Späte Einsicht

Porträt Marcus Klingberg war der hochrangigste KGB-Spion, der jemals in Israel festgenommen wurde. Ein Treffen in Paris – mit 28 Jahren Verspätung
Ausgabe 20/2014

Die Pariser Adresse, die man mir genannt hat, liegt am linken Seine-Ufer. Ein schicker Hinterhof, ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Als ich bei „Klingberg“ läute, dringt eine Frauenstimme aus der Gegensprechanlage: „Dritter Stock.“ Oben, in einer Einraumwohnung, erwartet mich Marcus Klingberg, 95 Jahre alt, ehemaliger KGB-Spion. Ich habe ihn bisher nur auf Fotos gesehen, erkenne ihn aber sofort, kaum 1,50 Meter groß, dünn, der große Kopf kahl, eine fein umrandete Brille im Gesicht. Er begrüßt mich mit ausgestreckten Armen: „Ich freue mich, Sie nach all den Jahren endlich kennenzulernen – 28 Jahre, um genau zu sein.“

Das letzte Mal habe ich Klingberg 1985 in Israel zu interviewen versucht. Als Auslandskorrespondent des Observer arbeitete ich damals in Washington. Der Kalte Krieg tobte. Die USA hatten der Sowjetunion vorgeworfen, gegen die Verträge zur gegenseitigen Waffenkontrolle zu verstoßen und eine neue Chemiewaffe namens Yellow Rain einzusetzen. Proben von Schlachtfeldern in Südostasien und Afghanistan sollten eine tödliche Substanz enthalten, eine giftige Chemikalie, die von dem weitverbreiteten Pilz Fusarium stamme. Die Sowjets wiesen die Vorwürfe zurück.

Wissenschaftler im Auftrag der britischen Regierung entdeckten dann Blütenstaub in den Proben, und unabhängige Wissenschaftler in den USA fanden heraus, dass die gelben Flecken, die sie gefunden hatten, von mit Blütenstaub behaftetem Bienenkot nicht zu unterscheiden waren. War es möglich, dass die USA die Hinterlassenschaften von Bienen für einen chemischen Kampfstoff gehalten hatten?

Klingberg war Experte für die Wirkung von Fusarium-Toxinen. Als polnischer Jude war er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf Drängen seines Vaters nach Russland geflohen und diente während des Kriegs als Arzt in der Roten Armee. Seine Familie wurde 1943 in Treblinka ermordet.

Plötzlich verschwunden

Klingberg wurde Epidemiologe und wanderte nach dem Krieg nach Israel aus. Dort machte er Karriere in der Armee und wurde stellvertretender Direktor der führenden israelischen Forschungseinrichtung für Chemie- und Biowaffen. Sie befand sich in Nes Ziona, 20 Kilometer von Tel Aviv entfernt. Ich war 1985 in der Hoffnung nach Israel geflogen, er könne mir etwas zu den Yellow-Rain-Vorwürfen sagen. Doch anstatt ihn zu treffen, wurde ich unfreiwillig Teil eines Ost-West-Spionage-Dramas.

In Israel sagte man mir, Klingberg sei verschwunden, er habe einen Nervenzusammenbruch erlitten und befinde sich in einer Klinik in Europa. Seine Kollegen in Nes Ziona und an der Universität Tel Aviv, wo er als Professor für Epidemiologie lehrte, bezweifelten das aber. Da sie um die Bewunderung wussten, die er während des Kriegs der Roten Armee entgegengebracht hatte, mutmaßten einige, er könnte in die UdSSR geflohen sein und Geheimnisse über Bio- und Chemiewaffen mitgenommen haben.

Ich sprach mit Klingbergs Frau Wanda. Sie sagte, sie wisse, wo ihr Mann sich aufhalte, könne es mir aber nicht sagen. Unmittelbar nach unserem Gespräch schlug jemand die Heckscheibe meines Mietwagens ein und stahl meinen Ausweis und eine Mappe mit meinem Notizheft und den Unterlagen über Klingberg. In der Geschichte, die der Observer am 8. September 1985 veröffentlichte, vermutete ich, Klingbergs Verschwinden könne etwas mit seiner geheimen Arbeit in Nes Ziona zu tun haben. Und ich schrieb, dass seine Kollegen annähmen, er sei in die UdSSR geflohen.

Obwohl Klingberg bis dahin noch nie mit heimlichen Forschungsarbeiten an Kampfstoffen in Verbindung gebracht worden war, untersagte es die Regierung in Tel Aviv israelischen Journalisten, der Sache nachzugehen. Die folgenden fünf Jahre wussten lediglich seine Frau und einige Angehörige, was wirklich geschehen war – und sie mussten sich zum Schweigen verpflichten.

