1960: Wüstenspringmaus

Zeitgeschichte Tests von Kernwaffen in der algerischen Wüste besiegeln den Aufstieg Frankreichs zur Nuklearmacht. Das strategische Kalkül ist auf mehr Unabhängigkeit gerichtet
1960: Wüstenspringmaus
Attrappen warten auf den großen Blitz

Foto: Keystone/Getty Images

Alles beginnt am 13. Februar 1960, Punkt 7.04 Uhr, im algerischen Wüstengebiet Tanezrouft. Es kommt zum ersten von insgesamt 17 Kernwaffentests in der französischen Kolonie Algerien. Bereits 45 Minuten nach der Explosion telegrafiert Präsident Charles de Gaulle an Pierre Guillaumat, den Minister für Kernenergie, sowie an Generalstabschef Gaston Lavaud: „Hurra, Frankreich! Seit heute Morgen ist das Land stärker und stolzer.“ Die Operation mit dem Codenamen „Gerboise Bleue“ (Blaue Wüstenspringmaus) hatte Erfolg. Die Vorgeschichte dieses Tests und die politische Konstellation, in die er fiel, sind mindestens so wichtig wie das Ereignis selbst. Immerhin stand Frankreich damals mitten im Krieg mit der algerischen Befreiungsbewegung FLN. Obendrein gab es ein Moratorium für Atomversuche, an das sich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion hielten.

Bereits 1939 hatte sich ein Forscherteam am Collège de France mit Kernspaltung beschäftigt. Dazu gehörte seinerzeit Nobelpreisträger Frédéric Joliot-Curie (1900 – 1958). Als der jedoch erkannte, dass man die Kernspaltung zu militärischen Zwecken nutzen wollte, lehnte er dies aus ethischen wie politischen Gründen entschieden ab. General de Gaulle selbst erfuhr 1944 im britischen Exil vom Manhattan-Projekt der USA, die Atombomben entwickeln und im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki abwerfen ließen. De Gaulle war sich der Bedeutung der neuen Waffe bewusst und sorgte dafür, dass schon am 18. Oktober 1945 – gut zwei Monate nach Hiroshima – das „Kommissariat für Atomenergie“ gegründet wurde. Es sollte sich mit wirtschaftlichen und militärischen Aspekten der Kernspaltung beschäftigen. Da inzwischen auch die Sowjetunion (ab 1949) und Großbritannien (ab 1952) Kernwaffen im Depot hatten, begann ein Wettlauf um die neue Waffe, die man weithin noch als konventionelle Superwaffe – „eine Art verbesserter Artillerie“ (Konrad Adenauer) – verstand und nicht als neuartige politisch-strategische Herausforderung. Dabei hatte bis dahin auch in Frankreich die konventionelle Aufrüstung Vorrang, was angesichts der Kriege in Indochina (1946 – 1954), in Madagaskar (1947) und Algerien (1954 – 1962) auf der Hand lag. Während der Schlacht um die nordvietnamesische Festung Dien Bien Phu im Frühjahr 1954 forderten französische Militärs ihre Regierung auf, die USA für einen Atomschlag gegen die Unabhängigkeitskämpfer der Viet Minh zu gewinnen, um eine drohende Niederlage abzuwenden. Der kriegskundige US-Präsident Eisenhower weigerte sich und höhlte damit bei de Gaulle, der damals die Politik von seinem Landsitz aus beobachtete, jedes Vertrauen in die NATO und in den amerikanischen „Atomschirm“ aus.

De Gaulle wusste, dass sich der damalige Verteidigungsminister René Pleven ebenso wie Generalstabschef Paul Ély zur atomaren Bewaffnung Frankreichs bekannten, um die „Selbstbestimmung in Verteidigungsfragen“ (Pleven) zu bewahren. Für de Gaulle war die am 23. Oktober 1954 als Beistandspakt gedachte Westeuropäische Union (WEU), die nur auf dem Papier existierte, nicht hinnehmbar. Sein Urteil lautete, die WEU setze „uns für 50 Jahre, das heißt für immer“, außerstande, über „uns selbst“ zu bestimmen. Premier Pierre Mendès France (im Amt 1954 – 1955) legte einige Monate nach der katastrophalen Niederlage in Indochina ein militärisches Nuklearprogramm auf, wofür 100 Milliarden Franc zur Verfügung standen. Chef des Département des Explosifs Nucléaires, der Abteilung für Nuklearsprengköpfe, wurde General Jean Crépin.

Die am 25. März 1957 gegründete Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM) klammerte die militärische Nutzung der Kernkraft aus, was den Ministerpräsidenten Guy Mollet (im Amt 1956 – 1957) nicht daran hinderte, unumwunden zu erklären, sein Land verfolge in dieser Hinsicht einen eigenen Kurs. Die Drohung der Sowjetunion während der Suezkrise ein halbes Jahr zuvor, die Ägypten angreifenden britischen und französischen Truppen notfalls mit Atombomben zum Rückzug zu zwingen, erschütterte endgültig das Vertrauen der französischen Politik in den „Atomschirm“ der USA.

