Mit Schirm, Schmarrn und Kanone

Medientagebuch Zum Sommerloch funkt die Bundeswehr mit einer neuen Serie dazwischen. Auch der Dienst an der Waffe muss heutzutage in ein „Narrativ“ verpackt sein. Gut ist das nicht
Mit Schirm, Schmarrn und Kanone
Bloß nicht von Moralfragen aufhalten lassen. „Die Springer“ sind unterwegs

Foto: Becker&Bredel/Imago

Sind Sie eigentlich ein Beißer oder ein Lutscher? Wer dieser Tage durch die Sommerhitze der Städte läuft, hechelt möglicherweise an einem Plakat vorbei, das genau diese Frage stellt. Ein Symbol ist darauf zu sehen, das an eine Eistüte erinnert. Vielleicht eine Kampagne für das Sommerloch selbst? Ein bisschen Eis, ein bisschen Machismo? Nein, hier geht es um die Bundeswehr. Die Eistüte ist auch keine Eistüte, sondern ein Fallschirm. Es geht um Werbung für die neue Webserie Die Springer, mit der die Bundeswehr seit Montag wiederum Werbung in eigener Sache macht. Bei Youtube sind neben den ersten Folgen Homestories der Protagonisten zu sehen, zusätzlich gibt es Beschallung bei Instagram und Facebook. Einen eigenen Chatbot gibt es auch. Das nennt man dann wohl zielgruppengerecht.

Es ist nicht die erste Kampagne dieser Art, mit der sich die Bundeswehr als moderner, interessanter Arbeitgeber inszeniert. 2016 erzählte Die Rekruten in einer Art Dokusoap von der Grundausbildung, es folgten Mali über den Auslandseinsatz im gleichnamigen westafrikanischen Land und schließlich Biwak, eine Serie, die fünf Soldatinnen und Soldaten über vier Tage hinweg bei ihrem Bergaufstieg „in Eis und Schnee” begleitete – Abenteuerfilmanleihen inklusive. Nun also die Fallschirmspringer in spe, die, wie es im Untertitel heißt, den Sprung ihres Lebens machen. Es sind gute Voraussetzungen für eine spannende Geschichte, na ja, sagen wir, für eine dem Sommerloch angemessene Geschichte. Werden alle die harte Ausbildung überstehen? Wie umgehen mit Höhenangst? Und wie fühlt er sich an, dieser Sprung des Lebens? Herzklopfen, Dramatik pur. Der Plot mag ausbaufähig sein, doch es ist schon bemerkenswert, dass sich die Öffentlichkeitsabteilung der Bundeswehr mehr und mehr zum Geschichtenonkel entwickelt. In Zeiten, in denen sich scheinbar alles verkaufen lässt, wenn nur das viel bemühte „Narrativ“ stimmt, muss auch der „Dienst an der Waffe“ in einer spannenden Geschichte verpackt sein. Ein Spannungsbogen ist eben eine Spannungsbogen ist eben ein Spannungsbogen. Egal, wie flach.

Man darf sich aber auch fragen, ob es moralisch einwandfrei ist, junge Menschen mit derlei Geschichten zu ködern. Berechtigte Zweifel daran wird haben, wer einmal Soldatinnen oder Soldaten dabei zugehört hat, wie sie über den Alltag in der Armee erzählen. Es hilft wohl nur, auch diese Geschichten, die es nicht in die Drehbücher schaffen, weiterzuerzählen – Geschichten von Aussteigern, von Traumata, von Hierarchien. Von der Bundeswehr selbst wird man das nämlich nicht erwarten können.

Aber funktioniert die Story überhaupt? Die Bundeswehr ist davon überzeugt. Die Zahl der Anrufe bei der Karriere-Hotline sei nach der Ausstrahlung von Mali um 34 Prozent gestiegen, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Bundeswehr-Kanal auf Youtube habe aktuell mehr als 320.000 Abonnenten und mehr als 64 Millionen Aufrufe. Doch Hotline-Anrufer sind keine neuen Rekruten, und Youtube-Abonnenten schon gar nicht. So ist die Personalsituation laut Medienberichten nach wie vor angespannt. Die Wirksamkeit solcher Formate ist also nicht einwandfrei geklärt. Vielleicht liegt das auch an der Einseitigkeit der PR-Narrative, die die Schattenseiten des Ganzen genau dort lassen – im Dunkeln nämlich. Denn gute Storys, sie leben auch von Konflikten. In diesem Fall ist das mit der schlechten Geschichte aber vielleicht gar nicht so schlimm.

06:00 27.07.2018

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