Klingberg war heimlich wegen Spionage verhaftet worden. Er war der hochrangigste sowjetische Spion, der jemals in Israel festgenommen wurde. Der damals 64-Jährige wurde zur Höchststrafe von 20 Jahren verurteilt. Er bekam eine falsche Identität und saß die ersten zehn Jahre in Einzelhaft.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab die israelische Regierung 1993 schließlich zu, dass Klingberg im Gefängnis saß. Und dass er noch zehn weitere Jahre dort bleiben würde. Da er gesundheitliche Probleme hatte, traten 39 Knesset-Abgeordnete und Amnesty International für seine Begnadigung ein. Doch Israels Geheimdienste behaupteten, er stelle weiter ein Sicherheitsrisiko dar. 2003 durfte er das Land verlassen und nach Paris gehen – unter der Bedingung, niemals über die Arbeit in Nes Ziona zu sprechen.

Eine John-le-Carré-Welt

2007 veröffentlichte Klingberg zusammen mit seinem Anwalt ein Buch auf Hebräisch, in dem er beschreibt, wie er zum Spion wurde. Israelische Zensoren prüften vor der Veröffentlichung genau, ob es Geheiminformationen enthielt. Sehr anschaulich erzählt Klingberg, wie er kurz nach der Ankunft in Israel 1948 in eine John-le-Carré-Welt hineingerutscht war. Er traf seinen KGB-Kontakt alle drei Monate, indem er Zeichen mit Kreide an eine Mauer malte. Im Hinterzimmer einer russisch-orthodoxen Kirche stellte die Moskauer Zentrale Wodka und Kaviar bereit. Er trug den Decknamen Rok (Russisch: Schicksal), sein KGB-Kontakt hieß Viktor.

Es ist plausibel, dass Klingberg in Nes Ziona Zugang zu Geheimnissen hatte, die die Sowjets interessierten. In den 50ern und 60ern hinkte die Sowjetunion bei der Entwicklung von Chemie- und Biowaffen hinterher, und Nes Ziona war eines der führenden Labore für die Erforschung solcher Kampfstoffe. Im Lauf der Jahre haben dortige Wissenschaftler Arbeiten über Nervengase wie Tabun, Sarin und VX veröffentlicht. Und sie untersuchten, wie Insekten Pest, Typhus und Tollwut übertragen können – all diese Krankheiten wurden Teil des amerikanischen Arsenals, bevor die USA 1969 die Produktion biologischer und toxischer Kampfstoffe ächteten. Aus dem Bann wurde ein internationaler Waffenkontrollvertrag, die Biowaffenkonvention von 1972, die Israel aber nie unterzeichnet hat.

Die Moskauer Zentrale zeigte sich erkenntlich für Klingbergs Dienste. Bei einem Treffen wurde ihm der „Orden des Roten Banners der Arbeit“ verliehen – die zweithöchste Auszeichnung der Sowjetunion. Aber warum war er überhaupt zum Spion geworden? In seinem Buch erklärt er, er sei wie einige der Physiker, die an der Atombombe gearbeitet hatten, der Auffassung gewesen, dass beide Seiten die Geheimnisse der Massenvernichtungswaffen kennen sollten, weil damit die Wahrscheinlichkeit sinke, dass eine Seite sie einsetze.

Im Gespräch erzählt er mir, dass er aber auch persönliche Beweggründe hatte. Er hatte das Gefühl, den Russen etwas zu schulden, weil sie die Welt vor den Nazis gerettet hatten. Außerdem habe er sich auch weltanschaulich mit der Sowjetunion identifiziert. „Ich bin immer Kommunist gewesen – und ich bin es noch heute.“ Seine Entscheidung zu spionieren, sei völlig freiwillig gewesen.

Klingberg, ich und seine Tochter Sylvia – mittlerweile 66 – setzen uns und trinken Tee. In dem kleinen Zimmer befinden sich nur Bett, Tisch, Bücherregal, Sessel und ein paar Bilder. Überbleibsel eines langen, intensiven und tragischen Lebens, das sich über ein gewalttätiges Jahrhundert erstreckte: vom Zweiten Weltkrieg über mehrere Kriege zwischen Israel und den arabischen Staaten, den Kalten Krieg und das Wettrüsten der Supermächte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Während Klingberg davon erzählt, lebt er auf.

„Ihr Artikel im Observer zwang die Israelis zu dem Eingeständnis, dass ich im Gefängnis sitze“, sagt er und zeigt mir eine Kopie meiner Geschichte aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit. Klingbergs Tochter versuchte, mithilfe des Artikels einen Agentenaustausch zu organisieren. Obwohl sie wusste, dass man ihr fortan verbieten würde, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, startete sie eine Kampagne für seine Freilassung.

