Mittel der Macht

Literatur Nicola Gess hat analysiert, welche Rolle Halbwahrheiten im postfaktischen Diskurs spielen
Mittel der Macht
Die Professorin für Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel, Nicola Gess

Foto: Florian Moritz/Universität Basel

Schon in Lukian von Samosatas Lügengeschichten ruft Tychiades aus: „So groß ist die Macht der Lüge über den gemeinen Menschenverstand!“ Nicht zuletzt führt der große Satiriker diese Macht auf die Lust an der Lüge und auf ihre Verführungskraft zurück. Auch ist sie kein Klassen- oder Bildungsproblem. Mit einer moralischen Betrachtung und dem Plädoyer für mehr Bildung ist es also nicht getan, will man das Phänomen begreifen.

Die Halbwahrheit ist dabei so etwas wie das Chamäleon im Biotop von Lüge und Wahrheit. Selten erkennt man sie gut, zumal mit ihr „alternative Fakten“, Fake News, Erstunkenes und Erlogenes und nichts als die Wahrheit konkurrieren. Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess hat die Besonderheit dieser Manipulation von Wirklichkeit analysiert. Die zentrale Rolle, welche Halbwahrheiten im „postfaktischen“ Diskurs spielen, zeigt sie am Beispiel des Journalisten Claas Relotius, des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen und des Schriftstellers Uwe Tellkamp auf. Relotius ließ mit erfundenen Reportagen die Verkaufszahlen eines bereits etablierten Printmediums hochschnellen. Ken Jebsen dagegen musste sich eine breite Followerschaft erst aufbauen, indem er mittels privater Anekdoten den Vertrauten einer verunsicherten Leserschaft gab und Fakten nachrangig werden ließ. Tellkamp wiederum setzte auf die Produktion von (Schein-)Evidenz mittels einer Collage von Halbwahrheiten.

Halbwahrheiten, das besagt bereits der Begriff, könnte man als nichts Halbes und nichts Ganzes begreifen oder aber als ein Glas, das halb voll ist. Auf die Perspektive kommt es an. Neigen wir uns den Fakten bei der Analyse zu oder der Fiktion? Halbwahrheiten schlagen gemäß Gess die Brücke vom Raum der Tatsachen in den Raum der Spekulation. Sie sind also in beiden Quadranten gut aufgestellt. Gess begibt in das Reich der Fiktion und arbeitet die narrativen Strukturen des diskursiven Instruments „Halbwahrheiten“ heraus. Dieser dezidiert literaturwissenschaftliche Blickwinkel unterscheidet sich von der linguistischen Sichtweise auf das Thema. Linguistisch betrachtet ist die Halbwahrheit eine Form der Lüge wie auch „schwarze“, „weiße“ oder präsuppositionelle Lügen, also die stillschweigende Voraussetzung, die auf einer Lüge basiert.Auch das Verschweigen von Tatsachen wird als Lüge gewertet. So ist im Strafrecht von Unterlassung die Rede.

Gess bietet mit ihrem Fokus auf Fiktionalisierung von Tatsachen einerseits nun einen komplementären Ansatz zur linguistischen Kategorienbildung, andererseits zeigt sie auch deren Ungenügen auf. Sie trägt damit der Tatsache Rechnung, dass die Frage nach der Authentizität des Sprechenden längst die Frage nach Wahrheit abgelöst hat. Authentizität aber wird oft inszeniert. Konsequenz ist eine Nachsicht gegenüber dem Performer. Diese Tendenz zur Relativierung wiederum färbt ab auf die Unterscheidung wahr/falsch.

Fiktions- und Faktencheck

Mehr und mehr kommt es darauf an, wer spricht und wie gesprochen wird. Gess nun bietet für diesen veränderten Fokus das nötige Analysebesteck an. Sie plädiert für einen Fiktionscheck, der zwar den Faktencheck nicht ersetzt, aber der Komplexität der Halbwahrheiten erst gerecht wird. Bei der Analyse lässt es Gess aber nicht bewenden. Sie stellt gerade im Hinblick auf sogenannte Verschwörungstheorien die Frage, welche Gesellschaft diesen postfaktischen Diskurs hervorgebracht hat und nach wie vor ermöglicht. Welche Strukturen tragen dazu bei, dass Autonomie imaginiert wird und Sozialkritik und Verschwörungstheorien ein unheilvolles Amalgam bilden? Eine Gesellschaft, in der die Angst wächst vor Existenzverlust, lässt auch die Sehnsucht nicht zuletzt nach dem Manipulateur wachsen, der seine Anhänger beschützt. Lüge und Halbwahrheit sind daher mehr als nur ein Entertainment-Tool, das Lukian darin vermutet. Sie sind ein probates Mittel der Macht. An der Nase führen die Lügenbarone diejenigen herum, die sich in den Traum eines manichäischen Kampfes flüchten. Die lange Nase aber sieht man nicht. Es sei denn, man steckt die eigene in Gess’ Buch.

Info

Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit Nicola Gess Matthes & Seitz 2021, 157 S., 14 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 22.03.2021
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt,schwächt,hindert?:Ihr werd't Euch wundern!:Scharf wie'n Terrier macht se!!"Arno Schmidt
Ute Cohen

Ausgabe 14/2021

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