Hört uns endlich zu

Hanau Menschen wie mein Vater blieben stumm. Wir sind nun ihre Stimme
Hört uns endlich zu

Grafik: der Freitag

Ich will hier nicht über mich sprechen, viel lieber will ich Raum schaffen. Für jene, die in diesem Land lange stumm blieben. Es sind Leute wie mein Vater, wie mein Großvater, die mehr als die Hälfte ihres Lebens unter einer Flagge lebten, die sie nie so richtig annehmen konnten. Sie waren Arbeiter zu Gast, der Weg in die Heimat schien nah – bis die Heimat dann doch eine andere war. Ein Weg, der in langen repetitiven Integrationsdebatten und einem Kampf um Zugehörigkeit mündete. Sie waren stumm in diesen Debatten, hatten keine Stimme.

Es wurde über Identitäten von etlichen Individuen verhandelt, als wäre von sozialer Massenware die Rede. Im Elfenbeinturm der deutsch-deutschen Intelligenzija monologisierte man über Parallelwelten, die Überforderung in Deutschland war eloquent und selbstbestimmt. Und so folgte das eine dem anderen. Forderungen um Forderungen machten Menschen kleiner und kleiner. Sie waren die Kanaken, die Gastarbeiter, die Ausländer – und nun?

Ich bin in erster Linie jemand mit Migrationshintergrund, noch bevor ich gebürtige Berlinerin bin. Ich hatte aber diese Stimme. Ich konnte mich einklinken in all die Debatten, mit Mühe und wenig Einfluss konnten wir immerhin Präsenz zeigen. Wir waren da. Aber Menschen wie mein Großvater und mein Vater blieben stumm. Sie fanden ihre Sprache hier nie, waren buchstäblich der Hintergrund der Identitäten ihrer Nachkommen; wir waren die mit Migrationshintergrund, tragen die Migrationsgeschichten unserer Familien in unserem gesellschaftlichen Beinamen.

Mein Großvater und mein Vater sind vor 60 und vor 30 Jahren als Gastarbeiter in dieses Land gekommen. Mein Vater hat den anti-muslimischen und anti-kurdischen Rassismus der Türkei in den 1980er-Jahren unter dem Kemalismus erlebt. Ankommen in Deutschland, das hieß dann auch Ankommen im rassistischen Klima angesichts von Hoyerswerda, Mölln und Solingen.

Ein paar Groschen, nie Respekt

Er war 19 Jahre jung, Hoffnung und Fernweh im Koffer, die deutsche Hand – ackern, Kanake, du musst ackern! – führte ihn auf den Bau. Er hat geackert wie ihm geheißen, im Gegenzug ein paar Groschen, nie Respekt, nie eine Zukunft. Bis dato auf dem Bau, hart arbeitend, kommt mein Vater nach Hause, lauscht ein wenig Dengbêj (kurdische Volkslieder), dann den Nachrichten aus Hanau. In gebrochenem Deutsch murmelt er später etwas von Heimatlosigkeit. Die Fotos der Opfer flimmern auf dem Bildschirm, während er mich mahnt, nicht mehr so spät auf die Straße zu gehen. Wir müssten aufpassen, sagt er weiter, ja, ganz besonders wir.

Wir, das ist die Generation, die inmitten deutscher Gepflogenheiten sozialisiert ist, trotzdem und immer noch, wenn überhaupt, nur bis zu einem bestimmten Punkt dazugehört. Ja, auch wir können nun das Wort ergreifen, aber unser Wort wurde uns entweder vorgekaut, nachgesprochen oder nur in bestimmten Lesarten wahrgenommen. Wir sollten immer nur dann sprechen, wenn es von uns gefordert wurde. Sollten dankbar für diese Subsphäre sein. Aber was nach Hanau zu tun ist, ist das, was auch nach Solingen und Mölln zu tun war: Räume schaffen, sich zurückziehen und Menschen sprechen lassen, die mindestens wissen, was es heißt, trotz allen Bemühens und langen Zusammenlebens fremdbestimmt zu sein. Es vielleicht auch oft genug gefühlt, gehört, am eigenen Leib gespürt haben. Es sind nämlich genug da, die genug zu sagen haben.

Es besteht kein Grund, als Pressesprecher für eine gesamte Generation zu agieren. Wir sind hier und wir haben uns diese Stimme erkämpft. Aber vor allem haben uns die Generationen vor uns, die so lange stumm blieben, diese nun laute Stimme vererbt. Wir sind ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft, unsere Gedanken und Sorgen drehen sich um die Zukunft dieses Landes. Und wir haben ebendiesem Land einiges zu sagen. Was zu tun ist: Wagt einen Perspektivwechsel. Überlasst uns die Deutungshoheit von Diskursen, in denen es um uns geht. Hört auf, uns unbedingt irgendwie kategorisieren zu wollen. Und: Hört uns endlich zu.

Büşra Delikaya studiert Germanistik sowie Geschichte an der Universität Potsdam und schreibt freiberuflich

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06:00 27.02.2020

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