Podcasts zur WM in Katar: Gibt es das auch ohne Sepp Blatter?

Fußballweltmeisterschaft Wer sich als Fußballfan kritisch mit den Bedingungen der WM in Katar auseinandersetzen will, dem bieten diese Podcasts eine gute Grundlage
Ausgabe 45/2022
Fans fordern zum Boykott der diesjährigen WM auf: Mit weißen Kreuze symbolisieren sie die toten Stadion-Arbeiter:innen
Fans fordern zum Boykott der diesjährigen WM auf: Mit weißen Kreuze symbolisieren sie die toten Stadion-Arbeiter:innen

Foto: Imago/Mis

Was hatte ich mich gefreut, vor Sepp Blatter meine Ruhe zu haben. Aber natürlich ist es anders gekommen. Erst wurde er Ende Oktober vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen – und jetzt quatscht er mir die ganze Zeit ins Ohr: „And the Winner is … Katar.“

Dieser Satz ist inzwischen Sportgeschichte – 2010 verkündete der damalige Fifa-Präsident Blatter so den Zuschlag an das Emirat für die Fußball-Weltmeisterschaft. Seitdem wird über diese WM gestritten. Wegen der schrecklichen und oft mörderischen Arbeitsbedingungen für Arbeiter:innen aus Ländern wie Nepal. Wegen Zitaten wie jenem des offiziellen katarischen WM-Botschafters Khalid Salman, der sagte, Homosexualität sei „ein geistiger Schaden“. Aber auch wegen der Korruption in Reihen der Fifa.

An all das hat man sich auf traurige Weise gewöhnt – ebenso wie an die Debatten um einen Boykott. Da passt es nur allzu gut, dass rund um die WM gleich mehrere Podcasts erschienen sind, die sich dem Land und der Weltmeisterschaft auf sehr unterschiedliche Weise annähern – nur Sepp Blatter, der ist in allen zu hören.

Geld Macht Katar, eine Kooperation von Zeit und ARD, legt seinen Schwerpunkt auf geopolitische Perspektiven. Warum investiert Katar derart viel in den Sport? Welche Rolle spielt das Land als Vermittler zwischen den USA und den Taliban, aber aktuell auch als Gaslieferant? Hörenswert ist auch die Folge, in der der Sender Al Dschasira genauer beleuchtet wird. Empörung weicht hier einem eher nüchternen Blick auf Realpolitik. Politik, so die Bottom-Line, ist eben oft ein Drecksgeschäft. Einen anderen Ansatz wählt das Format Ausverkauft – Katar, der Fußball und das große Geld. Die bislang erschienenen Folgen setzen sich vor allem mit der Korruption in der Fifa und dem Phänomen „Sportswashing“ auseinander, also der Taktik Katars, sich durch große Investitionen in Sportereignisse wie die WM, aber auch in Fußball-Teams wie Paris St. Germain, Reputation und letztlich Einfluss in der Welt zu erkaufen. Erzählerisch aufbereitet, bekommt man als Zuhörer:in mitunter dennoch das Gefühl, dass der Spiegel hier noch einmal seine alten Fußball-Recherchen aufwärmt. Spannend ist es trotzdem. Wie auch Geld Macht Katar widmet Ausverkauft der Ausbeutung von Arbeitsmigrant:innen eine eigene Episode – wirklich im Zentrum steht das Thema aber in beiden nicht.

Umso wichtiger wird dadurch der Podcast Die WM-Sklaven des WDR-Formats Sport Inside. In vier Episoden zeichnet Reporter Benjamin Best seine jahrelange Recherche zur Ausbeutung der Arbeiter:innen in Katar nach, die gleichzeitig auch viel über die Grenzen der Pressefreiheit im Land erzählt. Er berichtet von Familien, die Angehörige auf den Baustellen verloren haben, ausgezehrt von der Arbeit bei 50 Grad und der Unterbringung unter erschreckenden Bedingungen. Über 6.000 Arbeiter:innen aus dem Ausland sollen seit der WM-Vergabe an Katar dort laut Guardian-Recherchen gestorben sein. Wen könnte das nicht empören?

Das gilt ebenso für Beyond Qatar – Die Geschichte hinter der Skandal-WM. In sieben Folgen fasst der Podcast von Moritz Knorr all die Themenbereiche von Korruption bis Ausbeutung zusammen, die in den anderen Formaten eigens beleuchtet werden. Dabei wird jedoch am deutlichsten der kritische Fußballfan im Podcasthost hörbar. Gleichzeitig werden Themen wie kulturelle Unterschiede oder tatsächlich angestoßene Veränderungen sachlich verhandelt – ohne dabei die eigene Haltung aufzugeben.

So bieten alle Formate einen eigenen Zugang, in der Summe aber bieten sie das, was sich kein Fußballfan in den kommenden Wochen ersparen sollte: die Auseinandersetzung – mit Fußball, mit Politik, mit Ausbeutung und mit Katar.

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Geschrieben von

Benjamin Knödler

Product Owner Digital, Redakteur

Benjamin Knödler studierte Philosophie und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und sammelte nebenbei erste journalistische Erfahrungen als Chefredakteur der Studierendenzeitung UnAufgefordert, als freier Journalist, bei Correctiv und beim Freitag. Am Hegelplatz ist er schließlich geblieben, war dort Community- und Online-Redakteur. Inzwischen überlegt er sich als Product Owner Digital, was der Freitag braucht, um auch im Netz möglichst viel Anklang zu finden. Daneben schreibt er auch weiterhin Texte – über Mieten, Stadtentwicklung und Podcasts.

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