Blick ins Licht

Vision - Vielfarbige Linienbündel vor dem schwarzen Bildschirmhintergrund, unendlich wuchert dahinter der digitale Raum
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Es passiert zwischen den S-Bahnhöfen Tiergarten und Zoologischer Garten, jedes Mal, kurz nachdem die S-Bahn den Bahnhof Tiergarten verlässt, und wenn er nicht aufmerksam ist, vergeht dieser kurze Moment erinnerungslos wie ein Wimpernschlag: Dann streift sein Blick schon das Blätterdach der Bäume, die sich spiegeln auf der Wasseroberfläche des Landwehrkanals, die Hausboote an der weiten Uferkurve gereiht, das Schleusenwärterhäuschen zieht unter dem Wagenfenster vorbei, gleichmütig beschleunigt die Bahn, hinter einer kaum merklichen Kurve wartet der nächste Halt: Zoologischer Garten krächzen die Lautsprecher über dem Bahnsteig.....

Die Türen schließen mit einem Zischen, und der Wagenzug nimmt weiter seinen vergleisten Weg hoch über den Straßen und Plätzen der Großstadt, rundet mit einem weiten Bogen die mit Goldspitzen prunkende Fassaden des Theaters des Westens, rumpelt eilig an steilen, glänzenden Glasfassaden vorbei, durchschneidet den nächsten Häuserblock, intime Höfe und grüne Gärtchen öffnen sich dem blinden Blick der Fahrgäste...

Einmal hat er ein Foto gemacht in jenem flüchtigen Moment kurz nach der Abfahrt aus dem Bahnhof Tiergarten, ein Foto aus dem seitlichen Fenster der Bahn auf diesem Kreuzungspunkt, den er jeden Morgen passiert auf dem Weg ins Büro, und weil der Moment pfeilschnell zerstob, ist ihm das Bild mit dem zerrissenen Tor gekippt und verrutscht.....

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... dann streifte sein Blick schon das Blätterdach der Bäume, die sich auf der Wasseroberfläche des Landwehrkanals spiegelten, die Hausboote an der weiten Uferkurve gereiht, das Schleusenwärterhäuschen zog unter dem Wagenfenster vorbei, gleichmütig beschleunigte die Bahn, hinter einer kaum merklichen Kurve wartete der nächste Halt: Zoologischer Garten, krächzten die Lautsprecher über dem Bahnsteig.....

Und während jetzt vor den Fenstern des Waggons schrundige Brandwände und geschmückte Fassaden der Gründerzeit queren, sein Blick teilnahmslos über die belebten Strassen und privaten Hofgärten Charlottenburgs gleitet, denkt er an die breite Strasse und ihre unsterbliche Verheißung, an die Verführung der geraden Linien, die ohne Halt in die Unendlichkeit streben: Wir nehmen Dich mit! Und der weißstrahlende Himmel dicht über dem Horizont raunt leise: Nichts kann uns aufhalten.......

Er denkt jetzt an das Büro, an die Kollegen, die ihn heute wie immer zur gleichen Zeit erwarten, an die Pläne, die bis zum Abend fertig werden müssen, an die vielen ungelösten Fragen des Projekts, an die ungeschriebenen Aktennotizen, an den kapriziösen Auftraggeber, an den nervösen Chef: Warum dauert das alles so lange?

Die Bahn rollt auf dem Viadukt über einen Platz und bremst bis zum Bahnsteig allmählich ab, dicht wie in einem engen Tunnel promenieren prachtvoll blühende Graffitti-Wälder vor den Wagenfenstern...... Savignyplatz krächzen die Lautsprecher über dem Bahnsteig..

Jeden Winkel hat er hier gekannt, die Architekturgalerie, daneben den Buchladen, ungezählte Lesestunden in Büchern und Bildern verbracht, auch in den Cafés der Seitenstraßen, oder in der Studenten-Pizzeria an der Bleibtreustraße, unschlagbar preiswert das Essen im indischen Restaurant in der Grolmanstraße, manche Nacht endete mit einem Frühstück im Schwarzen Cafè erst nach acht Uhr morgens....

Sein Leben zieht nicht in einer geraden Linie bis zum Horizont. Vielmehr mäandern die Stationen ähnlich wie der gewundene Kurs der S-Bahn über die weiten Spreebögen, durch den grünen Tiergarten, in das dichte Stadtgewebe zwischen Straßen, Plätzen und Höfen, allerdings nach einem Plan, der ihm noch verborgen ist, in großen und kleinen Radien, mit Tangenten und Schnittpunkten mit und um diese maßlose Magistrale, die Ost und West verbindet wie Gestern und Morgen.

Ob er jemals den hohen Sendemast am anderen Ende erkennen wird, der wirkt wie ein Symbol für die Wandlung der Stadt in etwas Immaterielles? Dazu brauchte es einen glasblau staublosen Himmel und einen entspannten Blick.

