Fünf Jahre in Frankreich

Eine Begegnung Früher war nicht alles besser. Und es gibt immer noch Menschen, die das bezeugen können
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Fünf Jahre in Frankreich
Nach dem Krieg kehrt der Alltag zurück: Paris 1947
Foto: AFP/Getty Images

Ich wollte ihm beim Rausgehen aus dem Dorfpost-Tante-Emma-Laden nur die Tür aufhalten. Der Boden war mit Paketen und frisch eingetroffener Ware zugestellt, es war eng. Ich wollte ihm nicht unterstellen, dass er es aus Altersgründen nicht mehr alleine geschafft hätte – es war die reine Höflichkeit, für eine gleichaltrige Frau oder einen jüngeren Mann hätte ich es genau so getan, weil ich in der besseren Position und näher an der Tür war. Auf meine Frage „Geht’s?“ antwortete er mit einem lächelnden „Ja, danke, die alten Knochen wollen ja nicht mehr so richtig. Aber ich war auch mal so jung wie Sie.“ Solche Dialoge, in denen fremde Leute mit ihrem Alter kokettieren, können furchtbar schief gehen. Trotzdem stieg ich darauf ein, denn er war mir nicht unsympathisch und einmal im Jahr kann sogar ich Small Talk machen. „Naja, ich bin ja auch schon vierzig.“ – „Da hab ich ja ganze fünfzig mehr!“

Ich sagte irgendwas verwundertes, was nicht nur höflich, sondern ehrlich gemeint war. Er sah höchstens aus wie Mitte siebzig – klein, aber nicht altersgekrümmt, mit wachen Augen, aber nicht diesem bohrenden Blick, den alte Leute manchmal haben, wenn in ihrem Leben nichts mehr los ist, außer alt zu sein. „Ja, die neunzig gibt man mir auch nicht – ich hab immer viel Sport gemacht, nie geraucht oder getrunken, vielleicht kommt’s daher. Und im Krieg war ich – ganz am Ende haben sie mich noch gekriegt. Und danach durfte ich für den Hitler noch fünf Jahre in Frankreich bleiben.“ Zweimal sei er abgehauen, „man wollte halt heim“, beide Male haben sie ihn wieder eingesammelt. Einmal hat er vier Tage durchgehalten „quer durch Frankreich in der Uniform, immer nachts.“ Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das wahrscheinlich auch unter „Sport“ läuft – aber ich glaube, er hätte es mir nicht übel genommen. In der vierten Nacht hat ihn ein Bauer mit der Mistgabel beim Eierklauen erwischt. Dafür gabs vier Wochen Einzelhaft. „Und ich kann die Franzosen so gut leiden, das glaubt mir nie einer, wenn ich das erzähle.“

Fünf Jahre in Frankreich. Nach meiner Rechnung war er 18 oder 19, als er auf den letzten Drücker noch mitmachen musste. Mit dem Leben davongekommen, klar. Immerhin. Was er genau erlebt hat, „das will ich nicht erzählen“, und ich habe auch nicht gefragt. Aber fünf wichtige Jahre im Leben einfach so weg – und das nicht im finsteren Mittelalter oder im 19. Jahrhundert, sondern zu Lebzeiten eines gesunden alten Mannes, der noch lebt, um davon zu erzählen. Wenn man genau drüber nachdenkt: Total irre. Was habe ich zwischen 19 und 24 gemacht? Abitur, Zivildienst, Studium, Auslandsaufenthalt. Party, Mädchen, Rock’n Roll. In Frieden und Sicherheit. Ohne Stacheldraht oder die Sorge, dass morgen einer kommt, der mir befiehlt, Frankreich zu überfallen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Ei geklaut und habe es auch nicht vor.

Wir plaudern noch eine Weile. Er ist außerdem Musiker, auch das habe ihn wohl jung gehalten, er habe viel in Altenheimen gespielt und wenn man sieht, wie die Leute da vor sich hin vegetieren, das sei ganz furchtbar. Und man solle dankbar sein, dass „der da oben“ einem noch die Chance gibt, dass man das vermeiden kann. Es ist auch ohne die Geste Richtung Himmel klar, dass er diesmal nicht den Hitler meint.

Wir wünschen uns einen schönen Tag. Er steigt auf sein Fahrrad (!) und fährt davon.

21:39 27.09.2016
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Geschrieben von

TomRüdell

Onlinejournalist aus Trier in Luxemburg. Mag Kultur & schönes Wetter. Dazulernender Familienvater.
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