An der Theke das Leben

Streaming Benjamin Knödler ist Stammkunde im „Midnight Diner: Tokyo Stories“. Spoiler-Anteil: 12%

Klebrige Tresen, auf denen Biergläser ihre Ringe hinterlassen haben – fehlen. Steigende Lärmpegel nach Mitternacht, Debatten über Alltäglichkeiten, der Geruch von Zigarettenrauch – fehlen. Das Vermissen dieser kleinen Vergnügungen, Laster, Begegnungen, viel zu selten wertgeschätzt, ist gerade in diesen Pandemiezeiten groß.

Der Ort, an dem viel von all dem zusammenkommt, ist die Kneipe. Die ist hierzulande geschlossen, fehlt also auch. Wenigstens in der japanischen Serie Midnight Diner: Tokyo Stories (Netflix) ist die Bar für ihre Besucher*innen noch da. Wobei, eine richtige Kneipe oder Bar ist es nicht, ein richtiger Imbiss, wie es der Titel vermuten lässt, auch nicht. Vielmehr ist der zentrale Schauplatz der Serie einer jener besonderen, kaum kategorisierbaren Orte, wie es sie wohl nur im Gewimmel der Großstädte gibt. In diesem Fall liegt das Midnight Diner in einer kleinen Gasse in Shinjuku, einem Stadtteil Tokios. Immer von Mitternacht bis sieben Uhr morgens öffnet der Wirt (Kaoru Kobayashi), den alle nur „Meister“ nennen, seine Tore. Die Karte ist überschaubar: Bier, Sake, Schnaps, Suppe. Doch in Wahrheit kocht er seinen Gästen alles, was sie wünschen – solange er die Zutaten dafür hat.

„Ob ich Gäste habe?“, fragt der Meister im Intro aus dem Off. „Mehr als man meinen würde.“ Nacht für Nacht steuern sie das Midnight Diner an, das so verlässlich in die dunkle Gasse leuchtet. All die Menschen, die dorthin kommen, mögen auf die ein oder andere Weise verlorene Seelen sein, allein sind sie spätestens dann nicht mehr, wenn sie sich hier am Tresen treffen. Beim warmen Sake, einem auf Bestellung zubereiteten Lieblingsgericht oder einer großen Flasche Bier entspinnen sich die Gespräche, finden sich Gefährt*innen für den Abend – und manchmal darüber hinaus. Mal ruppig, mal mitfühlend, ist es eine wilde Mischung aus Nachbarschaftsgeschwätz und den großen Fragen des Lebens.

Zu den Gästen zählt zum Beispiel „Chu-san“, ein älterer Herr, der immer eine blau verwaschene Baseball-Cap trägt und noch mit jeder und jedem im Laden ein Gespräch begonnen hat. Kosuzu wiederum betreibt eine Gay-Bar und schaut nach Ladenschluss häufig im Midnight Diner vorbei. Zu den verschiedenen Stammkund*innen gesellen sich von Episode zu Episode wechselnde Gäste, die fortan immer wiederkehren und deren Geschichte jeweils im Zentrum einer Folge steht. Es sind Geschichten von Trauer, Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe, Verlangen, Angst und Mut.

Da ist zum Beispiel der Radiomoderator, der in der Taxifahrerin, die von Zeit zu Zeit zum Abendessen vorbeikommt, die Actionheldin seiner Kindheit wiedererkennt – und mit ihr Tore zur Vergangenheit aufstößt. Da ist der alte Rechtsanwalt, der in einem Mann, der sich mit Händen und Füßen gegen seine Zwangsräumung wehrt, seinen seit Jahrzehnten aus den Augen verlorenen Stiefbruder erkennt, der einst für ihn die Schläge des Vaters ertrug. Ein Gemüsehändler sorgt sich darum, dass nach seinem Tod seine Porno-Sammlung entdeckt werden könnte. Und ein Game-Designer lernt nach einer Jugend im Waisenhaus seine leibliche Mutter im Midnight Diner kennen.

Derlei Geschichten gibt es viele. Sie fügen sich zusammen zu einem Bild der Großstadt, die in dieser Form derzeit auch fehlt und in die man auch als Zuschauer*in immer wieder eintaucht, wenn man den Protagonist*innen durch die Geschichten und durch die Stadt folgt. Etwa auf die kleine Theaterbühne in der Nachbarschaft, auf der ein alternder Comedian gegen die Bedeutungslosigkeit kämpft.

All diese Schlaglichter könnten Gefahr laufen, allzu gefällig oder kitschig zu werden, immer auf ein Happy End hinauszulaufen. Doch erstaunlicherweise geschieht das kaum. Stattdessen erfreut man sich an der Lebensklugheit, dem Humor und der Ehrlichkeit all dieser nicht selten verkrachten Existenzen, die trotzdem aufrecht durchs Leben gehen.

Über all dem wacht der Meister, kocht die Lieblingsgerichte, hört zu, hat Teil an allem, ohne sich einzumischen, und steckt sich immer wieder mit klickendem Feuerzeug eine Zigarette an. Das klingt ein wenig nach Klischee? Vielleicht ist es das, mag sein. Aber seien wir mal ehrlich, so ein bisschen sehnen wir uns gerade alle nach diesen Archetypen. Diesseits und jenseits des Tresens.

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06:00 04.12.2020

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