Städtebau als politische Performance?

Stadterneuerung Historischen Rekonstruktionen mangelt es oft an kritischem Potenzial und an Nachhaltigkeit. Bauten der Moderne verschwinden. Das Erbe ist ein Streitfall
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Städtebau als politische Performance?
Der Palast der Republik musste dem Stadtschloss weichen. Bei der Pflege des kulturellen Erbes wird zugunsten von Feudalbauten selektiert.

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Historische Stadterneuerungen sollen das geschichtliche und bauhistorische Erbe verblichener Glanzzeiten auferstehen lassen. Frankfurter Römer oder Dresdner Altstadt; weder Krieg noch die zur Durchsetzung urbanistischer Phantasmagorien erfolgten rigorosen Schleifungen historischer Altstadtsubstanz, konnten langfristig verhindern, dass architektonische Untote aus vormoderner Zeit auferstehen. Ich spreche nicht von dem, was erhalten wird. Sondern von jenem, was schon vergangen ist oder gar niemals da war. Die Rede ist von der Rekonstruktion.

Nett anzusehende Altstädte erblühten dank Stadtsanierung im neuen Glanz. Manche gleichen biedermeierlichen Puppenstuben. Die aufbereiteten Altstadtkulissen, durch die man Touristengruppen scheucht, haben oft mehr mit Themenparks als mit der Deutschen Klassik zu tun. An solche Spektakularisierung des urbanen Raums mag man sich mittlerweile gewöhnt haben und es tut manchem verschlafenen Kaff gut, mit dem Tourismus eine Lektion Weltoffenheit zu lernen. Fassungslos steht man indes vor den Zombies des schlechten Geschmacks, die klobig und konditorisch ornamentiert sich erneut in den Metropolen breit machen. Glaubt man den Verlautbarungen der Denkmalschützer, Architekten und Stadtplaner, so soll Retorteklassik ein Gegengewicht zur schnelllebigen Wegwerf-Architektur unserer Tage setzen. Aber tut sie das wirklich?

Oder dienen die neuen, alten Feudalbauten nicht dem selben Zweck wie die eintönigen Einkaufszentren? Längst hat das Konzept Shopping-Mall die privatisierte Teil- Öffentlichkeit im Innenraum verlassen. Das neue Kampffeld ist die Innenstadt, die gnadenlos kommerzialisiert wird. Die Künstlichkeit und die Lebensfeindlichkeit des Un-Ortes Einkaufszentrum sind mittlerweile integrale Bestandteile von Stadtplanungskonzepten. So wie die Einkaufszentren mit ihren kitschigen und billigen Inszenierungen griechischer Tempel oder sizilianischen Bauernlebens daherkommen, so kommt mir mitunter die Transformation unserer Städte vor.

Pflege des feudalen Erbe

Die Anklänge an architektonische Vergangenheit offenbaren sich mitunter als Staffagen der Stadtnutzungskonzepte. Was dergestalt zweideutig die Wiederkehr des Klassizismus anbelangt, könnte man nicht eigentlich froh sein, die großspurigen Zeugnisse aristokratischer Herrschaft losgeworden zu sein? Entsprechen diese historischen Anspielungen dem Bild einer demokratischen Kultur?

Die deutschen Städte zeigen sich beflissen, wenn es um die Pflege feudalen Erbes geht. Das geht in Ordnung. Denkmalschutz halt. Aber wenn die Existenz eines tatsächlich zu pflegenden Nachlasses simuliert werden muss, wird es peinlich. Ich habe mich oft gefragt, wie es angehen kann, dass solche Simulakren eines kulturellen Erbes so unkritisch und widerstandslos im öffentlichen Auftrage gebaut werden. Eine Historie von Schlössern und Kirchen, in welcher die heißen und kalten Kriege des 20. Jahrhunderts ausgeblendet werden, ist nicht meine Geschichte.

An den Abrissplänen für die Hamburger City-Hochhäuser, wichtige Zeugen kapitalistischer Nachkriegsästhetik, oder aber an der grauenhaften Umgestaltung des Berliner Alexanderplatz wird deutlich, wie wenig bauhistorisches Verständnis bei den zuständigen Stellen vorhanden sein muss oder wie dieses im kommerziellen Interesse offensichtlich unterschlagen wird. Einige Entscheidungen über den Erhalt von Zeugnissen der architektonischen Moderne scheinen gar von einem rückwärtsgewandten Geist getrieben, der bei der Pflege des kulturellen Erbes zugunsten von Feudalbauten selektiert. Denken wir an die verschiedenen Ideologien, welche mit Moderne einerseits oder Neoklassik andererseits verbunden sind, so gewährt das tiefe Einblicke in den "geistig-moralischen" Zustand der Republik seit der Wende.

