Ein Gefühl der Panik

USA Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Wahlkampf: Ein Hurrikan zum Beispiel. Aber Sandy lässt auch fragen, was für einen Präsidenten die Amerikaner wirklich wollen
Ein Gefühl der Panik
Die Air Force One landet in Maryland: Werden die Menschen im Angesicht der Naturkatastrophe zu demjenigen tendieren, der ihnen mehr Sicherheit vermittelt?

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Wenn Kandidaten im Wahlkampf bescheiden wirken wollen, sagen sie Dinge, wie Barack Obama in einem seiner Wahlspots: „Manchmal kann die Politik sehr unbedeutend erscheinen – aber die Wahl, die Sie zu treffen haben, könnte bedeutsamer nicht sein.“ Hurrikan Sandy erinnert uns daran, wie wirklich wichtige Ereignisse aussehen. Sie haben etwas mit den Entscheidungen zu tun, die wir angesichts dieser Naturgewalt treffen müssen.

Sandy ist so gewaltig, dass dadurch alle Vorstellungen, die wir Menschen uns über unser Verhältnis zur Natur machen, einfach hinwegfegt werden, weil sie falsch waren. Aber auch wenn Sandy den einen oder anderen Politiker daran erinnern mag, dass es einmal so etwas wie eine Umweltdebatte gegeben hat – was nützt es? Die menschliche Fähigkeit zu leugnen, ist noch stärker als die Naturgewalt, die sich derzeit an der US-Ostküste Bahn bricht.

Nur ein frommer Wunsch

Bei der Erderwärmung spielen wir eher die Rolle von jemandem, der im trockenen Wald eine brennende Zigarette fallenlässt, als die von jemandem, der Feuer macht, um sich zu wärmen. Sandy kümmert sich nicht um den Streit darüber, wer welches Gebäude hat bauen lassen. Unsere Bauten sind nicht für solche Stürme gemacht, und unsere Pläne sind sogar noch instabiler. Es hat sich gezeigt, dass unsere Ansichten nicht viel mehr sind als fromme Wünsche, die besagen, der Wind möge bitteschön in die richtige Richtung wehen. Man kann allerdings im Augenblick bei Politikern ein vages Gefühl der Panik spüren, das über die sehr reale Sorge um ihr Leben und das ihrer Angehörigen hinausgeht.

Wir wissen noch nicht, welchen Einfluss Sandy genau auf die Präsidentenwahl haben wird. Nimmt man die praktische Ebene, wird der Sturm die Menschen an der vorzeitigen Stimmabgabe hindern und den Wahlkampf in den Ostküstenstaaten auf die Fernsehkanäle reduzieren, sofern die Leute Strom haben, um überhaupt fernsehen zu können. Wird Sandy aber über diese unmittelbaren Folgen hinaus die politischen Trivialitäten beiseite wischen und daran erinnern, worauf es bei der Wahl eines Präsidenten wirklich ankommt? Werden die Menschen im Angesicht der Naturkatastrophe zu demjenigen tendieren, der ihnen mehr Sicherheit vermittelt?

Das Ausmaß des Sturms sollte das Verhältnis zwischen dem Willen der Bevölkerung und den Vorhersagen, die es zuvor gegeben hat, unterstreichen und nicht konterkarieren. Es ist schließlich nicht so, dass die Experten vor Sandy wirklich eine Ahnung hatten, was passieren würde.

Dieser Wahlkampf war auf vielen Ebenen beispiellos – die Menge an Geld, die eingesammelt und ausgegeben wurde, die ideologische Spaltung zwischen den Parteien, die unglaubliche Unbestimmtheit der Ideen eines der Kandidaten. Sandy wirkt da lediglich wie ein weiteres, außer Kontrolle geratenes Element, zu dem man freilich keine Meinungsumfrage durchführen kann. Naturgewalt erinnert uns daran, dass es bei der Politik am Ende nicht um Botschaften, Haltungen und Positionen geht, sondern darum, dem Leben der Menschen einen Rahmen zu geben und ihnen Fragen zu beantworten: An wen können sie sich wenden, wenn sie selbst über keine Ressourcen mehr verfügen? An wem können sie sich orientieren, wenn es für sie keine wirklich gute Option bei dieser Wahl gibt? Was können sie tun, wenn ihnen nichts mehr bleibt?

Mission Community-Organisator

Wir wählen mit dem Präsidenten nicht den Geschäftsführer der Nation und keinen Boss-in-chief. Mitt Romneys Ansatz, mit schlechten Leistungen umzugehen, besteht darin, die Leute zu entlassen. Als Präsident könnte er aber höchstens bei der Katastrophenhilfe Federal Emergency Management Agency, (Fema) Leute rauswerfen – und er hat auch gesagt, er wolle das tun. Die Naturkatastrophe allerdings kann er nicht feuern. Und den Mut von Rettungskräften kann man aber ebenso wenig berechnen, wie man menschliche Verluste quantifizieren kann. Egal, wer Präsident wird: Die Aufgabe, die auf ihn zukommt, ist die eines Community-Organisators – ob er darauf vorbereitet ist oder nicht.

Übersetzung Holger Hutt
11:13 31.10.2012
Geschrieben von

Ana Marie Cox | The Guardian

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