Die Häutungen der Schlange

Revolte der Autoritären Der Historiker Volker Weiß zeigt in seiner "Archäologie" der langen Dauer rechter Bewegung den politischen Nutzen der Historie.
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Die Häutungen der Schlange
Den Liberalismus haben Rechte schon immer gehasst
Foto: Carsten Koall/Getty Images

Die Schlange: sie häutet sich, häutet sich wieder – und bleibt doch immer die gleiche. Mit diesen Worten erklärt Ellen Kositza, Ehefrau des neurechten Thinktankers Götz Kubitschek, das Emblem ihres Verlages Antaios. Unfreiwillig hat sie damit dem Historiker Volker Weiß das Leitmotiv seiner faktenreichen Untersuchung über die Genese der gegenwärtigen „autoritären Revolte“ gegeben. Ausgangspunkt ist ein „Ereignis“, das im Sinne Braudels einen Blick auf das Kommende vermittelt. Bei einem "zwischentag" der versammelten Rechten im Oktober 2012 treffen das rechte Urgestein Karlheinz Weißmann und der Rechtspopulist Michael Stürzenberger in einer Podiumsdiskussion aufeinander. Letzterer appelliert an die westlichen Werte und will aufgeregt den Islam „knacken“. Weißmann kontert cool: Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, Menschen anderer Kultur von irgendetwas zu befreien. Applaus im Publikum. Jemand ruft: Am Liberalismus gehen Völker zugrunde, nicht am Islam. Der Zwischenrufer ist Martin Lichtmesz, Autor der rechtsextremen Zeitschrift „Sezession“.

Als Fachmann für völkische Ideologiegeschichte erkennt Volker Weiß im Zwischenruf die Variante eines Zitats des Weimarer Ideologen Moeller van den Bruck, Verfasser des emblematischen Buchs „Das Dritte Reich“. Weiß unternimmt es, quasi archäologisch im „faschistischen Terrain“ Schicht für Schicht die ideologischen Stränge und ihre Verästelungen freizulegen. Dass er dabei er nicht wenige Schlangenhäute findet, hat politische Brisanz. Schließlich hat die Bewegung seit 2012 einen enormen Aufschwung erlebt. Nazisprache findet wieder Akzeptanz, erobert sichdie Alltagssprache (zurück). Die alten Ideologeme werden nicht mehr verdruckst vorgetragen, sondern in den lautstarken Formen der alten 68er. Die AfD kann zur drittstärksten Partei werden (wenn sie sich nicht selbst zerlegt). Und die Gegenwehr der Linken wirkt hilf- und ratlos.

Und immer grüßt Mohler

Einer der frühen Geburtshelfer der Neuen Rechten ist der Schweizer Armin Mohler (1920-2003). Auf ihn stößt Weiß bei seiner archäologischen Arbeit immer wieder. Mohler ist in gewisser Weise der Meister der heutigen rechten Führergestalten. Der Ernst-Jünger-Leser meldet sich 1941 zur Waffen-SS, zieht dann aber doch ein Kunstgeschichtsstudium in Berlin vor. 1949 promoviert er bei Jaspers über die „Konservative Revolution“. Darin vertritt er die Interpretation, die „konservativen Revolutionäre“ hätten nichts mit den Nazis zu tun, was angesichts solcher „Revolutionäre“ wie Schmitt, Forsthoff, Grimm und Wirsing wohl eher eine Legende ist, aber eine weit ausstrahlende. Und eine karrierefördernde: Mohler wird noch 1949 Privatsekretär Jüngers, geht 1953 als Pressekorrespondent nach Paris , wird Autor für „Christ und Welt“ (vom ehemaligen „konservativen Revolutionär“ und Nazi Wirsing geleitet) und begeistert sich zusehends für die souveränistische Politik de Gaulles. 1961 geht er (auf Empfehlung, versteht sich) zur Siemens Stiftung. Er wird gar Berater von Franz Josef Strauß. Der fleißige Netzwerker bekommt „Schüler“ und hilft bei der Gründung rechter Zeitschriften. Dabei dehnt er den Begriff des „Konservativen“ stets so weit, wie es eben nur ging (Weiß). Und selbstverständlich tradiert auch er den van den Bruck-Satz An Liberalismus gehen die Völker zu Grunde.