1986 kontaktierte sie den bekannten Menschenrechtsanwalt Antoine Comte in Paris. „Wir wussten nicht, wo wir anfangen sollten“, erzählte mir Comte. „Wir waren so naiv. Wir gingen in die russische Botschaft, um mit dem Kulturattaché zu sprechen. Er schlug vor Schreck die Hände über dem Kopf zusammen, weil er in eine Agentengeschichte hineingezogen wurde.“ Dann kontaktierte Comte Wolfgang Vogel, einen schillernden DDR-Anwalt, der mit dem Aushandeln von Agentenaustäuschen bekannt geworden war. Comte flog nach Ostberlin, erzählte Vogel von Klingbergs Geschichte und zeigte ihm den Ausschnitt mit dem Observer-Artikel – der Ausschnitt, der schließlich in der Stasi-Akte landete.

Befragungen im Hotel

Mehrere Monate später erhielt Comte einen Brief von Vogel, die Moskauer Zentrale müsse Klingbergs Geschichte überprüfen. Sylvia sollte nach Leningrad fahren. Nachdem sie dort im Hotel eingecheckt hatte, erhielt sie einen Anruf von einem Mann. Er war im selben Hotel und forderte sie auf, in sein Zimmer zu kommen. Sie trafen sich zweimal vier Stunden lang. Der Mann zeigte ihr Bilder und Dokumente. Sie war erstaunt, wie viel Privates er über sie wusste.

Zwei Jahre lang hörte sie danach nichts. Als Michail Gorbatschow Anfang 1988 Reformen einleitete, rief Vogel Comte an und bat um ein Treffen in Paris, zu dem auch ein Anwalt der israelischen Regierung kommen sollte. Vogels ursprünglicher Vorschlag war, Klingberg gegen amerikanische Agenten auszutauschen, die in der Sowjetunion inhaftiert waren. Doch der israelische Anwalt beharrte darauf, dass es ein Israeli sein müsse. Er wollte Ron Arad, einen Kapitän der Luftwaffe, der bei einem Einsatz im Libanon in die Gefangenschaft der Hisbollah geraten war. Wenn die Israelis Klingberg auslieferten, sollten die Sowjets die Freilassung Arads aushandeln. Der Tausch scheiterte. Klingberg blieb im Gefängnis, Arad starb im Libanon. Und die israelischen Geheimdienste wehrten sich vehement gegen Klingbergs Freilassung. Selbst als er seine Strafe abgesessen hatte, forderte das Verteidigungsministerium, Klingberg weiter unter Beobachtung zu halten. In einer Eingabe an das Gericht behauptete die Behörde, Klingbergs Gehirn enthalte „Informationen, derer dieser sich nicht bewusst“ sei. Seine Anwälte waren ratlos: Wie verteidigt man jemanden, dem Dinge vorgeworfen werden, von denen er nicht weiß, dass er sie weiß?

Schließlich lenkte das Ministerium ein, Klingberg durfte ausreisen. Drei Jahrzehnte später halten die USA nach wie vor an den Yellow-Rain-Vorwürfen fest. Standen die Pilzgifte jemals auf Moskaus Einkaufslisten, die die KGB-Leute Klingberg vorlegten? „Nie“, sagt er. Hat Moskau ihm gegenüber jemals Interesse an einer militärischen Anwendung von Pilzgiften gezeigt? „Nie.“

Wenn es 1985 zu unserem Interview gekommen wäre, hätte Klingberg der wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, die an dem Yellow-Rain-Vorwurf zweifelten, eine gewichtige Stimme hinzufügen können.

Während einem meiner Besuche in Paris feierte er auch seinen 95. Geburtstag, in einem kleinen Restaurant. Familienmitglieder waren da, befreundete Wissenschaftler, Antoine Comte und Klingbergs israelischer Anwalt Avigdor Feldman. Nach einem Ständchen lehnte sich Feldman über die Tafel und sagte: „Komm schon, Marek, was weißt du über das, von dem du nicht weißt, dass du es weißt? Nun sag es schon!“ Klingberg lachte und schüttelte den Kopf. Fröhlich unterhielt er sich dann mit seinen Gästen und ging später zu Fuß nach Hause.

Ich frage ihn, ob das, was er angeblich wissen soll, mit seinem Wissen über Fusarium und damit mit dem Yellow-Rain-Geheimnis zu tun haben könnte. „Kann sein“, antwortet er. „Ich weiß einfach nicht, wovon ich nicht weiß, dass ich es weiß.“

Peter Pringle war von 1981 bis 1985 Auslandskorrespondent des Observer. Er schreibt gerade ein Buch über die Yellow-Rain-Affäre

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Peter Pringle | The Guardian

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