Einer muss das Arschloch sein

Biopic Oskar Roehler zeigt Rainer Werner Fassbinder als Wiederholungstäter
Ausgabe 40/2020

Der Titel ist im Grunde ein Spoiler: Von allen Aspekten, die man in diesem Fassbinder-Jubiläumsjahr (er wäre im Mai 75 Jahre alt geworden) an Deutschlands notorischstem Regisseur hervorkehren könnte, hat sich Oskar Roehler den vermeintlich aktuellsten ausgewählt. Schließlich ist Enfant terrible ein aus der Mode gekommenes, weil beschönigendes Etikett für ein Verhalten, das wir heute als „toxische Männlichkeit“ kritisieren. Die weniger beschönigende Variante von damals lautete übrigens schlicht „Arschloch“. Weshalb der von Oliver Masucci verkörperte Fassbinder im Film an entscheidender Stelle ausruft: „Einer muss doch immer das Arschloch sein!“ Es macht geradezu erschreckend viel Sinn.

Wie es überhaupt viel zum Erschrecken gibt in diesem Film. Angefangen von der Künstlichkeit der theaterhaften Szenenausstattung über die Dramaturgie einer Anekdoten-Auslese à la „Als Fassbinder Andy Warhol traf“ bis hin zur erbarmungslosen, erschöpfenden Unerbittlichkeit, mit der Masucci in der Titelrolle von der ersten bis zur letzten Minute das Arschloch gibt. „Was steht der da, der stört mich!“, beklagt sich zu Beginn Kurt Raab (Hary Prinz), was der Störenfried als Einladung zum Bullying begreift. Zwei Szenen später haut er Hanna Schygulla (Frida-Lovisa Hamann) vor laufender Kamera so richtig eine runter. „Musstest du so fest zuschlagen“, wagt die junge Frau zu maulen. „Das ist Film! Kein Theater!“, rechtfertigt er sich, und keiner widerspricht. Das in etwa gibt das Roehler’sche Verständnis des Fass-binder’schen Filmemachens wieder: Kunst, geboren aus Sadomaso-Interaktionen.

Nun gehört der Schrecken, ja sogar der Ekel irgendwie zu allen Filmen von Oskar Roehler dazu, siehe Die Unberührbare, Der alte Affe Angst oder Tod den Hippies!! Es lebe der Punk. Sie unterscheiden sich darin von den Fassbinder-Filmen, die oft geradezu etwas Einschmeichelndes haben. Im Unangenehmsein verbirgt sich wiederum meist das Interessanteste an den Roehler-Filmen, die dem Konsens des deutschen Förderkinos zuwiderlaufen. Schon deshalb lohnt es sich bei Roehler immer wieder, die Abwehrreflexe zu überwinden und den einzelnen Film auf sich wirken zu lassen. Tatsächlich stellt sich auch bei Enfant terrible dann einiges als sehenswert heraus. Die betont bühnenhafte Ausstattung etwa hebt ganz hervorragend die Künstlichkeit, ja die Enge des Raums hervor, den Fassbinder mit seinen Obsessionen, seiner Arbeitswut, seiner „Familie“ aus Co-Abhängigen um sich herum schuf. Auch die Anekdotenstruktur erweist sich als geeignetes Mittel, um einen Mann zu porträtieren, der sowohl in der Arbeit als auch in der Liebe sich wiederholenden Mustern folgte.

An den drei großen Lieben Fassbinders, Günther Kaufmann (Michael Klammer), El Hedi ben Salem (Erdal Yıldız), Armin Meier (Jochen Schropp), entlang zeigt der Film Fassbinders Faszination für Außenseiter und fürs Nichtstandesgemäße und legt nahe, dass er sich einerseits mit ihnen identifizierte und sie andererseits hemmungslos ausbeutete. Eine Entwicklung gesteht Roehler seiner Figur im Übrigen nicht zu: Von der ersten Szene, die im Jahr 1967 spielt, bis zu seinem Tod 1982 lässt Roehler seinen „RWF“ durchgängig in der Lederjacke und mit dem zotteligen Walrossbart rumlaufen, die in der Realität erst später sein Image ausmachten. Dementsprechend muss Masucci über die 134 Minuten des Films hinweg die immergleichen Ausfälle mit ihrem abrupten Wechsel in Selbstmitleid spielen. Das aber ist so schade an diesem Film: dass Roehler so gar kein Interesse für die Dynamik des Gelingens aufbringt, mit der dieses selbsterklärte Arschloch eine ganze Riege von herausragenden Schauspielern über ein Jahrzehnt hinweg bei der Stange hielt, um mit ihnen eine beispiellose Menge an völlig eigensinnigen Filmen fertigzustellen.

Info

Enfant terrible Oskar Roehler Deutschland 2020; 134 Minuten

Jubiläumsangebot 2 Jahre F+

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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