang Michael) nach dem ehemaligen Sträfling. In einigen Szenen nebst wildem Barrikadenkampf sieht man den jungen Rocco Mylord als pfiffigen Gassenjungen Gavroche, der später in Totenkopfmaske durch die rattenverseuchte Pariser Unterwelt führt. Der Revolutionär als Maulwurf, frei nach Karl Marx.

Irgendwie steht Castorf aber auch die Handlung des Romans beim Abspulen seiner eigentlichen Story immer wieder im Weg. So kann er im zweiten, ebenfalls an die 3 ½ Stunden dauernden Teil nicht mehr an den Fluss vor der Pause anknüpfen. Nach einem vom Balkon herunter munter philosophisch meanderndem Rededuell zwischen Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger reibt sich die Inszenierung zwischen ausufernden Fremdszenen, Klamauk mit Hustenpastillen und dem Zweikampf zwischen Valjean und Javert auf. Das wirkt dann mit seinem Diskurs über Schuld und Sühne zunehmend einschläfernd und bricht erst weit nach Mitternacht irgendwo einfach ab. Wie man nun hört - geschickter PR-Gag, oder einfach aus der Not eine Tugend machend - wird es in Zukunft eine gestraffte 6-stündige Version und eine Art Directors-Cut mit noch nicht gezeigten Szenen geben, der mit über 8 Stunden und zwei Pausen das Herz der Castorf-Fans sicher höher schlagen lassen dürfte.

Les Misérables
nach Victor Hugo
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Dramaturgie: Frank Raddatz
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Aljoscha Stadelmann, Stefanie Reinsperger, Rocco Mylord, Abdoul Kader Traoré, Valery Tscheplanowa
Premiere war am 01.12.2017 im Berliner Ensembles
Termine: 15., 16., 28., 29.12.2017 / 06., 07.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

20:03 07.12.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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