„Licht und Staub“

Champs-Elysées Ludivine Bantigny hat eine hochaktuelle politische und soziale Geschichte der „schönsten Avenue der Welt“ geschrieben.
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„Licht und Staub“
„Das bezaubernde charmantes Äußere der Champs verbirgt grausame Kälte, hinter dem Lametta lauert Brutalität“, schreibt die Sozialhistorikerin Ludivine Bantigny

Foto: Francois Mori/POOL/AFP via Getty Images

„Aux Champs-Elysées, aux Champs-Elysées

Au soleil, à la pluie, à midi, où à minuit

Il y a tout ce que vous voulez aux Champs-Elysées.“

„Auf den Champs-Elysées, auf den Champs-Elysées

Scheint die Sonne, gießt der Regen, ist es Mittag oder Nacht

Alles, was ihr wollt, gibt’s auf den Champs-Elysées.“

Dass der Französischunterricht bei allen Schülern tiefe Spuren hinterlässt, ist wohl etwas übertrieben. Aber der Refrain des Popklassikers Joe Dassins ist doch bei einigen hängengeblieben. Der Text mag sich verflüchtigt haben, die Melodie bleibt präsent und erzeugt ein Lächeln. Besonders in diesen viralen Zeiten unserer „Verkäfigung“. Einen Tag, oder auch nur eine Stunde, die Freiheit auf der schönsten Avenue der Welt“ genießen! Die „Jours heureux“! Oder auch nur die Illusion!

"Glückliche Zeiten“? Die Sozialhistorikerin Ludivine Bantigny holt uns schnell in die Wirklichkeit zurück (1). Und im Grunde wussten wir es schon immer:

Das bezaubernde Äußere der Champs verbirgt grausame Kälte, hinter dem Lametta lauert Brutalität.

Ihren homerischen Namen bekam die Avenue in der Spätzeit des Sonnenkönigs. Die „elysischen Gefilde“ (oder: „Felder“) sind zwar Teil der Unterwelt, sie werden aber bewohnt von verdienten Heroen mit ewigem Leben und ewiger Jugend. Friedlich plätschert Lethe durch die „Champs“. Von überall her erklingen zarte Poeme und friedliche Lieder. Arkadien. Das Paradies. Die historische Prosa ist leider (?) weniger schön.

Königliche Straße

Der so genannte „Grand-Cours“ wurde ab 1667 auf Befehl Louis XIV als direkte Verbindung von Versailles zu den Tuilerien gebaut. Er führte durch eine Sumpf- und Weidelandschaft, oft überschwemmt. Lethe, also die Seine, war eher eine Kloake. In dieser höfischen Zeit orientierte sich die gute Pariser Gesellschaft nach Westen, in Richtung Königspalast. Die Champs entwickelten sich. Man (also die Maurer und Zimmerer) baute(n) „Hôtels“ genannte Stadtpaläste. Man planierte, begradigte, pflanzte Ulmen, symmetrisch à la française, bewahrte aber auch einige Idyllen, in denen sich die Aristokraten, gefolgt von ihrem Personal, ergehen und erfrischen konnten. Und unter anderem Gedichte rezitierten und (Hirten-)Lieder sangen. Es entwickelte sich eine Struktur langer Dauer, in den Worten des klassischen Autors La Bruyère:

In hundert Jahren lebt sie immer noch, die Welt, so wie sie ist. Dasselbe Theater, dasselbe Dekor, nur die Schauspieler sind andere.

Anfang Oktober 1789 begaben sich die einfachen Pariser Frauen und Männer in die Gefielde, um die französischen Royals nach Paris zu holen, mit etwas Gewalt. Ein Anlass für die Guten und Schönen, sich vornehm und gebildet über die „Horde“ zu erregen, vor allem über die Frauen: „Harpien“, „Freudenmädchen“, „Fischweiber“, „Bacchantinnen“. Und noch einmal wurde die Königsfamilie über die Champs zurückgeführt werden, im Juni 1791, nach ihrer misslungenen Flucht. Die Bevölkerung begrüßte sie mit eisigem Schweigen.

