Ein wütender Prophet

Heilige Helden Glühwürmchensuche in Italien von Pier Paolo Pasoloni über Milo Rau zu anderen Heiligen und Wundern
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Ein wütender Prophet
Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini während der Dreharbeiten zu seinem Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ – etwa 1962

Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Die Glühwürmchen erwähnte Pasolini zum ersten Mal in einem Brief an Franco Farolfi am 31. Januar 1941. Mit einigen Freunden war Pasolini in einer mondlosen Nacht auf einen Hügel gestiegen und hatte eine Unmenge von Glühwürmchen entdeckt. Er schrieb: „Sie bildeten Feuerwälder in den Sträuchern und wir beneideten sie, weil sie sich liebten, weil sie einander mit Licht und Liebesflügen suchten.“ In einer Zeit, in der in Italien Krieg und Faschismus herrschten, war dieser Moment des Lachens, des Begehrens, der Freude und der Freundschaft für Pasolini ein Moment der Unschuld.

Fast auf den Tag genau 34 Jahre später veröffentlichte Pasolini seine Totenklage über das Verschwinden der Glühwürmchen. "Ich gäbe, auch wenn er ein Multi ist, den ganzen Montedison-Konzern für ein Glühwürmchen." Er nannte den kulturellen Niedergang Italiens durch die Industrialisierung und die Konsumgesellschaft einen Völkermord und sah darin einen tiefer gehenden Faschismus als den historischen Faschismus unter Mussolini. Der wahre Faschismus war für ihn der Faschismus, der die Werte, die Seelen, die Sprache, die Gesten und die Körper der Menschen attackierte und dem man keinen Widerstand mehr leisten konnte, weil er in das Bewußtsein eingedrungen war.

Pasolinis Heimweh nach dem Sakralen

„Wie kommt es, dass ein Marxist wie Sie so viel Inspiration aus Dingen wie Gospel und Zeugnissen des Christentums zieht?“ wurde Pasolini in einem Interview gefragt. „Meine Sicht der Dinge in der Welt, der Objekte ist keine natürliche oder sekuläre. Ich sehe die Dinge immer ein bißchen wie ein Wunder. Für mich ist jedes Objekt ein Wunder. Meine Sicht der Welt ist religiös aber nicht rigide oder sektiererisch.“

Eingebetteter Medieninhalt In Rom entdeckte Paolini das Subproletariat als revolutionäre Gegengesellschaft ähnlich der frühchristlichen Gesellschaft als Vermittler einer unbewußten Botschaft der Demut und Armut im Gegensatz zur bürgerlichen Selbstgenügsamkeit. Diese Erfahrung verwandelte sein Verständnis des Kommunismus. Alberto Moravia beschreibt diesen Kommunismus als nicht wissenschaftlich, aufklärerisch oder marxistisch, sondern als populistisch, romantisch, anthropologisch, in archaischer Tradition verwurzelt und zutiefst emotional. Pasolini selber erklärte in dem Gedicht Una disparate vitalità, dass er Kommunist sei, weil er konservativ sei. „Ich glaube, wenn ich so sehr auf dem Heimweh nach dem Sakralen insistiere, dann deshalb, weil ich den alten Werten verbunden bleibe. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sie das Opfer einer künstlich beschleunigten Entwicklung, eines ungerechtfertigt verfrühten Vergessens sind.“

Das erste Evangelium Matthäus

„Ich möchte den Dingen – so weit wie möglich – wieder ihre Weihe geben, sie remythologisieren. Ich wollte nicht zeigen wie das Leben Christi wirklich war. Mir lag an ihrer Geschichte und ihrer 2000-jährigen Übersetzung, weil es diese 2000 Jahre Christentum sind, die seine Biografie mythologisiert haben, die sonst fast unbedeutend gewesen wäre.“

Pasolini drehte Das erste Evangelium Matthäus mit Laiendarstellern aus Apulien, Lukanien und Kalabrien wortgetreu auf der Grundlage des Matthäusevangeliums in der archaischen Landschaft um Matera. Weder in Palästina, Syrien und Jordanien sah er einen geeigneten Drehort, weil die Moderne und der Kapitalismus schon zu viel zerstörerische Einflüsse ausgeübt hatten. In Matera fand er endlich jene geheimnisvollen und präindustriellen Gesichter und Kulissen. Das erste Evangelium Matthäus ist vielleicht das einzige wirkliche Wunder des Bibelkinos, eine Geschichte von armen Bauern und Fischern, aus deren Mitte der Sohn Gottes erwächst, ein Wanderprediger und Rebell, den Irazoqui mit einer zornigen Entschlossenheit spielt, die kein anderer Leinwand-Jesus je wieder erreicht hat, urteilte die Faz.

Als Reaktion auf den Film warfen die Neofaschisten in Italien Pasolini vor, eine Quelle des christlichen Abendlandes zu beschmutzen, linken Kritikern war der Film nicht radikal genug. Bei der Sondervorstellung für die römischen Konzilsväter soll es dagegen zwanzig Minuten stehende Ovationen gegeben haben.

