Zensur nach innen

WDR Man muss Frank Plasberg und seinen Stil nicht mögen. Aber dass seine Sendung „Deutschland im Gleichheitswahn?“ aus der Mediathek gelöscht wird, ist ein fatales Signal
Christian Füller | Ausgabe 35/2015 27
Zensur nach innen
Frank Plasberg ist momentan Objekt der TV-Hassliebe

Foto: Markus Heine/Imago

Der Moderator von Hart aber fair Frank Plasberg nahm den Titel seiner Sendung ernst – und stellte freche Fragen. Es waren wohl einige zu viel. Und auch die Auswahl seiner Gäste missfiel einer Reihe von Frauenverbänden (es ging um Gleichstellung). Das übliche Spiel bei Talkshows, der Deutschen größter TV-Hassliebe. Nichts gucken sie hingebungsvoller als das Politgequassel – und nichts würden sie lieber abschalten als Jauch, Will, Maischberger und Plasberg.

Diesmal allerdings haben die Bedenken gegen den WDR-Talker Metternich’sche Qualität. Das Thema „Deutschland im Gleichheitswahn?“ wurde nämlich gelöscht, fast wie bei den Karlsbader Beschlüssen, mit denen man einst die aufkommende demokratische Öffentlichkeit regulieren wollte. In der Mediathek ist die Plasberg-Debatte mit der Netz-Feministin Anne Wizorek und dem bekennenden Chauvi Wolfgang Kubicki nicht mehr zu sehen. Nicht der Rundfunkrat entschied das übrigens, sondern der WDR-Chefredakteur Schönenborn.

Selbstverständlich ist ein solcher Akt der dialektischen Verbotspromotion dämlich. Die Sendung wird ja nun umso mehr geguckt – bei Youtube. Dennoch ist der Ukas auch gefährlich – für Journalisten, Moderatoren und Filmemacher. Der rotzige Plasberg wird durch die Ohrfeige im Schaulaufen der Moderatoren geschwächt, und damit auch sein unerhörter Stil. Dass Hart aber fair nun zum Nachsitzen über „Feminismus“ – in 14 Tagen – verdonnert wurde, sagt alles über redaktionelle Freiheit.

Beim WDR schmort – angeblich wegen einer Formalie – seit einiger Zeit der Film Camp 14 über nordkoreanische Gulags im Archiv. Der Sender hat die Recherche gefördert, das Stück bekam sogar den Grimme-Preis – aber der WDR zeigt die mutige Arbeit des Regisseurs Marc Wiese nicht. Auf solche kritischen, bisweilen radikalen Kollegen zielen Selbstzensur-Aktionen.

Dass sie nicht von einer äußeren Hoheit wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts angeordnet werden, sondern durch Chefredakteure von innen im botmäßigen Gehorsam, macht die Sache nicht besser. Es ist ein Signal an Kollegen, bloß nicht zu frech zu werden. Zensur gegen fordernden Journalismus, das lernen wir, funktioniert heute von innen. Das macht Öffentlichkeit umso abhängiger von Clickbaits und dem Geplärr der sozialen Medien draußen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

17:49 26.08.2015
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
Schreiber 0 Leser 35
Christian Füller

Ausgabe 33/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 27

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar