Was Bauarbeiter sehen

Ausstellung „Living the City“ zeigt viele Perspektiven auf die Stadt und entwirft Utopien, die nicht jedem gefallen dürften

Manchen Orten haftet eine besondere Aura des Urbanen an. Zum Beispiel dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, heute Freiraum und Spielwiese städtischer Zwischennutzung. Insofern ist die Hauptabfertigungshalle der passende Ort für die Ausstellung Living the City – Stadt leben. Um den Dreiklang des Urbanen soll es gehen: „Städte, Menschen und Geschichten“.

Die Gefahr ist bei solche Ausstellungen, dass am Ende eine langweilige, glattgebügelte „Best Practice“-Schau fürs Fachpublikum steht, die eher die Tristesse einer Messe versprüht. Zumal bei diesem Rahmen: Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik entstanden, präsentiert im Zuge der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Klingt nach Bürokratie statt städtischem Chaos. Doch das Kuratorenteam um Lukas Feireiss, Tatjana Schneider und die Gruppe „TheGreenEyl“ bricht mit diesen negativen Erwartungen. Und das, obwohl auch Living the City über 50 Beispiele aus verschiedenen Städten Europas vorstellt – nur eben nicht pflichtbewusst abhakend, sondern in acht Cluster gegliedert: von „Leben“ über „Lieben“, „Schaffen“, „Spielen“, „Träumen“ und „Lernen“ bis „Teilnehmen“ und „Bewegen“. Die so abgebildete Vielfalt und Verflochtenheit des Stadtlebens wird fortgeschrieben in der Auswahl der Geschichten und ihrer Perspektiven darauf.

Mal sind es Initiativen wie das Belgrader „Ministerium für Raum“, Aktivisti*nnen, die unter anderem Korruption sichtbar machen wollen, indem sie große Bauprojekte kritisch begleiten, Demonstrationen organisieren oder in Workshops üben, offizielle Beschwerdebriefe zu schreiben. Mal sind es Architekt*innen, die sich der Stadt annähern, mal Künstler*innen. Die Ausstellung wird so zu einer Collage des Städtischen, einer Mischung aus baulichen wie gesellschaftlichen Fragen, aus Kritik und Idee, die sich die Besucher*innen flanierend erschließen. Denn im Aufbau von Living the City spiegelt sich die Stadt wider. Ein Hochhaus ragt als Fotoleinwand auf, während man durch stilisierte Gassen oder Baustellen wandelt, im Ohr den Klangteppich der Stadt, immer wieder abgelenkt von neuen Geschichten.

Riace, ein Ort für Geflüchtete

Viele Beispiele transportieren politische Botschaften. Mehrmals wird die zunehmende Privatisierung städtischen Raums und Wohnraum als Ware infrage gestellt. Eine andere Perspektive bietet die Videoinstallation „Fair Building“, bei der Bauarbeiter unter anderem von Ausbeutung und Arbeitsunfällen berichten, während man die Bilder sieht, die ihre Helmkameras aufgezeichnet haben. Und da ist die Geschichte der italienischen Stadt Riace und ihres Bürgermeisters, der Geflüchteten Platz bot und sie integrierte – und so seine dahinsiechende Stadt neu belebte. Für seinen Einsatz landete er später vor Gericht.

Gerade diese Episode macht es zur ironischen Pointe, dass ausgerechnet Horst Seehofer als der jetzt zuständige Minister das Geleitwort zur Ausstellung liefert. Er, der wahrlich nicht für progressives, integratives Denken steht, fordert dazu auf, sich überraschen zu lassen, was Städte in Europa „im Ringen um eine demokratische, gerechte und nachhaltige Stadt vereint“. Er würde wohl nicht schlecht über die Städte staunen, die in Living the City als Utopien zu erahnen sind.

Info

Living the City Flughafen Tempelhof, Berlin, bis 20. Dezember

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