Von Mohler geht wiederum ein direkter (Autoren-)Strang zur Jungen Freiheit, 1986 von Korpsstudenten gegründet. Mohler selbst verbreitet im Blatt Ideologeme der „Konservativen Revolution“. Allerdings kommt es über seinen sehr unangenehmen Umgang mit der Shoah zum Zerwürfnis. Er hat, so Weiß, gegen eines der ungeschriebenen Gesetze der Neuen Rechte verstoßen, das gebot, die Verbrechen der Vergangenheit zu relativieren statt sie zu leugnen. Noch ist die Rechte in der Defensive. Der Kampf der 90er Jahre um die Erinnerung an die Wehrmachtsverbrechen zeigt sie eindeutig als Verliererin. 2000 gründen Kubitschek und Weißmann das Institut für Staatspolitik, in ihrem Selbstverständnis ein „Reemtsma-Institut von rechts“. Weißmanns Ziel: das geistige Vakuum, das in der Union herrscht, auszufüllen, „metapolitisch“, wie man in den Kreisen zu sagen pflegt, die kulturelle Hegemonie zu gewinnen. Die Sezession wird gegründet. Schon in den 90er hat un certain Botho Strauß vom Mut zur Sezession gesprochen, zur Abkehr vom Mainstream. Er meint damit ein versprengtes Häuflein von Nichteinverstandenen. Und in der Tat bildet sich so etwas wie ein „jungkonservatives Kartell“ heraus, radikaler als die rechten Herren mit beginnendem Embonpoint von der JF.

Die Bewegung europäisiert sich immer stärker. Bei den italienischen Neofaschisten entdecken sie die Figur des „autoritären Rebellen“, während die JF die Gründung der AfD unterstützt. Bis heute ist der Streit zwischen völkischer und nationalliberaler Strömung noch nicht entschieden.

Wanderer, kommst du...

Ein interessantes Kapitel widmet der Autor den Identitären. Sie agieren in den ideologischen Formen der „Natonalrevolutionäre“ der Weimarer Zeit. Und sie sind ein weiteres Beispiel der deutsch-französischen Synergien in der Geschichte der Neuen Rechten. Hier macht die JF wider mit. Deren Chef, Dieter Stein, schwärmt von der „neuen Jugend“, deren Aktionen er gleich „metapolitisch“ interpretiert: Es geht um die Herrschaft über den öffentlichen Raum. Dazu gehört die junge Mannen faszinierende Selbstinszenierung als „Spartaner“ im Termopylenkampf gegen die „Fremden“.

Aber auch diese „adoleszente Trotzigkeit“ (Weiß) ist nicht neu. Schon die (deutschen) Situationisten der 60er haben eine Tendenz zum Nationalen. Nicht wenige subversive 68er finden sich recht schnell auf der extremen Rechten wieder (Rabehl, Böckelmann, Maschke). Allerdings, und das ist weniger bekannt, reicht die Ahnengalerie bis in die späten 50er Jahre zurück. Der Mohlerschüler Marcel Hepp und sein Bruder Robert agitieren mit ähnlichen Methoden für ihre „Katholische Front“. Marcel Hepp bringt es später zum Referenten von Strauß und Herausgeber des Bayernkurier (auf Vermittlung Mohlers). Es gibt also eine lange Tradition der Aufmerksamkeitsökonomie, an die Pegida, Legida, AfD etc. anknüpfen können. Und natürlich haben sie von ihren "geliebten Feinden“, den 68ern, gelernt. Dazu gehört auch – in Schmittscher Tradition - die Begrifflichkeit. Weiß zeigt dies detailliert am Begriff des Abendlands, eine „völlig unfundierte Fiktion“, deren Stärke aber das Unkonkrete, das Übergeschichtliche, ist. Die Bedeutung oszilliert vom mittelalterlichen Reichssgedanken bis zum nationalbolschewistischen Widerstand. Stets aber repräsentiert sie „unsere“ Kultur, die es zu verteidigen gilt.