Gleich nach seinem Amtsantritt am 1. Juni 1958, zunächst als Premierminister, machte de Gaulle das französische Atomprogramm mit dem Kernsatz öffentlich: „Es hängt nur an uns, Nuklearwaffen zu haben.“ Und er wusste, was er sagte. Mit der Mirage IV hatten französische Ingenieure ein Flugzeug gebaut, das auch atomar bestückt werden konnte, sofern die Bomben entschieden leichter wurden. Als Präsident löste sich de Gaulle alsbald Schritt für Schritt von der NATO als militärischem System und blieb der Allianz nur politisch verbunden. Er entzog die Mittelmeerflotte dem alliierten Oberkommando und erklärte den Nordatlantikpakt schon im Herbst 1959 für „tot“. US-Präsident John F. Kennedy hörte von de Gaulle eine recht aparte Begründung für den Putsch französischer Militärs Ende April 1961 in Algier. Diese Generäle hätten sich angewöhnt, „nicht der eigenen Regierung, sondern der NATO zu gehorchen“, zitiert Maurice Vaïsse, Militärhistoriker mit profunder Quellenkenntnis, den General.

Gleichzeitig schwor Generalstabschef Charles Ailleret sein Oberkommando ein auf die Strategie der „Force de frappe à tous azimuts“, obwohl noch kein eigenes Kampfflugzeug existierte, das Moskau ohne Zwischenlandung hätte erreichen können. Erst 1971 kaufte man in den USA zwölf zum Auftanken in der Luft geeignete Boeing-Jets, mit denen das möglich war. Ungereimtheiten gehörten von Anfang an zu Frankreichs Atomstrategie, wie die Anschaffung taktischer Atomraketen mit einer Reichweite von 100 Kilometern zeigte. Es gab in diesem Umkreis schließlich keinen „Feind“, vom wenig geschätzten NATO-Partner Großbritannien einmal abgesehen.

Entgegen der US-Strategie, die von „massiver Vergeltung“ auf „flexible Antwort“ umstellte, um dem tödlichen Abschreckungsdilemma zu entkommen, wonach als Zweiter stirbt, wer als Erster schießt, vertraute de Gaulle auf die grundsätzliche Abschreckung durch Kernwaffen. Er glaubte, „einen eventuellen Gegner tödlich verletzen“ zu können, „sobald man dazu fest entschlossen ist“. Wer vom finalen Vernichtungsschlag träumte, musste logischerweise voraussetzen, dass er den möglichen Erstschlag eines Gegners überleben würde, oder musste den Selbstmord in seine Strategie einbauen.

Selbst wenn sich die Annahme bewahrheitet hätte, einen Erstschlag – wie auch immer – zu überleben, wäre Frankreich nicht des Dilemmas enthoben gewesen, dass es zu keinem Zeitpunkt über eine einsatzfähige Zweitschlagkapazität verfügte. Die NATO-Partner nahmen die extravaganten Marotten ebenso hin wie Adenauer de Gaulles Europapolitik. Schon vier Jahre vor dessen „Nein“ zu einem EWG-Beitritt Großbritanniens, das der General für ein „Protektorat der USA“ hielt, wusste Adenauer darüber Bescheid, ließ aber die Bonner Politik im Unklaren.

Heftige politische Reaktionen auf die Operation „Blaue Wüstenspringmaus“ Mitte Februar 1960 blieben so wenig aus wie Proteste gegen die folgenden Tests, die – den Farben der Nationalflagge von links nach rechts folgend – „Weiße“ und „Rote Wüstenspringmaus“ getauft wurden. Die Sprengkraft beim ersten Versuch lag bei 70 Kilotonnen, ungefähr das Vierfache der Hiroshima-Bombe. Beim letzten oberirdischen Versuch vom 25. April 1961, der aus nicht bekannten Gründen den Codenamen „Grüne Wüstenspringmaus“ trug, wurden gut 300 Soldaten in 700 Meter Entfernung der nuklearen Strahlung ausgesetzt, was erst später öffentlich bekannt wurde. Für die folgenden 13 unterirdischen Tests wählte man Bezeichnungen für Edelsteine von Achat über Granat bis hin zu Topas. Einem einzigen Soldaten wurde am 7. Juni 2008 als Strahlengeschädigtem eine Invalidenrente zugesprochen. Zuvor hatte ein Bericht des Senats mit dem Fazit verblüfft, diese Tests hätten die „zugelassenen Werte der radioaktiven Strahlung nie überschritten“.

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06:00 15.02.2020

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