Christopher Kammenhuber
Ausgabe 1117 | 29.03.2017 | 06:00

Der Content ist Königin

Musik Auf ihrem fünften Album rappt Sookee über sexuelle Vielfalt im Tierreich und rechtsradikal indoktrinierte Kinder

Zweifelsohne war Rap immer schon auch eine politische Protestform. Während in den USA Rapper wie Kendrick Lamar oder die Gruppe Run the Jewels längst charttauglich aufbegehren, passiert in Deutschland das meiste noch immer in der Nische: Seit einigen Jahren entwickelt sich ein vom Mainstream fast unbeachtetes Subgenre mit der Selbstbezeichnung „Zeckenrap“. Die Akteure positionieren sich links außen, polarisieren und treten meist ziemlich cool auf. Technisch zwar nicht immer einwandfrei, dafür aber mit klarer politischer Aussage. Dass die Antilopen Gang im Januar mit ihrem Album Anarchie und Alltag fünf Wochen die Spitze der deutschen Albumcharts besetzte, ist vorerst als kommerzieller Ausbrecher zu werten. Es mag ein Hinweis auf die Massentauglichkeit des Genres sein, die meisten Künstlerinnen und Künstler sind jedoch klar im Untergrund verankert. So auch Nora Hantzsch, die als Sookee szeneintern Prominenz erlangte.

Auf ihrem inzwischen fünften Album Mortem & Makeup beweist die 33-jährige Berlinerin Treue zu ihren Wurzeln. Das durchziehende Narrativ ist seit jeher radikaler Protest. „Die einen werden Hippies und die anderen sind vermummt“, skandiert sie im Intro Q1. Sookee formuliert in ihren Songs Probleme, die insbesondere im Hip-Hop zu selten angesprochen werden. Das Erstarken der neuen Rechten beispielsweise, aber auch Verschwörungstheorien, Homophobie, Sexismus finden neben Selbstreflexion, Queerness oder dem Umgang mit klinischen Psychopharmaka statt. Im Song Hüpfburg wechselt die Rapperin ihre Perspektive. Anstelle der gewohnten Ich-Bezogenheit nimmt sie die Sicht eines Kindes mit rechtsradikalen Eltern ein. Ideologische Menschenverachtung mischt sich mit kindlicher Naivität: „Ich bin ein Kind, umsorgt, von Eltern, die die Welt verstanden haben. Sie lehren mich, das Böse ist andersartig.“ Na bravo. Die leisen Zweifel des Kindes, fürchtet man, werden sich nicht durchsetzen. Trotz der ernsten Materie schafft es die Rapperin, ihren freundlichen und bestimmten, teils wütenden Ton beizubehalten.

Zeigefinger einknicken

Exemplarisch ist hier die zweite Single Queere Tiere, auf der sie das Sexualverhalten diverser Tierarten auflistet und der Punchline „Wenn plötzlich alle schwul sind, dann stirbt die Menschheit aus!“ entgegensetzt. Zugespitzter lässt sich die ewige Argumentation für natürliche Heteronormativität wohl nicht persiflieren.

Politisch orientierte Musik krankt regelmäßig am Gefühl der Hörer, bevormundet zu werden. Auch Sookee musste sich oft mit dem Vorwurf der gerappten Sozialkundestunde auseinandersetzen. Ihren erhobenen Zeigefinger versucht sie auf Mortem & Makeup nun einzuknicken – lieber von Themen erzählen, als die Meinung schon mitzuliefern; selbst auf dem Feld stehen, statt nur von außen hereinzurufen. Hüpfburg und Queere Tiere sind nur zwei Beispiele dafür, dass Sookee auf diesem Album offener an Themen herangeht als auf den vorherigen, die größtenteils nur innerhalb der Szene rezipiert wurden.

Ob das die Agitation massenkompatibel macht? Verbiegen lässt Sookee sich nicht: Der Content ist King! Dabei lässt sie so mitunter außer Acht, dass neben Inhalten auch die Technik im Rap eine entscheidende Rolle spielt: Möglicherweise ließe sich die Messsage mit einem einwandfreien Flow noch besser übertragen.

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Mortem & Makeup Sookee Buback

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.