Chance auf Neuanfang verspielt

Man braucht keine Träne vergießen, wenn planerischer Irrsinn wie die Relikte der automobilen Stadt oder schäbige Betonwüsten von der Bildfläche verschwinden. Ob Planstadt oder Sozialbunker, Holzwege gab es Ost wie West. Doch die Chance zu einem interessanten Neuanfang im vereinten Deutschland scheint verspielt. Sicher ist den Altstädten in den neuen Bundesländern dank Sanierung viel gutes widerfahren. Trotz Totsanierung hier und dort. Von einer hilflos zwischen High-Tech und Traditonalismus wandelnden Neubaukultur, die sich unter den Zwängen des billigen Bauens windet, zeugt heute jeder neue Bahnhof und jedes neue Einkaufszentrum. Auch Rekonstruktionen sind Neubauten. Ähnlich die Schwierigkeiten.

Die arglose Anpassung der Stadtbilder an Bedürfnisse des Tourismus sowie die Aushändigung des öffentlichen Raums an die urbanen Visionen privater Investoren sind intrinsische Probleme der Planung. Stadtbilder, so erforschte die Stadtsoziologin Martina Löw, dienten in Zeiten eines Städtewettbewerbs mehr denn je dem Stadtmarketing. Städte fungierten als Marken und verkauften anhand eines Bilderregimes historisierende Narrative ihrer Selbst. Mit geschichtlich irgendwie verankerten oder auch mit frei erfundenen Charakteristika versucht man, sich zu differenzieren. So ersteht in Berlin und Potsdam Preußens Glanz und Gloria auf. Historische Akkuratesse verpflichtet nicht. Auch das baumeisterliche Geschick vergangener Tage ersetzt mancherorts unbekümmert der Betonmischer. Jahrzentelange Bauzeiten verkürzen sich auf wenige Monate. Nur wenige Jahre nach Bauabschluss aufgetretene Schäden am Fachwerk, wie bei der Rekonstruktion des Frankfurter Römers oder Feuchtigkeitsschäden an der Dresdner Frauenkirche deuteten auf fehlende handwerkliche Kenntnisse und mangelnde Sorgfalt bei der Konzeption. Sie sind auch symptomatisch für die Schnelllebigkeit der wiederbelebten Geschichtsdenkmäler. Sind die neuen, alten Schlösser etwa auch nur Wegwerf-Architektur?

Wo bleibt die kritische Rekonstruktion?

Hier liegt ein grundsätzliches Problem bei der Umsetzung dessen, was mit der „Rückgewinnung bzw. Vertiefung der kulturellen Topographie“, wie es in der Dresdner Erklärung von 2001 heißt, gemeint war. Die Nachhaltigkeit manchen Wiederaufbaus lässt in baulicher Hinsicht zu wünschen übrig. Die Qualität einiger Bauten lässt kaum auf eine lange Lebensdauer hoffen. Neue Auflagen sind in den alten Bauweisen schwer realisierbar. Was indes an ideologischer Kritik laut wird, wenn es darum geht, Gründe für den Abriss von Bauten der Moderne zu finden, insbesondere östlicher Prägung, steht nicht auf selber Höhe mit einer vielerorts ausstehenden Auseinandersetzung mit Feudalarchitektur. Kritische Rekonstruktionen können eine sowohl spannende als auch lehrreiche Inspektion jener kulturellen Topographien bedeuten.

Leider dominiert diese Herangehensweise nicht und man darf sich fragen, ob in den neuerlichen Repräsentations-bauten nicht eine ästhetische Angleichung an das stattfindet, was Jürgen Habermas als „Refeudalisierung“ unserer Gegenwart konstatierte. Schaut man darauf, mit welch inszenatorischer Kraft Öffentlichkeit einerseits simuliert wird, während Privatisierung und Intransparenz bei der Entwicklung der Innenstadtbereiche eine immer breiter werdende Exklusion vorantreiben, so könnten einem solche Bedenken kommen. Denn dort, wo Motive der Partizipation und Konvivialität in den Exkursen der Stadtplaner und Investoren laut werden, wohnt schon bald keine Durchschnittsbevölkerung mehr.

Skopje: eine futuristische Planstadt

Durch die mazedonische Künstlerin Ivana Sidzimovska erfuhr ich von dem Projekt „Skopje 2014“. Sidzimovska forscht an der Bauhaus-Universität Weimar über die groß angelegte Transformation ihrer Heimatstadt seit 2009. Die national-konservative Regierung verfolgt mit dem überteuerten Stadtsanierungsprojekt eine komplette Neugestaltung der mazedonischen Hauptstadt. Die moderne, sozialistisch geprägte Fassade der Stadt war den Umgestaltern ein Dorn im Auge. Sie entschieden sich für eine krude Mischung aus Neoklassizismus und Neobarock, in der sie einen wahren Skulpturenpark von Reiterstandbildern und Heroen in musikalischen Springbrunnen anlegten.

