Der Zeitpunkt ist gut gewählt

Prostitution Zum Appell der Zeitschrift Emma, das Gesetz zu ändern
Barbara Streidl | Ausgabe 44/2013 1

"Prostitution ist moderne Sklaverei", erklärt die Redaktion der Emma, des politischen Magazins von Alice Schwarzer. In einem Appell fordert Emma die Änderung jenes Gesetzes, das seit 2002 die Rechtsverhältnisse von Prostituierten regelt und die Sexarbeit in Deutschland von der Sittenwidrigkeit gelöst hat. Doch durch die Legalisierung sind Polizeikontrollen schwieriger geworden und gleichzeitig Großbordelle, die „Sex to go“ anbieten, entstanden. Die Emma-Macherinnen vermuten sogar einen Anstieg der Zwangsprostitution seit 2002.

In ihrem Appell fordern sie, verstärkt durch einen Reigen der deutschen Prominenz von Senta Berger über einige Unions-Frauen bis zu Maria Furtwängler, auch mehr Schutz für Frauen, die sich (unfreiwillig) prostituieren. Dass es ihnen aber um mehr geht, zeigt ihr Aufruf zu einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung von Prostitution. Dabei stoßen sie auf Widerstände, etwa den eben veröffentlichten Gegenappell einer Gemeinschaft von „selbstbestimmten freien Sexworker/innen“. Sie haben eine andere Definition von Prostitution: Sie „ist eine berufliche Tätigkeit, bei der sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt angeboten werden.“ Die Sexarbeits-Gemeinschaft spricht nur bei „Sex gegen den Willen der Beteiligten“ von „Vergewaltigung“ und zeichnet einmal mehr das schwer zu verkraftende Bild einer Frau, die ihren Körper gegen Geld genauso gern verkauft wie eine andere Frau gemischtes Hackfleisch.

Daneben ist auch das Pro-Prostitutions-Bündnis für die Stärkung der Sexworker-Rechte und die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Die Unterzeichnenden verbitten sich aber Hauruckmaßnahmen wie die Kriminalisierung ihrer Kundschaft. Diese Lösung wurde 1998 in Schweden durchgesetzt und hat zumindest die sichtbare Prostitution zurückgehen lassen. Weder die Grünen noch der Arbeitskreis sozialdemokratischer Frauen haben den Emma-Appell unterzeichnet, was vermuten lässt, dass Hauruck auch in der bundesdeutschen Politik nicht allen schmeckt.

Der Emma-Appell erinnert an die PorNO!-Kampagne des Magazins, die sich bedingungslos gegen jede Form von Pornografie ausgesprochen hat. Was mit diversen PorYES!-Kampagnen beantwortet wurde. Einmal mehr geht es der Emma-Redaktion darum, gesellschaftlich akzeptierte Gewalt gegen Frauen auf allen Ebenen zu bekämpfen. Was keineswegs eine feministische Spinnerei ist: Neben der Gretchenfrage, ob Prostitution nun wirklich ein Job wie jeder andere sein kann, ist auch die Rechtslage heikel: Das Prostitutionsgesetz ist am Familienministerium angesiedelt, soll aber doch die beruflichen Bedingungen verbessern, ist also eigentlich ein Thema für das Arbeitsministerium. Eine Schieflage gibt es auch auf steuerlicher Ebene. Prostituierte müssen wie alle anderen Erwerbstätigen Steuern zahlen, allerdings nach einer Sonderregelung, dem „Düsseldorfer Verfahren“, was eine tägliche Steuervorauszahlung verlangt, die über das Bordell abgerechnet wird.

Der Zeitpunkt für den Emma-Appell ist gut gewählt: Etwa 400.000 Frauen schaffen in Deutschland an, das zeigt, dass im Namen der Frauenpolitik nicht nur das Feld der Vereinbarkeit beackert werden sollte. Auch das Leben von Prostituierten kann auf jeden Fall noch verbessert werden.

06:00 13.11.2013
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