(Gegen-)Macht

Ein gutes Jahr später ereignete sich eine Art Ur-Szene auf den elysischen Feldern. Königstreue Nationalgardisten störten ein Revolutionsfest zu Ehren Marseiller Föderierter. Man provozierte sich gegenseitig. Aus der feiernden Menge wurden Steine geworfen, die Ordnungskräfte zogen blank und töteten einige Feiernde. Zu ihrem Gedenken benannte man das Lied „Aufbruch der Rheinarmee“ in „Die Marseillaise“ um.

Das Elysium war endgültig ein Konkurrenz-Raum, in dem das soziale und politische „Spiel“ von Nähe und Distanz zu blutigem Ernst werden konnte. Der Pariskenner Eric Hazan schreibt:

Nach meiner Überzeugung ist Paris immer noch, wie vor zweihundert Jahren, das große Schlachtfeld im Bürgerkrieg zwischen Aristokraten und Sans-Culotten.

Auch in Zeiten von Ruhe und Ordnung waren die Volksmassen beunruhigend. Die triumphalistische Machtpräsentation durch Siegerparaden (der große Napoleon, die Heilige Allianz, der „kleine“ Napoleon, 1871 die preußischen Militärs, 1919 die allierten Siegermächte, Hitler 1940 und De Gaulle und Churchill 1944), das jährliche Militärdéfilé des 14. Juli, selbst politische und/oder kulturelle Events wie Beerdigungen (Victor Hugo, Johnny Haliday) oder Großfeuerwerke zu Sylvester hatten (und haben) den „angenehmen“ Effekt, die Massen zu kurz- bis mittelfristig zu tranquilisieren. Denn die Gefahr war (und ist) real: Gerne zeigen diese ihre Macht, gerade auf dem schönsten Boulevard der Welt: 1789ff, 1830, 1848, 1934-36, 1944, 1961, 1968, 2018-19, um nur die markanten Daten zu nennen.

Aber ansonsten brauchte „man“ von Beginn an die Unterschichten, auch wenn sie fast unsichtbar sind, z.B. bei der Pflege von Theater und Dekor am frühen Morgen und späten Abend. Nachdem man ihre letzten Arbeiterbehausungen in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen hatte, um die urbanen Pläne der Moderne verwirklichen zu können (und die entsprechende Renditen zu erzielen), siedelte man die Arbeiterklasse in der Nähe, aber jenseits der Place de l'Etoile an. Der Platz mit dem beeindruckenden Triumphbogen wurde damit zu einer sozialen Grenze, die jedoch an den Zahlsonntagen von den Arbeiterfamilien, oft im neuen Chic, übertreten wurde, um die populären Cafés-Concerts oder den Guignol (Kasper) zu besuchen. Letzterer war nicht unumstritten, weil er nicht nur den Bösewicht, sondern auch den Ordnungshüter verdrosch.

Die Oberklassen zeigten sich und den Paupern die Instrumente der Ostentation. Der Raum ist – mit Lefebvre – sozial und politisch. Es geht um nichts weniger als die Hegemonie, auch in der eigenen Klasse. In der „Education sentimentale“ nennt Flaubert die Kutschwagen, mit denen die Herren konkurrieren: „berlines, calèches, briskas, wursts, tandems, tilburys. dog-carts, tapissières, grands coupés.“ Proust beschreibt in „Du côté de chez Swann“ die Scham, die der kleine Marcel empfindet, als er auf den Champs erkennen muss, dass sein Kindermädchen keine Kleider à la mode trägt.

Dasselbe Theater, dasselbe Dekor, voller „Licht und Staub, den zwei Bestandteilen des Ruhms“ (Victor Hugo).

Hoch interessant ist die historische Tiefe von Ereignissen der Gegenwart. Schließlich lässt uns die Viruskrise vergessen, dass noch vor kurzem die Champs Ort heftiger Gelbwestendemos waren. Die „hasserfüllten Massen“ (französischer Präsident) wollten sich tatsächlich – wenigstens in der arbeitsfreien Zeit des Wochenende – die Bühne der Bourgeois und Touristen aneignen.

