Auf einmal war er nicht mehr da

Trauerarbeit Einer meiner besten Freunde ist gestorben – und ich weiß nicht woran. Wie verarbeitet man einen ungelösten Tod?
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Jonas ist tot. Da steh ich nun. Geschockt, aber nicht überrascht
Jonas ist tot. Da steh ich nun. Geschockt, aber nicht überrascht

Foto: Yuri Kadobnov/AFP/Getty Images

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, fällt uns der Abschied oft schwer. Zu unbegreiflich ist der Tod, zu schmerzhaft der Verlust. Noch unverständlicher wird es, wenn die Todesursache nicht einmal bekannt ist. Wie eine hängende Schallplatte wird die Warum-Frage immer wieder aufgerufen und nie vollends beantwortet. Doch es gibt einen Ausweg.

Der verpasste Anruf in der Nacht

„Hallo Vini, ruf mich bitte ganz schnell zurück“, las ich eines Morgens mit halbgeöffneten Augen in meinen Whatsapp-Nachrichten. Mein Herz fing zu pochen an. Wenn dich ein Freund mitten in der Nacht anruft und um sofortigen Rückruf bittet, kann das eigentlich nur eines bedeuten.

„Hamdi, ist es das, was ich denke?“, fragte ich am anderen Ende der Leitung.
„Ja“, entgegnete dieser mit kühler Stimme, „Jonas...Er ist letzte Nacht im UKE verstorben“.

Fuck.

Die genaue Todesursache kannte er nicht. „Vieles ist noch unklar, ich kann dir leider nicht mehr sagen, als dass seine Maschinen heute Morgen abgestellt wurden. Tut mir Leid, dass ich dir diese Nachricht überbringen muss. Pass auf dich auf, wir sehen uns bald.“

FUCK.

Da steh ich nun. Geschockt, aber nicht überrascht. Denn wir, Jonas’ Freunde, haben es kommen sehen. Nicht erst seit gestern galt Jonas als größter Problemfall in unserem Freundeskreis. Drogen, Psychosen, merkwürdige Nachrichten mitten in der Nacht, Verfolgungswahn. Am Ende stand keiner von uns mehr mit ihm in gutem Kontakt. Mit den meisten Freunden hatte er sich zerstritten, ihnen böse Dinge unterstellt, Verschwörungen gesehen. Er nahm täglich Drogen – Kokain, Speed, Ritalin – und steigerte sich so mehr und mehr in seinen Wahn hinein. Wie viele scheiterte Jonas an den Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft, die einem spätestens nach der Schulzeit eiskalt gegenübertritt. Er sehnte sich nach den Sternen, wollte mit Kanye West und Virgil Abloh über neueste Modekollektionen fachsimpeln. Doch anstatt aus seinen Ideen Taten werden zu lassen, verlor er sich in psychotischen Visionen.

Kein Ausweg

Wir überlegten, was wir tun sollten und versuchten es mit einer Art drohenden Intervention: „Wenn du nicht sofort aufhörst oder dir Hilfe suchst, sagen wir deiner Familie Bescheid“, kündigten wir ihm an. Jonas sah daraufhin nur seine Verschwörungsfantasien bestätigt und riss sich umso mehr von uns los. Der Schwester sagten wir dennoch Bescheid. Und so hielt er auf Drängen seiner Eltern hin die Beine still, verbrachte mehr Zeit mit der Familie und schien sich mental und physisch zu erholen. Das war das letzte, was ich von ihm mitbekommen habe. Bis zu dem Telefonat mit Hamdi.

Jonas’ Familie gibt bis heute nichts über seinen Tod preis. Es gab keine Beerdigung, keine Benachrichtigung, kein klärendes Telefonat. Nicht einmal ein Grabstein wurde errichtet. Es scheint, als wollten die Eltern den Tod ihres Sohnes bis heute nicht wahrhaben.
Deshalb kann ich bis heute nicht mit Bestimmtheit sagen, woran Jonas gestorben ist. Erstmal hörte ich von einem asthmatischen Anfall, dann von einer Überdosis verschiedener Medikamente und Drogen.

Gelang es ihm weiterhin, seinen Konsum geheimzuhalten und den Eltern ein Saubermann-Image zu verkaufen? Vermutlich. War es am Ende gar Suizid? Möglich. Meine Gedanken rotieren im Kreis, finden kein Ende. Denn ich weiß nichts, kann nur Mutmaßungen anstellen wie ein zweitklassiger Sherlock Holmes.

Nicht mehr da, und doch hier

Mittlerweile ist Jonas seit über einem Jahr tot, und doch habe ich das Gefühl, dass er jede Sekunde aus einem Gebüsch hervortreten könnte. Dann würde er sagen: „Überraschung Bro, lange nicht gesehen“, und mir davon erzählen, dass er schlichtweg untertauchen musste um wieder zu sich zu finden. Die Schwierigkeit der Trauerarbeit wird durch den Umstand verstärkt, dass mein Kontakt zu ihm am Ende ohnehin sehr eingeschränkt war. Spätestens nachdem wir Jonas’ Eltern über sein Konsumverhalten aufgeklärt haben, wollte er nichts mehr mit mir uns tun haben. Und so war er auf einmal nicht mehr da. Aber irgendwie noch hier. Bis heute.