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Als er an der Architekturfakultät der Technischen Universität studierte, war Charlottenburg die Hauptstadt des Inselstaats West-Berlin, die Touristen trafen sich an der Gedächtniskirche, das KaDeWe war das Schaufenster, der Kudamm die Promeniermeile jener Welt, die sich die freie Welt nannte, eine Woche im Jahr rückte die Berlinale den Zoo Palast in das Blitzlicht der Presse.

Der ausladende Brunnen vor dem Europa-Center bildete den magnetischen Pol einer einfachen Ordnung: Die Stars dinierten und tranken in der Paris Bar an der Kantstraße, die Leute mit Vermögen wohnten westwärts im Stadtteil Grunewald, die ohne Geld im Norden oder im Osten, der damals Neukölln und Kreuzberg hieß.

Das Geld wohnt jetzt am Gendarmenmarkt, denkt er, oder auch in Potsdam..... wenn es überhaupt noch irgendwo residiert, wahrscheinlich sind Leute mit Geld ständig in Bewegung, zur Jagd oder zum Vergnügen...

Er erinnert sich an die Pläne für das Hotel, das er im Moment bearbeiten muss, ein Neubau dicht am Gendarmenmarkt, vier bis fünf Sterne, 200 Zimmer hinter alten Fassaden, bis auf die Wände zur Strasse soll der Bestand abgerissen werden..... im Büro werden nur noch Hotels und schmale, hohe Wohnhäuser in begehrten Lagen geplant, die Auftraggeber bieten die Häuser als townhouse an: Luxus statt Masse lautet der Werbeslogan in einem Prospekt. Ob alle Luxusheime ihre Luxuskäufer finden?

Wann ist der Bauantrag endlich fertig? hat der Chef gestern gefragt, er war ungeduldig, hat noch seinen Stundenzettel überflogen und die Stirn gerunzelt, ist dann rausgegangen....

Mit dem Zeichenprogramm ist er nicht vertraut, er ist erst seit vier Wochen im Büro, war lange arbeitslos, ..... die Pläne zerfallen in vielfarbige Linienbündel vor dem schwarzen Bildschirmhintergrund, unendlich wuchert dahinter der digitale Raum.... es wäre gut, wenn ein Kollege mir helfen könnte, hat er gestern vorsichtig angedeutet, aber der Chef hat abgelehnt: Damit kommen Sie alleine klar, hat er gesagt, und er schien dabei zu lächeln, aber nicht freundlich. Überstunden werden nicht bezahlt, und der Termin steht so nah.

Auf seinem Bildschirm knüpft er Linien zu Kreuzen, Mausklick, zu Rechtecken, Mausklick, kopiert eine Form und vervielfältigt sie. Schon seit Jahren sieht er nicht mehr den Raum oder das Haus, an dem er arbeitet, sondern nur mehr farbige Striche, mit welchen er den unendlichen schwarzen Raum hinter dem Bildschirm füllen muss. Die Erwartung des elektronischen Paralleluniversums saugt ihn aus, die Arbeit beansprucht Auge und Hand, und manchmal redet er mit seinem Werkzeug: Warum machst Du das? Der Rechner reagiert gelegentlich anders als erwartet, die Arbeit einer Stunde ist im Bruchteil einer Sekunde vernichtet.

Im ersten Büro nach dem Studium gab es zwei Bauzeichner... die Arbeit der angestellten Architekten wird inzwischen so gering bezahlt, dass an jedem Arbeitsplatz ein ausgebildeter Architekt sitzt, sie brauchen keine Bauzeichner mehr. Manchmal erinnert er sich an das Zeichnen mit Bleistift und Tusche.... maßstabsgerecht alle Geschossebenen als Wandergrund für die Augen, das Papier verwandelte sich zum Fußboden, in der Ansicht zur Wandfläche, in seine Zeichnungen konnte er sich hineinversetzen.... aber in einem elektronischen Gespinst sieht er kein Bauwerk mehr, in diesem Hotel wird er nie ein Zimmer nehmen.

Nach der Wende wuchs neues Geld in der hungrigen Stadt, hat sich zum alten Geld gefunden.... und seinen Weg genommen ohne mich zu treffen, denkt er.

Wird er das goldene Licht sehen – eines Tages?

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.... aber dann wird sein Blick schon das Blätterdach der Bäume streifen, die sich spiegeln auf der Wasseroberfläche des Landwehrkanals, die Hausboote werden sich reihen an der weiten Uferkurve, das Schleusenwärterhäuschen wird unter dem Wagenfenster vorbeiziehen, gleichmütig wird die Bahn beschleunigen.....

Hier endet der 214. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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01:11 03.11.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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