Angriff auf die Republik I - Triumphbogen

Am 1. Dezember lieferten sich Polizei und Gelbwesten erbitterte Kämpfe auf der Place de l'Etoile. Zeitweise gelang es letzteren, die Polizisten trotz tapferer Gegenwehr vom Triumphbogen zu vertreiben. Sie richteten dann Schreckliches an: Graffiti wurden an die Pfeiler des geheiligten Bogens der Nation gesprüht („Die Gelbwesten werden triumphieren!“), und im Innern wurde wurde gar einem riesiger weiblicher Gipskopf das blitzende Auge ausgeschlagen. Der Innenminister Castaner sprach – wie so oft - von einem „Angriff auf die Symbole unseres Vaterlandes“. Macron betrauerte persönlich vor dem Triumphbogen und den Kameras die Untaten. Der Triumphbogen sei „besudelt“ worden. Und fast alle Medien, vom Figaro bis zur NZZ, wussten: die Gelbwesten haben mit der Figur der Marianne die Republik angegriffen. Allein, sie hatten sich im „Empire der Zeichen und Bilder“ (Emmanuel Fureix) gehörig verlaufen. Der Gipskopf gehört zu einer 1836 skulptierten allegorischen Figur, die unter ihrem Helm schnaubend den „Freiwilligen von 1792“ die Richtung zum Feind zeigt. Man nennt sie die „Marseillaise“.

Das 1806 von Bonaparte geplante, aber erst 1836 unter Louis Philippe, dem „Bürgerkönig“, fertiggestellte Monument ist historisch alles andere als republikanisch. Bei seiner Einweihung wurde der König, der ein Attentat fürchtete, durch seinen Innenminister Thiers, dem späteren „Schlächter der Commune“, ersetzt. Der nahm die alte Idee Bonapartes auf und ließ die Namen von 384 Generälen und 96 Schlachten eingravieren. Bantigny zufolge

ist der Triumphbogen kein republikanisches Monument, sondern das Emblem der Nation im Krieg, eine imperiale Metapher.

Das Hochrelief, dessen Replik der Hauptfigur so gefrevelt wurde, ist „der Krieg in Extase“.Nicht umsonst wurde der Triumphbogen Treffpunkt der extremen Rechten (die Linke zog immer das Panthéon vor). Der unbekannte Soldat unter der „geheiligten Platte“ aus dem Jahr 1921, auf der Gelbwesten am 1. Dezember 2018 angeblich mit „grölenden Stimmen“ sangen (so die NZZ), verdankt sein Grab nationalistischen Soldatenverbänden und der damaligen rechten Mehrheit im Parlament. Den Pantheon verwehrte man dem früh Gestorbenen, weil er kein „Großer Mann“ sei und zudem – so der rechtsextreme Schriftsteller Léon Daudet – durch die Nähe des Dreyfusard Emile Zola im Panthéon „besudelt“ würde. Die oppositionellen Sozialisten haten ihrerseits ironisch die Inschrift vorgeschlagen: „Anonymes Opfer der Profiteure“. Seit 1930 wird jeden Abend um 18.30 Uhr zur Freude der Touristen die „ewige Flamme“ entzündet, von einem Soldaten und einem Kind oder Jugendlichen. Die Hymne des Pétainregimes, „Maréchal, nous voilà“ (1941), scheint daran anzuknüpfen:

Une flamme sacrée

Monte du sol natal

Et la France enivrée

Te salue, Maréchal!

Etwas frei übertragen (Kitsch ist so schwer zu übersetzen!):

„Eine Flamme so heilig

Aus dem Heimatboden steigt

Und ein Frankreich im Rausch,

Grüßt Dich, Maréchal!“

Die manifeste Absicht wurde jedoch des öfteren „gedreht“: Am 11. November 1940 protestierten 3000 Studenten und Schüler unter Bezug auf den unbekannten Soldaten gegen die deutsche Besatzung und deren Militärparaden auf den Champs. Am 26. August 1944 entzündete der Befreier General de Gaulle persönlich die Flamme. 1970 z.B. ehrten einige Feministinnen „diejenige, die noch unbekannter als der unbekannte Soldat ist: seine Frau“.Immer wieder demonstrierten Obdachlose, Aidskranke, streikende Arbeiter vor dem Koloss.

Und eben die Gelbwesten. Von ihren "Untaten" ist heute nichts mehr zu sehen. Denn fortan wurde der Triumphbogen wie eine Festung abgeriegelt. Panzerwagen schützten das Riesensymbol. Den Vorschlag des Philosophen Luc Ferry, bewaffnetes zum Schutz der Republik einzusetzen, hat man nach reiflicher Überlegung doch verworfen. Die Graffiti sind entfernt, und vor allem: die Gipsfigur ist wieder makellos und rein.