Bei Pegida steht das Abendland gar als Kampfbegriff für die Ablehnung Europas und gleichzeitig für prorussische Orientierung. Die alte Eurasienidee, ein Kontinentalbündnis Moskau-Berlin(-Paris?) lebt auch „dank“ des auratischen Alexander Dugin wieder auf. Und immer wieder stößt der Historiker auf Carl Schmitt und dessen entschiedene Ablehnung des westlichen Universalismus. Der europäische Raum muss folgerichtig gegen „raumferne Mächte“ abgeschirmt werden. Bei Gauland (AfD) klingt das so: die Annexion der Krim sei zweifellos nicht „legal“, aber „legitim“. Echte Herrschaft, hat Schmitt verkündet, kann sich auch über den rechtlichen Rahmen erheben. In der radikalen Variante, bei Dugin, heißt es: Unterschiedliche Gesellschaften haben unterschiedliche Werte. Es gibt keine universellen Werte. Punkt.

Zum gerne angenommenen Schmittschen Erbe gehört natürlich auch der Feindbegriff: Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Das „Eigene“ der Deutschen ist von zwei „Feinden“ bedroht: der islamischen Expansion und der „Amerikanisierung“. Zur ersten stehen die Abendländer in „wirklicher“, zur zweiten in „absoluter“ Feindschaft. Weiß kann zeigen, dass die Muslime für die Rechten zwar das „Fremde“ darstellen, dass es aber andererseits durchaus eine Art Hassliebe gibt (nach historischen Modellen). Im Männlichkeitskult und in der Homophobie finden sich z.B. Gemeinsamkeiten.

Der „absolute“ Feind trägt für die Kämpfer des Eigenen die Merkmale des „ortlos“ und „destruktiv“ zirkulierenden Kapitals (Weiß). Es ist der zersetzende westliche Liberalismus. Erinnert sei noch einmal an die oben zitierte Krankheitsmetapher van den Brucks. Und hier ist auch die Verbindung zum (antizionistischen) Antisemitismus geknüpft: das Judentum ist nicht das "Fremde", sondern das „Andere“.

Weiß demonstriert eindrücklich den Nutzen der Historie für die Erkennntis unserer Gegenwart. Er konstatiert ebenfalls, dass die Linke in der politischen Konstellation keine gute Figur macht. Zum Beispiel schweigt sie „in der Komfortzone“, wenn es um die offensive Verteidigung universalistischer Werte geht, wie er am Beispiel des algerischen Autors Kamel Daoud zeigt. Die Verwandtschaft von Rechten und Islamisten wird gedacht, aber nicht offen ausgesprochen. Das „Verschwinden der Frau“, so Weiß ironisch, wird am Beispiel des viktorianischen Bürgertums des 19. Jahrhunderts thematisiert, nicht aber im Bezug auf das „Dreigespann Sexualität, Tod und Religion“ als den „Kern der Frauenfeindlichkeit im Nahen Osten“ (Mona Eltahawy). Aus Angst vor Rassismus tappen die Linken in die identitäre Falle. Und so steht am Ende die etwas verzweifelte Erkenntnis: Gewaltige Anstrengungen werden nötig sein, denn es ist kein Naturgesetz, dass die Seite der Emanzipation gewinnt.

Das Buch war für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das ist erfreulich. Dass es geschrieben werden musste, allerdings weniger.

Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017 (Klett Cotta)

12:16 02.04.2017
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