Zwischen den Welten

Rückkehr Viele Deutschtürken sind in den vergangenen Jahren in die Heimat ihrer Eltern gezogen. Nun wollen sie oft nach Deutschland zurückgehen. Ein Protokoll

Sirin Manolya Sak, 31, Journalistin und Moderatorin. Sie ging 2015 von Berlin nach Istanbul, lebt heute wieder in Berlin

Für eine gewisse Zeit in der Türkei zu leben und zu arbeiten, davon habe ich seit dem 15. Lebensjahr geträumt. Vor zweieinhalb Jahren bin ich nach Istanbul gegangen. Davor war ich immer mal wieder privat und beruflich dort. Ich hatte zwei Journalistenstipendien, das war der Auftakt, um länger dort zu bleiben. Eigentlich hatte ich aber eine coolere Zeit in der Türkei, bevor ich da dauerhaft hingegangen bin.

Viele Deutschtürken sind in den vergangenen Jahren in die Heimat ihrer Eltern gezogen. Nun wollen sie oft nach Deutschland zurückgehen. In der aktuellen Ausgabe des Freitag lesen Sie weitere Stimmen aus der Türkei, sowie einen Essay von der Schauspielerin und Kabarettistin Idil Nuna Baydar zum Thema Idenität

Dass man noch mal mit Werten konfrontiert wird – mit 30, wenn man den Schritt macht in eine Heimat, die nicht dein Zuhause ist. Und dann kam gleichzeitig der Wandel der Gesellschaft hinzu, der parallel zu meiner eigenen Erkenntnis fortschritt. Die Leute veränderten sich plötzlich, der Wortschatz und die Ansichten. Zum Beispiel das Wort „Vaterlandsverräter“. Wie das den Leuten plötzlich so schnell über die Lippen kommt, und ich sitze daneben und denke: „Oh Gott, das kenne ich aus dem Geschichtsunterricht.“

Das Wort ‚Vaterlands­verräter‘ hört man jetzt sehr schnell

In Deutschland bekomme ich immer den Stempel Deutschtürkin aufgedrückt. Deshalb habe ich dann gesagt: Okay, ich gehe in die Türkei und will auch Abstand von Deutschland haben. Und dann gehe ich dorthin und bekomme den anderen Stempel. Immer nur so, wie es passt. Wenn ich erfolgreich in Deutschland bin, dann bin ich die Deutsche mit türkischen Wurzeln. Wenn ich jemanden bedroht hätte, wäre ich wahrscheinlich die Türkin. Wenn es um Sachen geht, die der Türkei passen, ob es das Frauenbild ist, ob man Essen kocht oder so, dann ist man die türkische Frau, die sich so und so zu benehmen hat. Und wenn es um meine politische Meinung geht, dann bin ich die aus Deutschland.

Ich könnte zurück in die Türkei, aber ich will nicht, weil ich einen Beitrag für das ZDF gemacht habe und der wurde dort als kritisch interpretiert. Ich bin nach Deutschland zurückgekommen, weil ich hier zumindest weiß, wenn irgendwas ist – auch dieses Rechtssystem hat Lücken und teils benachteiligende Gesetze –, dass ich mir trotzdem auf jeden Fall einen Anwalt nehmen kann.

Das Gefühl, die Wurzeln loszulassen, hatte ich auch schon in Berlin, als ich der Stadt damals den Rücken gekehrt habe. Aber jetzt ist die Situation eine andere. Jetzt habe ich das Gefühl, meine Freiheit, meine Gedanken und meine Existenz sind in der Türkei bedroht.

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15:01 30.03.2017
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Ausgabe 42/2021

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