Stefan Bock
21.04.2016 | 09:31

Research Refugees – Fluchtrecherchen

Kino Studierende der Filmunis Potsdam und Weimar zeigen ihre Beiträge zur aktuellen Flüchtlingskrise im Dokumentarfilm-Wettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Stefan Bock

Research Refugees – Fluchtrecherchen

Bild: Carlos Vasquez

Kaum eine Kunstgattung kommt heute noch an der uns umgebenden Realität vorbei. Die Verarbeitung aktuell-politischer Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung in der bildenden und darstellenden Kunst gewinnt vor allem nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer mehr an Bedeutung. Vor allem das Genre des Dokumentarfilms eignet sich hier, möglichst schnell und direkt vor Ort auf die Ereignisse zu reagieren. Beweis dafür ist nicht nur der Goldene Bär für die Flüchtlings-Doku Fuocoammare auf der diesjährigen Berlinale. Auch auf anderen Filmfestivals ist der vermehrte Einbruch des realen Weltgeschehens in die Filmkunst zu verzeichnen.

So haben Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der Bauhaus Universität Weimar 2015 begonnen, in einem von Michael Klier betreuten Projekt die Flüchtlingsbewegungen in Europa aus verschiedenen Perspektiven filmisch einzufangen. Das Ergebnis hatte am vergangenen Sonntag im Rahmen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim achtung berlin-Filmfestival im Kino Babylon Weltpremiere. Herausgekommen sind elf filmische Skizzen zusammengefasst in einer 98minütigen Dokumentation mit dem Titel Research Refugees - Fluchtrecherchen.

Eingebetteter Medieninhalt


Es beginnt mit einer essayistischen Betrachtung über den Zufall von Ort und Zeit, bei der die in der Schweiz geborene Regisseurin Thaïs Odermatt ihre eigene Biografie und die Geschichte der Schweiz vom Franzoseneinfall zweihundert Jahre bzw. den Hungersnöten und Auswanderungen ungefähr einhundert Jahre vor ihrer Geburt mit dem Schicksal heutiger Flüchtlingskinder verbindet. Einleuchtendes Fazit: Kriege und Flucht sind kein Zufall, wo und wann man geboren ist schon.

Auch der Film Wegweiser von Laura Laabs verwebt geschickt europäische Geschichte an den Grenzen von Österreich und Deutschland mit der jüdischen Familiengeschichte der Regisseurin. In einer sehr poetischen Sprache und mit entsprechenden Bildern geht es von Braunau, dem Geburtsort Hitlers, über Bayreuth, der Weihestätte für Wagner, bis zu einem Runengrenzstein in Jamel im Norden Deutschlands. Als Beispiel für Flucht und eine gelungene Integration zeigt Laura Laabs die Erlebnisse ihrer jüdischen Verwandten, die aus Breslau fliehen mussten und nach dem Krieg im bayrischen Trostberg in einem Bauerngehöft unterkamen, mit deren Bewohnern ihr altes Geschäft wieder aufgebaut haben. Auch eine Chance für Deutschland heute. Nur will keiner die Flüchtenden haben, die wie die drei Könige aus dem Morgenland in goldene Kältedecken gehüllt, auf ein Zeichen warten.

Eingebetteter Medieninhalt



Der Beitrag Police Woman & Dragon Rider von Duc Ngo Ngoc porträtiert Helfer und Betroffene vor dem LAGeSo in der Berliner Turmstraße, das in der letzten Zeit für etliche Negativschlagzeilen (die Versorgung der Flüchtenden betreffend) gesorgt hat. Die Mutter des 5jährigen Fabian und andere freiwillige Helfer sorgen hier vor Ort für die Verteilung von Kleidung und anderen Sachspenden. Der Film betrachtet das durch die Augen von Fabian und der 12jährigen Jaqueline aus Syrien und hält dabei Träume und Wünsche der Kinder für ihre Zukunft fest.

Fast ohne Sprache kommt der Beitrag Autum Songs von Valérie Anex aus. Der Film zeigt die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in der Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin-Schöneberg bei ihren täglichen Verrichtungen und dem Singen von Liedern aus ihrer Heimat. Mittlerweile mussten die Geflüchteten wieder aus der Schule ausziehen, da sie für die Eröffnung eines Bildungszentrums umgebaut werden soll. Der Film Kurzaufenthalt von Felix Pauschinger thematisiert das mit Bildern von Protesten vor der Schule und den leeren Räumen danach. Auf ironische Weise legt der Beitrag Meinungsaustausch von Sophia Bösch und Sophie Linnenbaum O-Töne mit deutschen Ängsten, Vorurteilen und Klischees über Fremde den betroffenen Flüchtlingen in den Mund.

Weitere Beiträge beschäftigen sich auch mit den Fluchtwegen und den Geschehnissen in den europäischen Erstankunftsländern. So etwa Griechenland, wo junge Senegalesen am Strand Souvenirs verkaufen müssen und von ihrer Zukunft in Europa träumen (Nordwärts von Therese Koppe) oder Flüchtende an einem Grenzimbiss und einer Akkuladestation (Regie: Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt) gefilmt werden. 0,5 m² von Tobias Wilhelm zeigt das Leben der Angekommenen in einem Flüchtlingsheim für christliche Männer in Deutschland.

Ganz vom Dokumentarischen weg bewegen sich nur zwei der filmischen Beiträge. In Umut schwimmt eine muslimische Frau auf einer Europalette übers Meer und landet erst in einem idyllisch menschenverlassenen Olivenhain, bevor die Reise an einem überfüllten Touristenstrand endet. Der Schlussfilm Veto zeigt ironisch eine Festival-Kommission, die sich über der Auswahl passender Dokumentarfilmbeiträge zur Flüchtlingssituation in die Haare bekommt und dabei sämtliche bekannte Exoten-Klischees durchdekliniert. Eine ratlose Veranstaltung, der es nach dem vorher Gezeigten eigentlich nicht mehr bedarf. Also Licht aus und Spot an für zukünftige Fluchtrecherchen.

----------

Zuerst erschienen am 20.04.2016 auf Kultura-Extra.

Research Refugees - Fluchtrecherchen

Dokumentarfilm (D 2016) 98 Min, OmeU

Regie: Laura Laabs, Duc Ngo Ngoc, Tobias Wilhelm, Natalia Sinelnikova, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum, Christoph Eder, Therese Koppe, Thaïs Odermatt, Felix Pauschinger, Jonas Eisenschmidt, Valérie Anex, Baturay Ertas

Kamera: Omri Aloni, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, David-Simon Groß, Therese Koppe, Lilian Nix, Felix Pauschinger, Janine Pätzold, David Schittek, Domenik Schuster, Carlos Vasques

Schnitt: Valérie Anex, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, Emma Gräf, Andrea Herda-Muñoz, Friederike Hohmuth, Therese Koppe, Lena Köhler, Thais Odermatt, Felix Pauschinger, Laura Sabogal Espinel, Tobias Wilhelm, Martin Wunschick

Musik: Franziska Henke

Infos: https://achtungberlin.de/

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.