Angriff auf die Republik II - das "Fouquet's"

Eine ganz andere Sakralität repräsentiert das „Fouquet's“. Auch dieses Monument wurde Opfer der Gelbwesten. Am 16. März 2019 wurde es zum Teil verwüstet. Tische und Stühle wurden umgeworfen. Die berühmte rote Markise stand in Flammen (die Ursache ist noch immer nicht bekannt). Ein demonstrierendes Paar aus der Touraine ließ gar einige Gabeln mitgehen und stellte die Beutefotos ins Internet. Die Bilder der roten Markise in Flammen wurden zum medialen Dauerbrenner gemacht. Macron sah – natülich - einen Angriff auf die Republik, Christophe Barbier, Dauer- Kommentator des einflussreichen Senders BFM TV, einen Angriff v das „Abendland von Nihilisten angegriffen“. Viele Gelbwesten nahmen den Vorfall eher ironisch:

Normalerweise brennt hier nur die Kreditkarte.

Die Preise der Brasserie werden heiß.

Machen die immer noch ihre Crème brûlée?

Historisch (und politisch) ist die Häme erkläbar.

Der Limonadenhersteller Louis Foquet eröffnete 1889 auf den Champs eine Kneipe für die Kutscher, die hier - oft sehr lang - auf ihre Herren warteten. Die Klientel änderte sich schnell. Die Geschichte des Etablissements ist auch die Geschichte von Sport und Moden. Die Stammgäste waren Rennpferdbesitzer und Jockeys, Flieger, Automobilkonstrukteure (Renault, Bugatti), Modezaren. Es folgten Verleger und ihre Schriftsteller. Renommierte Köche der Escoffier-Schule besorgten die nötigen Sterne. Für die Linke war das Fouquet's offiziell ein „No-Go“. Jean Renoir lässt Gabin in der „Grande Illusion“ (1937) sagen:

Fouquet's, oh, das ist 'ne Bar , Champs-Elysées, Paris. Ich gehe niemals in Ecken wie Fouquet's, Maxim's... Ich ziehe 'nen kleines ruhiges Bistro mit einem guten Wein vor.

Allerdings waren Renoir und Gabin Stammgäste im Fouquet's.

Während der deutschen Okkupation waren – zur Freude mancher Gäste – die „Metöken“ (Lucien Rabatet) nicht zugelassen. Das Fouquet's wurde zur Szene-Brasserie der deutschen Offiziere; zu deren Quartier im Hotel Raphael war es nicht weit (auf der Dachterrasse genoss nicht nur Ernst Jünger die grandiose Sicht auf den Triumphbogen und Erdbeeren in Burgunder). Für manche Geschäfte auf den Champs war die Besatzung halt... belebend.

In der Nachkriegszeit wurde das „Fouquet's“ „the place to be“ der Kinogrößen, ob vor der Kamera oder auf dem Regiestuhl: Chabrol, Truffaut, Verneuil, Molinaro, Melina Mercouri, Ingrid Bergmann, der charmante Charles Boyer und der schlagfeste Lino Ventura. Seit 1976 wird hier das Galadiner aus Anlass der César-Verleihungen zelebriert. Allerdings ließ die Küche ziemlich nach, und Ende der 80er sollte der Mietvertrag nicht verlängert werden. Eine Solidaritätskampagne mit den Testimonials Aznavour, Nicholson, Belmondo, Rainier de Monaco war der Meinung:

Das Fouquet's gehört nicht nur denen, die es besitzen, sondern auch denen, die es betrachten.

Das konnte man nicht widerlegen. Der sozialistische Kulturminister Jack Lang rettete die Institution, indem er die Edelkneipe zum Monument historique erklären ließ. Seit 1998 gehört das „Fouquet's“ zur Hotelgruppe Barrière (1,2 Milliarden Umsatz), die auch das über dem Resto gelegene Nobelhotel „Barrière-Le Fouquet's“ führt (aktueller Zimmerpreis: 800 Euro plus). Der Eigentümer ist Freund eines gewissen Nicolas Sarkozy, der hier seinen Wahlsieg im Mai 2007 begoss. Die „Nacht des Fouquet's“ war eine klare politische Ansage: Es feierten Milliardäre (Arnault, Bolloré, Dassault, Frère), Generaldirektoren (Versicherungen, Verlagswesen, Pharma, Medien), Sportler und Künstler (Johnny Halliday). Diese Maiennacht wurde zum Emblem des „Sarkoberlusconismus“.