Die Stadt Skopje hat im Lauf der Geschichte ihre Gestalt öfter wechseln müssen. Die 2000 Jahre alte Siedlung wurde bereits von römischer, byzantinischer und islamischer
Architektur geprägt. Das alte Skopje erfuhr im Jahr 1962 einen Totalschaden. In einem verheerenden Erdbeben wurde die Altstadt komplett zerstört. Wieder aufgebaut wurde sie als futuristische Planstadt. Den Aufbau des nördlichen Teils übernahm der polnische Architekt Adolf Ciborowski, der bereits mit dem Wiederaufbau Warschaus betraut gewesen war. Den südlichen Teil übernahm der japanische Stararchitekt Kenzo Tange, ein berühmter Vertreter des Brutalismus, jenes Baustils, der seinen Namen vom béton brut, also vom Sichtbeton erhielt.

Skopje's moderne Betonbauten wurden seit Beginn des Umgestaltungsprozesses „Skopje 2014“ mit neo- klassizistischen Fassaden eingeschalt. Aus der modernen Stadt aus Beton entstand ein Alptraum aus Styropor. Die groteske Ansammlung von kitschigen Reiterstandbildern beschwört die angeblich wahre Geschichte der Kapitale, die in dem Erdbeben nahezu alle Geschichtszeugnisse verlor. Den Mangel an historischem Inventar suchte die seit 2006 regierende VMRO-DPMNE zu kompensieren. So verpassten die Nationaldemokraten der Hauptstadt ein heroisches Stützkorsett. Die sozialistische Vergangenheit wurde eingegipst. Doch an der revisionistischen Geschichts-version scheiden sich die Geister. Die nationalistische Tendenz der Triumphbögen und Alexander-Denkmäler irritierte die Nachbarländer ebenso wie die albanische Minderheit und andere Bevölkerungsgruppen. Sie sehen sich nicht repräsentiert. Die Intransparenz der Vorgänge führte ebenfalls zur Klage durch das mazedonische Verfassungsgericht, welche man durch Gesetzesänderung kurzerhand beilegte. Die monumentale Bebauung Skopjes fand nicht nur Freunde. Initiiert durch den Architektenbund, versammelten sich am 29. Dezember 2014 Demonstranten, um ein Einkaufszentrum vor dem Umbau symbolisch zu schützen. Sie bildeten eine Menschenkette um das verbliebene Relikt des modernen Skopjes, sammelten 10.000 Unterschriften.

Utopia weicht Disneyland

Der utopische Baustil Kenzos ist Geschmacksfrage, der Wille zur Erneuerung legitim. Eines aber muss man Kenzo zugestehen: Sein Skopje war ein gut geplantes und zukunftsweisendes städtebauliches Ensemble, vom Mainstream abgehoben. Das Utopia von Gestern wurde durch ein Disneyland mazedonischen Heldentums ersetzt. Die bereits heute schon schadhaften Pappbauten sind mit ihren Säulen und falschem Stuck eine schäbige Kulisse für ideologisch gefärbten Mummenschanz. Die Baumängel entblößen, dass auch diese Anrufung jahrtausendealter Geschichte nicht für die Ewigkeit taugt, vielleicht kaum bis zum Ende der Legislaturperiode reicht. Die Fassaden aus Poly-Urethan und Styropor werden schon morgen Sondermüll sein. In ästhetischer Hinsicht, sind sie es bereits jetzt.

Was können wir von „Skopje 2014“ lernen? Eigentlich kaum mehr, als das, was wir aus bereits erfolgten Fehlern wissen. Lediglich die Zuspitzung, die sich hier aus der Allianz von
Historizismus und Wegewerfarchitektur ergibt, sollte für uns Signalwirkung haben. Das billige und profitorientierte Bauen setzt bedenkliche bis gefährliche Standards, die sich auch auf das Bauen im öffentlichen Auftrag auswirken.

Eine Entwicklung in Richtung performativer Architektur, also mit einem eventisierten Stadtbild, dessen Gebäude nur ein paar wenige Jahre überleben, hat nicht nur ökologisch kaum absehbare Konsequenzen. Auch die Tendenz mit dem Bauen, der eigenen Geschichte nicht länger Ausdruck verleihen zu wollen, sondern stattdessen mit entlehnter Historie an vermeintlich bessere Zeiten zu gemahnen, beinhaltet eine Vision von der Stadt, die sich an den Bedürfnissen der Bürger schon längst nicht mehr orientiert. Dabei zeigen die potemkinschen Dörfer von heute eine Anpassungsfähigkeit, der es immer gelingt, der Kritik zu entkommen. Kein Grund, sie nicht zu befragen.

Transparenz, Mitbestimmung und Nachhaltigkeit. Diese Floskeln liest man immer wieder. Wären sie Ernst gemeint, kämen wir einer demokratischen Baukultur vielleicht näher und bauten Städte zum darin leben.

13:17 17.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Diego Castro, (*1972) ist bildender Künstler, freier Kritiker und Sänger der Kreuzberger Garage-Punk-Band Black Heino.
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