Milo Rau: Das Neue Evangelium

Der Theaterautor Milo Rau plant in Zusammenarbeit mit dem IIPM, International Institute of Political Murder, in Matera 2019 eine Wiederaufführung und filmische Dokumentation unter dem Titel Das Neue Evangelium. Das 9000 Jahre alte Matera ist 2019 eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte Europas. In dieser Adaption des Evangeliums sollen alle Rollen von den Verlierern der heutigen Weltwirtschaft gespielt werden: von den durch Getreideimporte in Konkurs gegangenen süditalienischen Bauern und den in Italien gestrandeten Flüchtlingen aus Afrika. Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Apostel? Wie würden die säkulären und spirituellen Pilaster auf die Provokationen dieses revolutionären Propheten reagieren? Der politische Aktivist und Jesus-Darsteller Yvan Sagnet begibt sich in die Ghettos und auf die Felder in Süditalien und sucht nach Protagonisten des neuen Evangeliums, die mit ihm eine „Revolte der Würde“ anführen sollen.

Noch mehr Heilige: Lazzaro und San Nicola

Auch Alice Rohrwacher`s Film Glücklich wie Lazzaro ( Italien, 2018 ) ist ein Film über Ausbeutung, ökonomische Gewalt und Migration. Inviolata (deutsch: unangetastet) heißt der filmische Ort, wo Menschen wie Leibeigene auf einer Tabakplantage arbeiten bis sie „befreit“ werden. „Die Zeit der Leibeigenschaft ist vorbei. Es gibt Löhne, Regeln, Schulen“, verkünden die Befreier. Befreit aber ohne Land und Besitz suchen die Menschen ihr Glück in der Stadt, wo sie sich in Konkurrenz mit Migranten aus aller Welt auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig unterbieten. Lazzaro ist einer von ihnen und weder Schurke noch wütender Prophet. Er ist ein kindlicher Held, der zwar die Gabe hat, die Welt als Wunder zu sehen, am Ende aber in einer Bank ergeschlagen wird und ein unwürdiges Ende findet. ("Lazzaro" war nicht nur der Name eines Heiligen, "Lazzari" oder "Lazzaroni" hießen die Armen (oder auch Schurken) in Neapel. 1585 organisierten sie wegen steigender Brotpreise erfolgreich einen Aufstand.)

Es sei vielleicht noch erwähnt, dass die Liebe zu den Heiligen in Italien auch außerhalb des Kinos manchmal der politischen Stellungnahme dient. Michele Emiliano, Ministerpräsident Apuliens, klärte Matteo Salvini im September 2018 folgendermaßen über den Schutzpatron von Bari (San Nicola) auf: „Der wichtigste Schwarze Apuliens, der uns gelehrt hat, wie wir den Frieden bewahren in unseren Geschäftsangelegenheiten und unseren menschlichen Beziehungen.“ Emilianos Vorgänger im Amt war Nicki Vendola, ein offen schwuler katholischer Katholik, der über Pasolini promoviert und seinen Traum von Apulien noch als einen Traum von kultureller Vermischung beschrieben hatte. Vorbei?

Schluss mit Glühwürmchen ?

Pasolini zweifelte oft an sich selbst, nie jedoch an seiner prophetischen Gabe, vielleicht dem Einzigen, an dem er gerne gezweifelt hätte, bemerkte John Berger über Pasolini. Wer Pasolini in einem Interview hört, ist vielleicht überrascht von seiner Sanftheit seiner Stimme. Aber er ist, wie seine Jesusfigur immer wieder betont, nicht gekommen, den Frieden zu bringen. Insbesondere die Süditaliener, die er gegen alle herrschenden Klischees geliebt hatte, beschimpfte Pasolini später als degeneriertes, lächerliches, widerwärtiges, kriminelles Volk. In seinem Text Siamo tutti in periculo schrieb er: „Die Tragödie besteht darin, dass es keine Menschen mehr gibt, man sieht nur noch seltsame Maschinen, die aneinanderstoßen.“ Mit dem Verschwinden der Glühwürmchen war mehr als eine ökologische Katastrophe gemeint. Es war ein poetisches und zu gleich apokalyptisches Bild für das Verschwinden des Menschlichen.

Pasolini war ein trauriger Prophet, aber die folgende Geschichte würde ihn vielleicht zum Schmunzeln bringen. Bei den Dreharbeiten zu Das Neue Evangelium fragt Milo Rau einen Fischer nach seinem Boot, um die Szene zu filmen, in der Jesus über Wasser geht. Rau schildert, wie der Fischer voller Begeisterung über einen Jesusfilm nicht mehr von seiner Seite weicht, aber Rau´s nachlässige Kleidung kritisiert, weil ein Regisseur in Italien Anzug und Krawatte tragen muss, wie einst Pasolini oder Fellini. „Die kennen Sie doch?“, fragt der Fischer Rau immer wieder als spräche er mit einem Analphabeten.

13:00 21.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alexandra Horn

Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Bloggerin
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