Es ist also verständlich (natürlich nicht verzeihlich), dass sich der Zorn bestimmter Gelbwesten und „Casseure“ auf das „Fouquet's“ richtete. Vom Betrachten wird man nicht satt. Es gibt eine Grenze des Ostentativen. Und auch wenn die Kommentatoren und Staatsanwälte pflicht- und vertragsgemäß die strenge Bestrafung der Übeltäter forderten, sahen die Richter es etwas anders: Das Gabelklauerpärchen aus der Touraine kam im November 2019 mit einer einmonatigen Bewährungsstrafe davon. Es konnte belegen, dass ein privater Wachmann ihm die Fourchettes zugesteckt habe („Kommt sowieso in die Tonne“).

Das Fouquet's selbst erstrahlt in neuem alten Glanz. Die Barrière-Gruppe konnte im März 2019 verkünden:

Die 110 Mitarbeiter der Brasserie finden ihre restaurierte Arbeitsstätte wieder, für Sie ein außergewöhnlicher Ort der Champs-Elysées um das Defilé des 14. Juli zu beobachten.

Damit die Horden in gelben Westen der Nation nicht in die Parade fuhren, waren am 14. Juli Tausende Polizisten beauftragt, jeden zu verfolgen,der irgendetwas Gelbes trug. Erfolgreich: die Ggelbwesten blieben (weitestgehend) draußen, und Champs blieben „rein“. Auch die Edition 2020 des Galadiners der César-Nominierten konnte ungestört stattfinden. Obwohl..., es gab eine Revolution. Zum „Champagne Comtesse de Cérhès 1er Cru Baron Henri 2015“ servierte Starkoch Pierre Gagnaire (unter anderem) ein hundertprozentig vegetarisches Menu. Aber am Vorabend der Epidemie und nach dem Skandal um die Preisverleihung war die Stimmung wohl eher bedrückt: „eine noch nie dagewesene Mélange von Champagner, Freude und Zorn“, so der Figaro.

Zukunftspläne

Dass die Gelbwesten die „schönste Avenue der Welt“ zu einer „Avenue des Aufstands“ (Bantigny) machten, ist historisch nicht verwunderlich. Interessant ist, dass dies in einer Zeit geschieht, in der die Avenue selbst ein wenig aus dieser gefallen ist. Sie läuft Gefahr, den Zeitgeist zu verpassen. Ein „Comité Champs-Elysées“ (hinter dem sich Vuitton, Nike, Deutsche Bank, Tiffany, Fouquet's und -natürlich – der Rotary-Club nicht verbergen) hat deshalb das Projekt „Die Champs-Elysées rück-verzaubern“ initiiert. Ziel: weniger Autoverkehr, mehr lustvolles Promenieren (und Konsumieren), ein wenig also wie im 18. Jahrhundert. Ein kleines Detail ist jedoch spannend: Die lauten Pflaster sollen durch einen stillen Belag ersetzt werden. Einige „Casseure“ werden dies bedauern. Aber dafür soll es am Arc-de-Triomphe im Winter eine Eisbahn geben, im Frühjahr einen Blumenmarkt und im Sommer einen Strand. Das erinnert – sehr entfernt und doch nah – an Utopien der Französischen Revolution. Und klingt wie ein bourgeoises 68er Pastiche: „Après le pavé la plage“. Aber ob dies das Volk von seinem Recht auf die Stadt abhalten wird, ist doch arg fraglich. Die Welt des „Après“ sollte doch ein wenig mehr sein. Und die Vuitton, Nike, Deutsche Bank etc. weniger, bedeutend weniger.

Oh Champs-Elysées!

Ludivine Bantigny, "La plus belle avenue du monde". Une histoire sociale et politique des Champs-Elysées. Paris 2020 (La Découverte)

Eric Hazan, Paris sous tension. Paris 2011 (La fabrique)

17:11 08.05.2020
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