In unserem Kulturkreis gehen wir meist sehr rational an den Tod heran. Wir möchten zumindest auf einer Vernunftebene verstehen, wieso ein von uns geliebter Mensch nicht mehr bei uns weilt. Wie verarbeitet man jedoch einen Tod, der ungeklärt ist? Ein Tod, der wie ein einziges Mysterium erscheint, da sich seine Vor- und Nachgeschichte nur ungenau zu erkennen gibt? Ein Tod, der von den Angehörigen wie ein Tabuthema behandelt, sprichwörtlich totgeschwiegen wird?

Wie verarbeiten?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, spreche ich mit Frau Blumenberg. Als langjährige Trauerbegleiterin hilft sie Menschen tagtäglich dabei, den Tod einer geliebten Person besser zu verarbeiten. Am Telefon fragt sie mich, ob ich ein Interview oder ein Privatgespräch führen möchte. So genau kann ich das gar nicht sagen. Beides.

Ein paar Tage später befinden wir uns in ihrem Gesprächsraum im Institut für Trauerarbeit in Hamburg. Frau Blumenberg zündet eine Kerze an, ich erzähle. Dann ist sie dran.

Zunächst erklärt mir Frau Blumenberg, dass jeder Tod, ob aufgeklärt oder nicht, Fragen aufwirft. Fragen, die wir nicht immer vollständig beantworten können. Fragen, von denen man irgendwann auch absehen muss um Raum für Trauer zu schaffen. Sie erlebe oft Personen, die von Einrichtung

zu Einrichtung hetzen, um auf Teufel-komm-raus die bestmögliche Trauerbegleitung zu erfahren. Dabei ginge es vielmehr darum, Ruhe zu finden, durchzuatmen. Nur so gebe man den eigenen Gefühlen Platz.
Das leuchtet ein. Ein Universalrezept für Trauer kann es nicht geben, da diese immer individuell verläuft. Jeder und jede trauert anders. Erzwingen lässt sich die Verarbeitung eines Todes erst recht nicht. Trotzdem: Es muss doch Dinge geben, die ich aktiv tun kann, um über den Tod meines Freundes besser hinwegzukommen. Oder nicht?

Sicherlich gebe es diese, entgegnet Frau Blumenberg. Eine der effektivsten und gängigsten Wege sei die des gemeinsamen Rituals. Eines Rituals, in dem der Verlust eines geliebten Menschen wahrhaftig vor Augen geführt wird. Bei dem die Angehörigen gemeinsam trauern können. Gerade wenn dieses von einer ausgewählten Person geführt werde, sei es leichter, sich fallen zu lassen und aus dem Alltag herauszutreten. Ein safe space also. Das beste Beispiel hierzulande ist die Bestattung mit anschließender Trauerfeier.

Da diese im Falle meines Freundes leider offiziell entfiel, ermuntert mich Frau Blumenberg dazu, die Zügel selber in die Hand zu nehmen. Zum Beispiel könnte ich mit einem ausgewählten Kreis an Freunden zusammenkommen und gemeinsam trauern. Man könnte eine Kerze anzünden und eine Schweigeminute abhalten. Oder sich gegenseitig Texte vorlesen, die Jonas gewidmet sind.

Dies knüpft direkt an ihren nächsten Vorschlag an: Seine Gefühle künstlerisch oder im Gespräch auszudrücken. Mit Personen sprechen, Texte schreiben, Lieder singen, über Jonas’ Tod, meine Gefühle und alles, was mitspielt. Ich könne die Welt an meiner Trauer teilhaben lassen – oder die Texte danach verbrennen. Ganz wie es mir beliebe. Es sei einfach wichtig, nicht alles in sich hineinzufressen. Sich irgendwie auszudrücken. Den Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen.

Langsam bemerke ich die Ironie in diesem Gespräch. Denn das, was sie mir rät, tue ich ja gewissermaßen: Ich spreche mit ihr über meinen Freund Jonas und meine Unfähigkeit, seinen Tod zu verarbeiten. Außerdem verfasse ich diesen Text darüber. Auf diese Weise gebe ich meinen Gefühlen und Gedanken Raum. „Ich glaube, Sie sind genau auf dem richtigen Wege“, zwinkert sie mir aufmunternd zu.

Trauer ist immer auch eine Beschäftigung mit sich selbst. Man kann daraus lernen und wachsen. Man kann kaputt gehen. Dies hängt nicht nur von einem selbst ab. Jedoch kann man viel tun, um aus dieser furchtbaren Situation gestärkt herauszufinden. Egal, ob die Tränen ununterbrochen kullern oder man vielmehr keinen Zugang zu seinen Gefühlen findest: Sprich darüber, mal darüber, sing darüber. Und lass dir vor allem Zeit.

Letztendlich waren es nicht die Tipps von Frau Blumenberg, die mich hinsichtlich meiner Trauer ein gutes Stück vorangebracht haben, sondern der Umstand, dass sie da war. Mir zugehört hat. Wir uns eine Stunde lang über Jonas’ unergründlichen Fall unterhalten haben. Das hat geholfen. Ob ich nun sagen, dass ich mit Jonas’ Tod abgeschlossen habe? Sicher nicht. Doch ich verarbeite. Schaffe mir Raum. Schreibe. Vielleicht werde ich dieses Jahr sogar noch ein kleines Event zu Jonas’ Ehren initiieren. Vor allem versuche ich nicht mehr alles krampfhaft zu verstehen.

Info

Hilfe bei akuten Krisen bietet jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder auf telefonseelsorge.de.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Vincent Falke

Hamburg & Berlin. Schreiben um das Herz zu entzücken und den Leser zur verrücken.
Vincent Falke

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